Mein Fußball-Woche

14.02.2013

Kampffußball in weißen Jerseys

Niemals aufgeben: Dieser Einstellung und den fanatischen Fans verdankt der Yorkshire-Klub Leeds United seinen Mythos

Anhängern des VfB Stuttgart mag beim Stichwort „Leeds“ noch immer eine Gänsehaut über den Rücken gehen und bei ihnen böse Erinnerungen an Christoph Daums Wechselfehler anno 1992 aufkommen lassen. Für alle anderen Fans indes ist Leeds vor allem ein Mythos. Ein Mythos, der in erster Linie mit den Namen Don Revie und Billy Bremner verbunden ist, die die Mannschaft aus der Textilstadt in West Yorkshire 1975 bis ins Endspiel um den Europapokal der Landesmeister führten, wo sich allerdings der FC Bayern München durchsetzte. Dass sich einige Anhänger der Briten nach dem Spiel wilde Straßenschlachten mit der Pariser Polizei lieferten, gehört ebenfalls zum „Mythos Leeds“. Denn kaum ein Verein in England verfügt über derart fanatische Fans wie Leeds United.

Der Leeds United Association Football Club wurde am 4. Oktober 1919 gegründet. Das ist für britische Verhältnisse bemerkenswert spät. Tatsächlich reichen die Wurzeln des Klubs auch viel weiter zurück, denn bereits 1904 entstand ein Klub namens Leeds City. Als dieser während des Ersten Weltkriegs unter Trainer Herbert Chapman illegale Zahlungen an seine Spieler leistete, wurde er auf Druck des Nationalverbandes FA aufgelöst und als Leeds United AFC neu gebildet. 1920 nahm jener Klub den Spielbetrieb in der Second Division der Football League auf und erreichte bereits 1924 unter Trainer Arthur Fairclough das Fußball-Oberhaus des Mutterlandes.

Der Retter Don Revie

Bis weit in die 1950er Jahre kamen die „Whites“ jedoch nicht über die Rolle einer Fahrstuhlmannschaft hinaus und pendelten zwischen erster und zweiter Liga. Nachdem 1959 der walisische Nationalspieler John Charles für die Rekordsumme von 65.000 Pfund an Juventus Turin verkauft worden war, drohte 1960/61 sogar der Sturz in die Drittklassigkeit. Der Retter hieß Don Revie, ein früherer für Leeds spielender Nationalmittelstürmer, der im März 1961 die Trainingsleitung an der Elland Road übernahm.

Leeds stand zu jenem Zeitpunkt mit dem Rücken zur Wand. Finanziell schwer angeschlagen, sportlich unattraktiv, insgesamt ohne Perspektive. Revie ließ sich davon nicht einschüchtern. Akribisch bastelte er ein Erfolgskonzept für den Verein, der schon damals über eine ungewöhnlich treue und fanatische Anhängerschaft verfügte. Er sammelte alle möglichen Daten über gegnerische Spieler und Schiedsrichter, massierte seine Spieler höchstpersönlich, verwandelte seine Elf mit modernen Trainingsmethoden in das fitteste der gesamten Liga und verpasste ihm einen schneeweißen Dress, der an die große Mannschaft von Real Madrid der 50er Jahre erinnern sollte. 1963/64 kehrten die nunmehr „The Whites“ genannten Nordengländer zurück in die First Division und starteten eine sagenhafte Erfolgsserie. Schon im ersten Jahr wurde die Revie-Elf Vizemeister und erreichte das Pokalfinale (1:2 n.V. gegen Liverpool). Anschließend war Leeds mit seinem körperintensiven Kampffußball für mehr als ein Jahrzehnt stets unter den stärksten Teams Englands zu finden und schuf sich eine landesweite Fanbasis. Die „never-give-up“-Attitüde der Elf aus Yorkshire gefiel den Fans im ganzen Königreich und brachte Leeds hohen Respekt bei seinen Gegnern ein.

Der giftige Rotschopf

Symbolfigur für den Rackerfußball war Billy Bremner. 17-Jährig aus seiner schottischen Heimat nach Leeds gekommen, verkörperte der giftige Rotschopf jenen körperintensiven und kratzbürstigen Kampffußball, mit dem Leeds 1968 gegen Ferencvaros Budapest zunächst den Europa-League-Vorläufer Messepokal gewann und 1969 dann erstmals Landesmeister wurde. 1971 folgte Messepokal Nummer zwei, ehe 1972 nach einem 1:0 im Endspiel gegen Arsenal London erstmals auch der legendäre FA Cup in die Trophäenkammer an der Elland Road ging und Leeds 1973 erst im Endspiel des europäischen Pokalsiegerwettbewerbes vom AC Mailand gestoppt wurde (0:1). Nach der zweiten Landesmeisterschaft 1974 erreichte die Bremner-Elf dann 1975 mit dem Finale um den Europapokal der Landesmeister ihren Zenit, unterlag in Paris allerdings den deutlich spielstärkeren Bayern aus München.

Ein Jahr zuvor hatte Erfolgstrainer Revie den Verein verlassen und die englische Nationalmannschaft übernommen. Sein Nachfolger war mit Brian Clough ausgerechnet einer seiner größten Kritiker, dessen Amtszeit an der Elland Road auch lediglich 44 Tage währte. Begleitet von ständigen Trainerwechseln und regelmäßigen sportlichen Enttäuschungen verteidigte Leeds anschließend noch bis 1982 seinen Erstligastatus und verschwand anschließend in der zweiten Liga.

Dritter Titel – mit Eric Cantona

Als der Klub Ende 1988 erneut vor dem Sturz in die Drittklassigkeit stand, übernahm Howard Wilkinson das Training und führte „The Whites“ 1990 in die First Division zu-rück. Nachdem sich das Team um den durch einen geschickten Schachzug an die Elland Road gelockten Eric Cantona dort 1991/92 sogar die dritte Landesmeisterschaft gesichert hatte, schien die Renaissance vollendet zu sein. Doch der Verlust von Leistungsträgern wie Cantona, Gordon Strachan, Lee Chapman und Mel Sterland ließ die Yorkshire-Elf in der Folge ins Mittelmaß abstürzen. Kurz nach einem indiskutablen 0:3 im Ligapokalfinale 1996 gegen Aston Villa musste Trainer Wilkinson gehen. Unter seinem Nachfolger George Graham, der zuvor wegen seiner Verwicklung in undurchsichtige Spielertransfers von der FA gesperrt gewesen war, gelang trotz Ausnahmefußballern wie Jimmy Floyd Hasselbaink erst 1998 mit Platz vier die Rückkehr auf die europäische Bühne.

Noch einmal blühte Leeds United nun auf. Graham-Nachfolger David O'Leary nahm eine drastische Verjüngung vor und erreichte 2000 mit Spielern wie Alan Smith, Ian Harte und Paul Robinson im UEFA-Cup erstmals seit 25 Jahren wieder ein europäisches Halbfinale. Die Duelle gegen Galatasaray Istanbul nahmen allerdings nicht nur sportlich ein tragisches Ende, denn bei einer Messerstecherei in Istanbul kamen zwei Leeds-Fans ums Leben.

Im Halbfinale der Königsklasse

2001 gelang dem Team um Rio Ferdiand und Robbie Keane sogar der Einzug ins Halbfinale der Champions League, wo jedoch gegen den FC Valencia das Aus kam. Sein Erfolg sollte dem Klub anschließend beinahe das Genick brechen. Denn im Vertrauen auf das erneute Erreichen der Champions League hatte Klubchef Peter Ridsdale hohe Kredite aufgenommen, die zur untragbaren Last wurden, als die Qualifikation verfehlt wurde. Starspieler Rio Ferdinand wurde an Manchester United verkauft, Trainer O'Leary musste gehen, Nachfolger Terry Venables zerstritt sich mit Klubchef Ridsdale und 2004 war Leeds am Ende. Akut von der Insolvenz bedroht, musste man Vereinsimmobilien und Spieler verkaufen, stieg nach 14 Jahren wieder aus der Premier League ab und wurde schließlich im Herbst 2004 für zehn Mio. Pfund vom umstrittenen früheren Chelsea-Besitzer Ken Bates übernommen.

2006 in der Relegation zur Premier League noch knapp an Watford gescheitert, nahm das Drama 2006/07 vollends seinen Lauf. Wegen eines Insolvenzverfahrens wurden „The Whites“ zehn Punkte abgezogen und der Klub landete erstmals in der 3. Liga. Dort musste man 2007/08 wegen der ungeklärten finanziellen Situation mit einem Abzug von diesmal sogar 15 Punkten an den Start gehen.

Aufstieg im dritten Anlauf

Trotz des erheblichen Handicaps erreichte die Mannschaft dank eines großartigen Schlussspurts die Play-off-Spiele, unterlag im Endspiel in Wembley jedoch ausgerechnet dem ungeliebten Nachbarn Doncaster Rovers. 2009 war sogar schon im Halbfinale der Play-offs gegen Millwall Schluss, ehe Leeds United am 8. Mai 2010 mit einem 2:1 gegen die Bristol Rovers zur Freude der gewaltigen Fanschar in die zweithöchste Spielklasse zurückkehrte. Von der erträumten Premier League ist der Klub seitdem jedoch weit entfernt. Viele Fans bemängeln, dass Klubchef Bates viel zu wenig investieren würde. Seit der Übernahme des Klubs durch die aus dem Mittleren Osten stammende Gruppe GFH Capital Ende 2012 fungiert Bates nun allerdings nur noch als Klubpräsident, und in der laufenden Saison 2012/13 dürfen die treuen Leeds-Anhänger zumindest vom Erreichen der Play-off-Spiele träumen. Gutes Omen: Trainer Neil Warnock führte 2006 bereits den Yorkshire-Rivalen Sheffield United in die Premier League.

Leeds United

Gründungsjahr: 1919.

Vereinsfarben: Blau-Weiß-Gelb.

Stadion: Elland Road (39.460 Plätze).

Internet: www.leedsunited.com

Englischer Meister: 1969, 1974, 1992.

Englischer Pokalsieger: 1972.

Englischer Ligapokalsieger: 1968.

Messepokalsieger: 1968, 1971.

First Division/Premier League: 1924–1927, 1928–1931, 1932–1940, 1946/47, 1956–1960, 1964–1982, 1990–2004.

Second Division/Championship: 1920–1924, 1927/28, 1931/32, 1947–1956, 1960–1964, 1982–1990, 2004– 2007, seit 2010/11.

Von Hardy Grüne

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