19.02.2017

Matthies, der Derby-Held

Fußballgeschichten wiederholen sich nicht? Von wegen! Zum Beginn der Saison in der DDR-Oberliga hatte Aufsteiger 1. FC Union im Berliner Derby den BFC Dynamo, im Spieljahr zuvor Tabellenzweiter, sensationell 1:0 bezwungen. Danach gehen die Wege ganz weit auseinander, die Eisernen gewinnen bis zur Winterpause von zwölf Spielen lediglich zwei und beginnen die Rückrunde als Tabellenletzter, die Männer aus Hohenschönhausen hingegen siegen sich bis auf Tabellenpatz 3 vor.

Das alles aber zählt beim „Rückspiel“ nicht die Bohne. Am Ende entscheidet wieder ein „goldenes“ Tor, ein frühes zumal, erneut wundern sich alle über eine Sensation, denn die Jungs aus Köpenick schlagen den haushohen Favoriten ein weiteres Mal mit 1:0 (1:0).


Ist im ersten Spiel Ulrich Netz nach 14 Minuten der Torschütze der Partie, so ist es ein anderer Ulrich, nämlich Mittelfeldspieler Werder. Sein Schuss aus 20 Metern landet haargenau im Dreiangel, unhaltbar für BFC-Schlussmann Reinhardt Schwerdtner.

Diesmal sind gerade einmal 21 Minuten gespielt, genug Zeit also für die Dynamos, den Rückstand auszugleichen und die Partie möglicherweise zu drehen. Aber wie vor einem halben Jahr, so rennen die Spieler um Reinhard Lauck und Peter Rohde dem 0:1 zwar verbissen, letztlich aber vergebens hinterher.

„Ich hatte darauf hingedeutet, dass Derbys unabhängig vom Tabellenplatz eine völlig andere Rangordnung besitzen“, so der verschnupfte BFC-Trainer Harry Nippert, „nun haben sich meine Befürchtungen bestätigt.“ Nahezu aus dem Häuschen ist Union-Coach Heinz Werner: „Das war eine taktisch und kämpferisch große Leistung unserer Mannschaft. So werden wir im Kampf gegen den Abstieg noch ein Wörtchen mitreden.“

Eine spezielle Note erhält die Partie durch das Bruderduell zwischen dem Dynamo Peter und dem Unioner Rainer Rohde. Sie treffen im Mittelfeld als unmittelbare Gegenspieler aufeinander. „Das hat mich schon ein wenig überrascht“, sagt Rainer, „denn Peter hat in den vergangenen Spielen zumeist im Abwehrzentrum gestanden.“ Doch der Gewinner-Bruder ist auch selbstbewusst genug, seine Rolle richtig einzuschätzen und meint: „Ich denke, dass das unerwartete Familienduell meine Leistung nicht beeinträchtigt hat.“

Letztlich bildet dieses familiäre Aufeinandertreffen nur eine kuriose Randnotiz, denn gerade in der letzten Viertelstunde überschlagen sich die Ereignisse. Weil Torschütze Werder vom Erfurter Schiedsrichter Adolf Prokop wegen Foulspiels vom Platz gestellt wird (78.), auf der anderen Seite die Rote Karte gegen Schwerdtner aber nicht gezogen wird, obwohl er den allein auf ihn zukommenden Klaus-Dieter Helbig bewusst foult, wird es für die Köpenicker eine eiserne Abwehrschlacht.

Einerseits haben sie Glück, weil Lauck mit einem Freistoß zum insgesamt dritten Mal die Latte trifft (84.) und andererseits Wolfgang Matthies das Spiel seines Lebens absolviert. Sein Meisterstück liefert der Union-Torhüter, als er einen Elfmeter von Bernd Brillat hält (74.).
Auch die Geschichte um diesen Elfmeter ist eine ganz eigene. Vier Tage zuvor, die Unioner kassieren in ihrem letzten Testspiel, einem 3:2 gegen Szomierki Bytom, einen Strafstoß. Brillat, in dieser Partie als Kiebitz dabei, merkt sich, in welche Ecke Matthies springt - und schießt den Ball logischerweise in die andere. Nur hat er nicht damit gerechnet, dass sich auch der Torhüter seine Gedanken gemacht hat. „Ich wusste“, sprudelt Matthies vor lauter Glück heraus, „dass Brillat bei unserem Test als Zuschauer da war und habe mich deswegen für die andere Ecke entschieden.“
Damit gibt es auf Seiten des Siegers viele Helden, einer aber ist es ganz besonders: Wolfgang Matthies.

Von Robert Klein

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