17.09.2017

Lindemanns spätes Debüt

Eigentlich hätte Lutz Lindemann gleich in Berlin bleiben können. Nur das Stadion möge der Mittelfeldspieler bitte wechseln. Aus der Alten Försterei, wo er gerade mit dem FC Carl Zeiss Jena beim 1. FC Union durch ein Tor von Karsten Heine (61.) 0:1 verloren hat und mit den Thüringern auf Tabellenrang 9 abgeschmiert ist, fünf Plätze hinter den Eisernen, muss er ins Stadion der Weltjugend. 

Dort steht vier Tage nach der Partie um Oberligapunkte ein Länderspiel gegen Schottland bevor. Es ist das erste Heimspiel für die DDR gegen die Bravehearts nach einem 0:3 drei Jahre zuvor in Glasgow. Viel wichtiger aber für Lindemann: Er steht, endlich, im Spätsommer 1977, vor seinem Debüt in der Nationalelf.


Dass es dazu kommt, ist durchaus ungewöhnlich, denn Lindemann ist bereits 28 Jahre alt und hat eine nicht ganz linienförmige Vergangenheit hinter sich. Aus Halberstadt kommt er, einer Stadt im Harz-Vorland, und zum 1. FC Magdeburg soll der veranlagte junge Mann delegiert werden. Doch dort fasst er nicht recht Fuß. Als 18-Jähriger steht er zwar auf dem Sprung ins Oberligateam der Bördestädter, zuvor aber soll er, von Kult-Trainer Heinz Krügel dafür ausgesucht, seinen Mitspielern einen Vortrag über das Bruderland Bulgarien halten. Dorthin nämlich geht die nächste Reise des 1. FCM. Doch kaum hat Lindemann damit begonnen, etwas über Sofia und den Fußball dort zu erzählen, biegen sich die anderen vor Lachen. Krügel findet es gar nicht lustig und lässt den Spaßvogel zu Hause.

Damit hat sich der große Karrieresprung als Rohrkrepierer erwiesen, zunächst jedenfalls. Zu Stahl Eisenhüttenstadt soll der Offensivmann gehen, das schmettern die Magdeburger aber ab und schicken den renitenten jungen Mann zur Armee. Der kickt dort nur noch aus Spaß, verletzt sich dabei schwer und ist angeblich nur noch für die 2. Liga tauglich. So kommt er über seine Heimatgemeinschaft Lok Halberstadt 1970 zu Motor Nordhausen West und wird dort von den Spähern von Rot-Weiß Erfurt ein zweites Mal entdeckt. Bei den Rot-Weißen ist Lindemann bald der Star. Wenig später schon buhlen die Jenenser um den Spielgestalter, doch erst 1977 gelingt es Zeiss-Trainer Hans Meyer, ihn ins Ernst-Abbe-Sportfeld zu locken.

Nun also im September 1977 das Länderspiel gegen Schottland, die späte Krönung seiner Laufbahn. Weil Lindemann aber alles andere schon überstanden hat, geht er auch dieses Spiel ganz entspannt an – und ist beim 1:0-Sieg, den der Dresdner Hartmut Schade mit seinem Tor in der 67. Minute herausschießt, einer der Besten. Lampenfieber kennt er nicht, selbst der Respekt vor dem Gegner um den großen Kenneth Dalglish vom FC Liverpool hält sich in Grenzen.
Damit ist Lindemann zwar ein ganz später, aber umso bemerkenswerterer Debütant.

Von Robert Klein

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