31.12.2017

„Jugos“ an der Plumpe

In der Weihnachtswoche vor 50 Jahren

Dynamo Moskau war im Gespräch, später dann Dynamo Kiew. Doch keine der Spitzenmannschaften aus der Sowjetunion kam nach Berlin, um an den Weihnachtstagen 1967 gegen den Regionalligisten Hertha BSC zu spielen. „Alle ins Wasser gefallenen Hertha-Pläne hätten sehr magere Fußball-Festtage für Berlin bedeutet“, grollte die Fußball-Woche. Konnte aber schließlich erleichtert mitteilen: „Etwas Fußballglanz wird es für Berlins Fußballfreunde zum bevorstehenden Fest doch geben.“ Tennis Borussia, wie Hertha Regionalligist, hatte die Initiative ergriffen und den jugoslawischen Erstligisten Zeljeznicar Sarajevo zum Freundschaftsspiel eingeladen.

Sarajevo war in der Heimat überraschend Spitzenreiter, stand vor Mannschaften wie Partizan oder Roter Stern Belgrad und Dinamo Zagreb. Zum Titel reichte es am Ende der Saison nicht, das gelang aber 1972. Es war das einzige Mal, dass Zeljeznicar jugoslawischer Meister wurde. Nach dem Zerfall Jugoslawiens gewann der Verein bis heute sechs Mal die Meisterschaft in Bosnien. Von 1995 an spielte Edin Dzeko (u.a. VfL Wolfsburg, Manchester City und aktuell AS Rom) dort in der Jugend.


Spiele rund um Weihnachten – wenn auch nicht komplette Ligen wie in England – waren in Berlin in den 60er Jahren Normalität. Das galt auch für Aufeinandertreffen mit internationalen Kontrahenten. Die FuWo listete unter „Spielplan am Jahresende“ zwei Dutzend Partien auf. Anhänger des Amateurfußballs würden bei einem vergleichbar reichhaltigen Angebot heutzutage vor Freude um den Weihnachtsbaum tanzen.
Es gab vereinzelt Punktspiele von der Regionalliga (Rapide Wedding – BSV 92 und Alemannia 90 – Reinickendorfer Füchse) bis zur B-Klasse und diverse Freundschaftsspiele. Zum Beispiel Tasmania 1900 gegen Heracles Almelo (Niederlande) am 27. Dezember, Lichterfelder SU gegen Lichterfelde 12 am 30. Dezember und Spandauer BC gegen Neuköllner Sportfreunde an Silvester. Neujahr warteten ganz besondere Leckerbissen auf die Fußball­hungrigen: „1. FC Neukölln (Funktionäre) – 1. FCN Alte Herren, 11 Uhr, Silbersteinstraße“ oder „Kickers 1900 (Betreuer) – NNW 98 (Betreuer), 14 Uhr, Monumentenstraße“. 

Zur Partie bei Tennis Borussia reisten die Gäste aus Sarajevo am späten Heiligabend an. Am Spieltag war lediglich Zeit für einen kurzen Spaziergang und einen Imbiss. Sehr zum Bedauern von Ivan Sangulin: Herthas Abwehrspieler war als Dolmetscher und Fremdenführer im Einsatz und hätte gern mehr gezeigt. Aber am 25. Dezember war um 14 Uhr Anstoß an der Plumpe, ausführlicher „Hertha-Platz am Bahnhof Gesundbrunnen“ genannt. Hierhin war TeBe in der Hoffnung auf größeres Zuschauerinteresse ausgewichen. Die Hoffnung erfüllte sich nicht, es kamen nur 2033 Besucher. Fußball im Zeichen des Weihnachtsfestes, das inspirierte den FuWo-­Berichterstatter zu zahlreichen Wortschöpfungen: Sarajevo hinterließ auf dem „Weihnachtspräsenteteller“ einen „erfrischenden Anblick“. Der Ball legte „Festtagsmeter“ zurück, Gästetrainer Marcel Zigante brachte eine „Geheimweihnachtswaffe“ und es gelang ein „Feiertags-Ehrentreffer“.

Zeljeznicar, übersetzt „Eisenbahner“, hatte eine sehr junge Mannschaft mit vielen 18- bis 20-Jährigen. Besondere Aufmerksamkeit erregte aber ein „schon“ 26-Jähriger: Ivan „Ivica“ Osim. FuWo: „Er macht nicht viel, aber das, was er macht, wirkt so genial, gerade weil er keinen Zentimeter zu viel macht.“ Mehr als zwei Jahrzehnte später führte Osim Jugoslawien bei der WM 1990 als Trainer bis ins Viertelfinale.

1967 an der Plumpe war TeBe vor der Pause klar unterlegen, kam danach besser ins Spiel. Letztlich hieß es 1:3 (1:2). Fikret Mujkic schoss zwei Tore, Edin Spreco eins. Für die Veilchen verkürzte Hans Tylinski zwischenzeitlich auf 1:2. Passend zum Tag fiel das FuWo-­Urteil zur Leistung von Schiedsrichter Lothar Loy aus: „Auf seinem Gabentisch lag sicher eine neue Pfeife, denn sein Pfiff war markant und sicher wie in alten Zeiten.“
TeBe spielte mit: Kellner – Wörmer, Damjanoff, Maaß, Gersdorff (Wilde) – Erdmann, Marquardt – Lunenburg, Tylinski, Steinert, Foit.

Von Sebastian Schlichting

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