06.02.2013

Meister aus der Provinz

Pro Vercelli holte sieben Titel und war bei Gründung der Serie A dabei

Irgendwie erinnert die Geschichte an die der SpVgg Fürth. Wie die Kleeblätter ist auch Pro Vercelli ein Klub mit großer Tradition, dessen herausragende Erfolge weit zurückliegen und der im modernen Fußball lange Zeit den Anschluss verlor, ehe er zum Comeback ansetzte. Seit 2012 spielt der siebenfache italienische Landesmeister immerhin wieder in der 2. Liga (Serie B). Wie in Fürth ist man auch in Vercelli stolz auf seine Kleinstadttradition und pflegt den Slogan „Pro Vercelli, una città, una squadra“.

Vercelli ist eine unscheinbare Kleinstadt zwischen Turin und Mailand im Piemont. Sie gilt als eine der ältesten Siedlungen in Norditalien. 47.060 Einwohner leben dort heute. Einst war Vercelli der größte Umschlagplatz für Reis in Europa und kam dadurch zu einigem Reichtum und Bedeutung, Der bis ins Jahr 1892 zurückreichende Fußballklub der Stadt gehört zu den ersten Sportvereinen in Norditalien. Von Professor Domenico Luppo als Società Ginnastica Pro Vercelli gegründet, betrieb man zunächst nur Turnen und Fechten. Nach Radfahren und Leichtathletik kam 1900 auch der Fußball dazu. Federführend war seinerzeit der Student Marcello Bertinetti – Vercelli verfügt über eine der ältesten Privatuniversitäten Italiens.

Moderne Trainingsmethoden

Binnen weniger Jahre stiegen die Schwarz-Weißen zu einer der erfolgreichsten Mannschaften in der Geschichte des italienischen Fußballs auf. 1908 qualifizierte sich Pro Vercelli als Regionalmeister erstmals für die Endrunde um die Landesmeisterschaft und sicherte sich dort ungeschlagen den ersten Scudetto der Klubgeschichte. Ein Jahr später folgte nach einem 2:0 im Endspiel gegen Milanese Mailand Titel Nummer zwei.

Pro Vercelli war ein modernes Fußballmärchen. Alle Spieler stammten aus der Kleinstadt im Piemont und waren blutjung. Das Durchschnittsalter der Meistermannschaft von 1908 betrug gerade einmal 20 Jahre. Das Erfolgsrezept des Teams um Kapitän Giuseppe Milano: moderne Trainingsmethoden. Pro Vercelli war der erste Verein in Italien, der systematisch Taktik und Fitness trainieren ließ. Eckbälle und Freistöße wurden im Training eingeübt, und statt den Ball einfach nach vorne zu dreschen, legte man bei Pro Vercelli hohen Wert auf Ballbesitz und Ballführung. Als fußballverrückte Kleinstadt hatte man zudem keinen Mangel an talentierten Nachwuchsspielern. Hinzu kam ein recht körperbetonter und rustikaler Spielstil. Mittelfeldakteur Guido Ara fasste die lokale Fußball-Philosophie gerne mit den Worten „Fußball ist kein Spiel für kleine Mädchen“ zusammen – die Schwarz-Weißen gewannen ihre Spiele vor allem durch Entschlossenheit und unerschütterlichen Teamgeist. Italien sprach seinerzeit respektvoll von den „Löwen“ aus Vercelli.

Neun Spieler in der Nationalelf

Aber der Klub geriet auch in die politischen Wirren der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Als ausnahmslos von Italienern gebildeter Kleinstadtklub wurde er zum Bannerträger der Nationalbewegung und Sinnbild im Kampf gegen die von Ausländern dominierten Klubs aus Großstädten wie Mailand und Turin. Im Mai 1910 lief die italienische Nationalmannschaft beim 1:0 über Belgien gleich mit neun Pro-Vercelli-Spielern auf – von denen acht zudem in Vercelli geboren und aufgewachsen waren – und trug anstelle der blauen Jerseys das weiße Hemd des Klubs. Im selben Jahr wurde der Siegeszug der „Bianche Casacche“ („Weißjacken“) allerdings kurzzeitig gestoppt – am grünen Tisch. Punktgleich mit Inter Mailand Sieger der Endrunde, wurde ein Entscheidungsspiel angesetzt. Weil Pro Vercelli am ausgewählten Termin jedoch bereits für ein Turnier zugesagt hatte, bat man um Verlegung, der Inter aber nicht zustimmte. Erbost entstandte Pro Vercelli daraufhin eine Jugendmannschaft aus 13- bis 15-jährigen, die erwartungsgemäß mit 3:10 verlor.

Anschließend in Unione Sportiva Pro Vercelli umgetauft, kehrten die Schwarz-Weißen 1911 umgehend auf den Meisterthron zurück. Dreimal in Folge ging der Scudetto anschließend in die Kleinstadt im Piemont. Die Mannschaft war schier unschlagbar. 1911 ließ man dem AC Vicenza beim 3:0 und 2:1 keine Chance, 1912 war der Venezia FC beim 6:0 und 7:0 chancenlos und 1913 fegte Pro Vercelli auch Lazio Rom mit 6:0 vom Feld. Seinen Höhepunkt erreichte der Klub 1914, als er zu einer Tournee nach Brasilien aufbrach und dort u.a. auf Flamengo Rio de Janeiro und Botafogo traf. Ganz Italien verneigte sich seinerzeit stolz vor Pro Vercelli.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg verlor der Klub seine herausragende Stellung. 1914 fehlte man erstmals seit sechs Jahren im Endspiel um die Meisterschaft. Nach dem Krieg geriet der fünffache Landesmeister dann in die Streitigkeiten zwischen den konkurrierenden Fußballverbänden FIGC und CCI. 1921 hatten sich die „Bianche Casacche“ um den angehenden Juventus-Star Virginio Rosetta mit einem 2:1-Endspielsieg über den SC Pisa ihren sechsten Titel gesichert, als sie 1922 auf die falsche Karte setzten und im CCI verblieben. Zwar wurde Pro Vercelli dessen Landesmeister, doch im inneritalienischen Ringen um Macht und Einfluss setzte sich der Konkurrenzverband FIGC durch und Pro Vercelli schaute in die Röhre. Dass die Mannschaft unverändert spielstark war, musste zwischenzeitlich auch der FC Liverpool anerkennen, der 1922 in Vercelli unterlag.

In der Meisterschaft aber wurde Pro Vercelli nun allmählich von den aufstrebenden Mannschaften von Genua 93, dem FC Bologna sowie den Turiner Klubs Juventus und Torino verdrängt. Eine Kleinstadtelf konnte eben nicht dauerhaft mit den Teams aus den großen Metropolen Norditaliens mithalten. Zunächst profitierte man aber noch von seiner vorzüglichen Nachwuchsarbeit. Darunter war ein weiteres Juwel: Silvio Piola, im nahegelegenen Pavia geboren und 1913 als kleine Junge zum US Pro Vercelli gekommen, stieg in den 1930er Jahren zum wohl ruhmreichsten Fußballer Italiens auf. Mit dem herausragenden Mittelstürmer zählten die Weißjacken 1929 zu den 18 Gründungsmitgliedern der neuen Nationalliga Serie A.

Der „Adler von Vercelli“

Doch während Piola, der „Adler von Vercelli“, zu einer steilen Karriere ansetzte und Italien 1938 in Frankreich zur Weltmeisterschaft führte, neigte sich die Ära Pro Vercellis in dramatischem Tempo ihrem Ende zu. 1933/34 wurden die Weißjacken in der Serie A noch einmal Siebter, ehe der siebenfache Landesmeister nach dem Abgang von Superstar Piola zu Lazio Rom in der Folgesaison aus dem Oberhaus abstieg und bis heute nicht zurückkehrte.

Und es kam noch schlimmer. Nach sechs Spielzeiten in der Serie B ging es 1941 sogar hinab in die Serie C, wo es die stolzen „Bianche Casacche“ plötzlich mit namenlosen Teams aus der Provinz zu tun bekamen. Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte man zwar wieder in der Serie B starten, doch als 1948 der erneute Abstieg kam, wurde die US Pro Vercelli endgültig selbst zu einem unbedeutenden Provinzteam. Zwischenzeitlich bis in die Viertklassigkeit abgerutscht, mischten die Piemonter ab 1956 zumindest wieder in der dritthöchsten Spielklasse mit, verschwanden jedoch 1962 abermals in der Serie D. 1970 kam es zu zwei dramatischen Entscheidungsspielen gegen die AS Biellese um den Aufstieg in die Serie C. Das Pro-Vercelli-Team um Kapitän Bruno Rossi setzte sich dabei im Stadio Comunale von Turin per Münzwurf durch, nachdem das Duell sportlich zweimal unentschieden ausgegangen war (4:4, 2:2). Doch 1978 ging es erneut zurück in Liga vier und 1979 sogar in die Fünftklassigkeit. Der siebenfache Landesmeister Italiens lag endgültig am Boden.

Fusion als letzter Rettungsanker

Bereits 1990 aus finanziellen Gründen in die Regionalliga verbannt und 2003 erneut nur knapp dem Konkurs entronnen, wurde der 16. Juli 2010 zum düstersten Tag der Klubgeschichte, als der völlig überschuldete Altmeister aus der Liga ausgeschlossen wurde. Um der drohenden Liquidation zu entgehen, wurde mit Unterstützung der Stadt Vercelli eine Fusion mit dem just in die Serie D aufgestiegenen Lokalrivalen AS Pro Belvedere Vercelli zum FC Pro Vercelli vorangetrieben. Dadurch in der 4. Liga verblieben, scheiterte man 2010/11 in den Aufstiegsspielen zur Lega Pro Prima Divisione (früher C1) zwar sportlich an Pro Patria (2:5, 2:0), durfte aber aufgrund von Zwangsabstiegen anderer Klubs nach 34 Jahren dennoch endlich in Italiens dritthöchste Spielklasse zurückkehren. 2011/12 schließlich gelang via Play-off gegen Carpi sogar die Rückkehr in die Serie B, womit Pro Vercelli nur noch einen Schritt von der Erstklassigkeit entfernt ist, die der deutsche Altmeister Fürth 2012 erreichte.

FC Pro Vercelli

Gründungsdatum: 1892.

Vereinsfarben: Schwarz-Weiß.

Stadion: Stadio Silvio Piola (6165 Plätze).

Internet: www.fcprovercelli.it

Italienischer Meister: 1908, 1909, 1911, 1912, 1913, 1921, 1922.

1. Liga (Serie A): 1929–1935.

2. Liga (Serie B): 1934–1941, 1945–1948, 2012/13.

3. Liga (Serie C): 1940–1943, 1948–1952, 1956–1962, 1970–1978, 2011-12.

Von Hardy Grüne

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