Mein Fußball-Woche

08.03.2014

Kleine Stadt, großer Klub

Der zweimalige englische Meister FC Burnley und seine ungeheuer treue Fangemeinde träumen von der Rückkehr in die Premier League

1961 war ein einschneidendes Jahr im englischen Profifußball. Nach jahrelangen Kämpfen und Streitereien wurde der sogenannte „salary cup“ aufgehoben – eine Gehaltsobergrenze, die bis dahin für den gesamten englischen Profifußball galt. Schlagartig öffnete sich daraufhin die Schere zwischen jenen Klubs, die von ihrer Nachwuchsarbeit und klugen Rekrutierungspolitik „lebten“ und sich vor allem über Zuschauereinnahmen finanzierten sowie jenen, hinter denen finanzstarke Mäzene und Gönner standen. In der Folge schnappten sich finanzstarke Großklubs wie Liverpool, Everton, Manchester United, Leeds, Arsenal und Tottenham die Leistungsträger kleinerer Vereine und bildeten eine Leistungsspitze, die Englands Fußball fortan dominieren sollte.

Letzter Landesmeister vor der Reform war mit dem Burnley FC ein klassischer Vertreter des „alten“ Fußballs. Burnley ist eine von der Textilindustrie geprägte Kleinstadt in Lancashire, die selbst in ihren schillerndsten Tagen auf kaum 100.000 Einwohner kam. Im Norden des Industriegürtels von Nordengland gelegen, stand der FC Burnley in heftiger Konkurrenz zu vielen ähnlich geprägten Malocherklubs und bestach weniger durch schillernde Fußballstars als vielmehr durch Gemeinschaftsgeist, Leidenschaft und eine ungeheuer treue Fangemeinde.

Wie im Industriemuseum

Heute ist Burnely eine von diesen Städten Englands, die aus der Zeit gefallen scheinen. Ein Besuch ist wie ein Spaziergang durch ein Industriemuseum. Grimmige Backsteinbauten, zerfallende Industriebrachen, düstere Kaschemmen, von nüchternem Realismus (oder Hoffnungslosigkeit) geprägte Atmosphäre – Burnley lockt wahrlich keine Sightseeingtouristen an. Früher half der örtliche Fußballklub, den tristen Lebensalltag zu erhellen. In Zeiten des Turbokapitalismus auch im Fußball gelingt aber auch das nicht mehr. Selbst die „Burnley Building Society“, in den 1990ern noch ein Marktführer unter den Bausparkassen im Vereinigten Königreich und Symbol für den vollzogenen Wandel Burnleys von der Industriekultur zur Moderne, ist inzwischen Geschichte.

Mitbegründer der Football League

Der Burnley Football Club wurde 1881 als Burnley Rovers gegründet. Anfänglich Rugby spielend, votierte man 1882 für den „richtigen“ Fußball und gab sich den Namen Burnley FC. 1883 eröffneten die Bordeuxrot-Blauen mit dem Turf Moor einen Sportplatz, der bis heute beackert wird – Burnleys Ground ist damit einer der ältesten in Großbritannien. Angetrieben von den großen Fußballerfolgen in den Nachbargemeinden Accrington, Darwen und Nelson – drei der früheren Protagonisten des Fußballs in Nordengland – schwoll auch in Burnley das Fußballfieber rasch an. Nach ein paar überzeugenden Auftritten im FA Cup wurde Burnley 1888 zwar Gründungsmitglied der First Division, pendelte jedoch bis zum Ersten Weltkrieg zwischen erster und zweiter Liga. 1914 erreichten die „Clarets“ erstmals das Pokalfinale und sicherten sich im Stadion der Weltausstellung von Crystal Palace durch einen 1:0-Sieg über Liverpool ihre erste große Trophäe. König Georg V übergab seinerzeit höchstpersönlich den Pokal – Fußball war in England gerade in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen.

Erster Meistertitel 1921

Nach dem Ersten Weltkrieg drangen die Nordengländer unter ihrem einflussreichen Trainer John Haworth erstmals in die Spitze der nationalen Eliteliga vor. 1920 wurde Burnley Vizemeister hinter West Bromwich Albion und legte 1920/21 eine sagenumwobene Saison hin, als man 30 Spiele in Folge ungeschlagen blieb und sich erstmals die Landesmeisterschaft sicherte. Erst 2003/04 sollte der FC Arsenal mit einer gänzlich niederlagenlosen Saison diesen Rekord brechen. Der Erfolg war jedoch nicht von Dauer, denn im Verlauf der 1920er Jahre liefen Liverpool und vor allem Herbert Chapmans Huddersfield Town den „Clarets“ den Rang ab. 1925 verließ Erfolgscoach Haworth Turf Moor, und 1930 verschwand Burnley erneut in der Zweitklassigkeit.

1947 wieder im Pokalfinale

Während das lokale Ausnahmetalent Tommy Lawton in Everton Karriere machte, mussten Burnleys Fans bis nach dem Zweiten Weltkrieg warten, ehe ihr Team an alte Erfolge anknüpfte. 1947 erreichte man zum zweiten Mal das FA Cup-Finale und scheiterte als Zweitligist höchst unglücklich in der Verlängerung an Charlton Athletic. Im selben Jahr war auch die Rückkehr in die First Division gelungen, in der sich die vom früheren Kapitän Alan Brown trainierte Elf im Laufe der 1950er Jahre erneut etablierte.

Geführt wurde der Verein inzwischen vom Fleischproduzenten Bob Lord, einem klassischen Vereinspatriarchen, der bis 1980 im Amt bleiben sollte. Lord ahnte seinerzeit, dass sein Klub mit den aufstrebenden und sponsorenunterstützten Großvereinen Liverpool und Manchester United nicht dauerhaft würde konkurrieren können, da er fast ausschließlich von den Spieltagseinnahmen leben musste. Er konzentrierte sich daher auf die Nachwuchspolitik, mit der zusätzliche Gelder in die Vereinskassen gespült werden sollten. Auf Lords Initiative eröffnete Burnley als einer der ersten englischen Profiklubs eine Fußballakademie, in der junge Talente gezielt gefördert wurden. 1957 übernahm Harry Potts die Trainingsleitung und führte die Elf um das Mittelfeldduo Jimmy Adamson und Jimmy McIlroy 1959/60 mit einem 2:1 über Manchester City zur zweiten Landesmeisterschaft nach 1921. Ein Triumph vor allem für Trainer Potts, der zuvor verfügt hatte, dass jede Burnley-Mannschaft von der Jugend bis in den Seniorenbereich nach demselben System zu spielen habe – damit sollte ein fließender Übergang zwischen den Mannschaften gewährleistet werden.

Bodenständiges Meisterteam

Darüber hinaus forderte Potts von seinen Spieler höchste Flexibilität. Niemand durfte starr auf seiner Position bleiben, jeder sollte sich stets entsprechend der Spielsituation verhalten. Burnley spielte also das, was später von Ajax Amsterdam als „total football“ bezeichnet wurde. Zudem war es eine heimische Erfolgself, denn von den 18 Spielern im Meisterkader stammte die Hälfte aus dem eigenen Nachwuchs. Lediglich für die beiden aus dem nordirischen Glentoran gekommenen Jimmy McIlroy und Alex Elder hatte Burnley Geld bezahlen müssen.

Dramatische Duelle mit dem HSV

Im Landesmeisterwettbewerb 1960/61 konnten sich auch die deutschen Fans von der Spielstärke der Elf aus dem Nordosten von Lancashire überzeugen, als es im Duell gegen den Hamburger SV nach einem 3:1 in England zu einem dramatischen Rückspiel in Hamburg kam, das der HSV mit 4:1 gewann. In der Liga wurde Burnley unterdessen 1961 Vizemeister und erreichte 1962 erneut das Pokalfinale, das mit 1:3 gegen Tottenham verloren ging.
Burnley galt seinerzeit zwar unter den Experten als das Team der Zukunft, doch es besaß keine Zukunft. Zum einen hatte Bill Nicholson in Tottenham ein spielstarkes Team aufgebaut, das 1962 das Double gewann und die Führung übernahm. Zum anderen waren da die Folgen der Aufhebung des Salary Cup, die man in Burnley deutlicher als anderswo spürte – u.a. ging Goalgetter McIlroy nach Stoke, was wütende Proteste der Fans nach sich zog.
Während der verschrobene Klubchef Lord bisweilen Journalisten aus dem Stadion verbannte, weil ihm die Berichterstattung nicht passte, wurden die Clarets mit Talenten wie Martin Dobson und Leighton James zwar als kultiges „Team of the Seventies“ gefeiert, das aber keine Erfolge feierte.

Rettung am allerletzten Spieltag

1971 kam gar der Abstieg, dem eine kurze Renaissance folgte, ehe Burnley 1979 erstmals in die 3. Liga abstürzte und zudem um Klubpatron Bob Lord trauerte, der 1981 verstarb. 1985 versank der Verein erstmals in der Viertklassigkeit, wo man 1987 erst am allerletzten Spieltag mit einem 2:1-Sieg über Leyton Orient den Sturz aus der Football League verhinderte.

Erst in den 1990er Jahren erholte sich der Klub, erreichte 1992 die 3. Liga und 1994 die 2. Liga, während das altehrwürdige Stadion Turf Moor sukzessive modernisiert wurde. Anschließend pendelte man zwischen zweiter und dritter Liga, ehe im Juni 2004 Steve Cotterill die Trainingsleitung übernahm und eine neue Erfolgsära einläutete. Mit Spielern wie Gary Cahill und Ade Akinbiyi bestätigte Burnley zudem seinen Ruf als Talenteschuppen. Nachdem Owen Coyle im November 2007 Cotterill abgelöst hatte, führte er die „Clarets“ 2008/09 in die Play-offs zur Premier League, wo mit einem 1:0 gegen Sheffield United nach 34 Jahren halbwegs unerwartet die Rückkehr ins englische Fußball-Oberhaus gelang.
Dort als kleinste Stadt in der Geschichte der Premier League und zugleich großer Sympathieträger ins Rennen gegangen, musste man nach Saisonende direkt wieder absteigen. In diesem Jahr nun könnte die Rückkehr in die Premier League gelingen. Aktuell steht Burnley auf einem direkten Aufstiegsplatz.

Die größten Erfolge des FC Burnley

Englischer Meister: 1921, 1960.
Englischer Vizemeister: 1920, 1962.
Englischer Pokalsieger: 1914.
Englischer Pokalfinalist: 1947, 1962.

Die prominentesten ehemaligen Spieler

Ade Akinbiyi (nigerianischer Nationalspieler, 2005/06 und 2007–09 bei Burnley); Charlie Austin (82 Spiele und 41 Tore für Burnley von Januar 2011 bis Mai 2013); Eric Djemba-Djemba (Nationalspieler Kameruns, WM-Teilnehmer 2002; 2007 an Burnley ausgeliehen); Paul Gascoigne (englischer Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1990, Schottlands Fußballer des Jahres 1996, 2002 beim FC Burnley); Jimmy McIlroy (nordirischer Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1958, Mitglied des Meisterteams von 1960); Mike Summerbee (englischer Nationalspieler, englischer Meister mit Manchester City 1968, 1975/76 bei Burnley); Ian Wright (englischer Nationalspieler, Zweitliga-Aufstieg mit Burnley 2000); Colin McDonald (englischer Nationalspieler, WM-Teilnehmer 1958) sowie u.a. Jimmy Adamson, John Angus, Tommy Boyle, Mohammed Camara, Alex Elder.

Das Stadion

Der FC Burnley trägt seit 1883 seine Heimspiele im Turf Moor aus, das zurzeit 22.546 Plätze bietet. Seinen Rekordbesuch verzeichnete Burnley am 23. Februar 1924 im FA Cup gegen Huddersfield Town mit 54.775 Zuschauern.

Von Hardy Grüne

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