01.10.2017

„Junge Welt“ traut sich was

In dieser Woche vor 30 Jahren

Es hat durchaus schon größere Desaster gegeben im DDR-Fußball als dieses. Und doch ist die Reaktion auf das Abschneiden der vier Oberligisten in der Europacup-Auftaktrunde 1987/88 anders als sonst. Bei ähnlichen Anlässen, da der DFV der DDR sogar fünf Vertreter für die drei Wettbewerbe stellen darf und sie komplett in Runde 1 die Segel streichen, wird noch nach Gründen gesucht, warum das so ist und wie stark die Gegner doch daherkommen. Gern wird da schon mal die Ausrede benutzt, dass die sich durch ausländische Stars verstärkt haben und sowieso ja Profis sind. Als ob der Status eines Staatsamateurs anders sei.

Davon hat zumindest die Tageszeitung „Junge Welt“ mit Erscheinungstag 2. Oktober 1987 die Nase voll. Sie wird zwei Tage nach dem Ausscheiden des BFC Dynamo im Pokal der Landesmeister, des 1. FC Lokomotive Leipzig im Pokal der Pokalsieger und von Dynamo Dresden im UEFA-Pokal gegen Spartak Moskau mit einem weißen Fleck auf ihrer Sportseite gedruckt. Über dem weißen Fleck steht lediglich: „Drei schieden aus – Kommentar überflüssig!*“ Das Sternchen hat durchaus seine Bedeutung, doch dazu später.


Diese ungewöhnliche und letztlich einmalige Reaktion einer Sportredaktion hat ihre Ursachen. Lange schon hat der Fußball im Sportland DDR keine nennenswerten internationalen Erfolge mehr eingefahren. Die Medaillengewinne bei Olympischen Spielen (1964, 1972 jeweils Bronze, 1976 Gold und 1980 Silber) liegen lange zurück, der einzige Europapokalsieg, der des 1. FC Magdeburg bei den Pokalsiegern, ist auch schon wieder 13 Jahre her und ein wenig verstaubt und die einzige Teilnahme an einer Weltmeisterschaft ebenso.

Die „Junge Welt“ also traut sich, was sich keine andere Zeitung erlaubt. Nun gut, sie hat mit ihrer Auflage bereits 1977 die Millionengrenze überschritten und ist längst auflagenstärker als das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“. Nur wagt die Chefredaktion keinen Alleingang, sondern hat sich mit einem führenden Kopf des Zentralkomitees abgestimmt, mit Egon Krenz nämlich, zwei Jahre später für wenige Wochen Nachfolger des gestürzten Erich Honecker als Staats- und Parteichef.

Dabei entbehrt der weiße Fleck nicht einer gewissen Tragik-Komik. Die drei Gegner der Ausgeschiedenen – Girondins Bordeaux für den BFC Dynamo, Olympique Marseille für Lok Leipzig (wobei das einzige Tor in Hin- und Rückspiel von Klaus Allofs erzielt wird) und Spartak Moskau für Dynamo Dresden – sind selbst auf europäischer Bühne keine unbeschriebenen Blätter. Gegen sie k.o. zu gehen ist nicht schön, zumal die Lok-Elf aus Probstheida als letztjähriger Finalist in den Wettbewerb geht und erneut von einer guten Saison träumt. Andererseits aber ist das Ausscheiden gegen Teams solchen Kalibers alles andere als ein Weltuntergang.

So einmalig die Verweigerung eines Textes über die Pleiten auch ist, leicht komisch wird es durch das Sternchen in der Überschrift. Das ist so aufgelöst: „Den Wismut-Kumpeln aus Aue wünschen wir viel Erfolg für die nächste Runde.“ Ausgerechnet die Männer aus dem Erzgebirge, als Tabellen-Schlusslicht in ihr Rückspiel im UEFA-Pokal gegangen, retten die Ehre des Landes wenigstens ein ganz klein wenig und werden dafür herausragend gelobt. Das haben sie sich verdient, nur: Auch sie bekleckern sich nicht mit Ruhm, zumal sie mit Valur Reykjavik den deutlich schwächsten Gegner aus dem Weg zu räumen haben. Und: Auch die Wismut-Männer stehen lange mit einem Bein im Aus, weil sie lediglich mit einem 0:0 zum Rückspiel nach Island fliegen und dort bis neun Minuten vor dem Schlusspfiff mit 0:1 im Hintertreffen liegen. Erst ein Elfmeter von Matthias Weiß verhilft Wismut zum Auswärtstor, das sie mit einer Portion Glück weiterbringt.

Von Robert Klein

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