Mein Fußball-Woche

07.06.2012

Italiens linke Rebellen-Hochburg

In der toskanischen Hafenstadt Livorno ist Fußball ein Teil der lebendigen Arbeiterkulturbewegung.

Es ist ein schwieriges Thema, es ist ein heikles Thema und es ein ewiges Thema: Passen Sport und Politik zusammen? Eigentlich hat Politik im Stadion nichts zu suchen. Das ist weitestgehend Konsens. Doch im Sport tummeln sich nun mal Menschen – und die sind schließlich politisch.

Wie beim FC St. Pauli ist das Thema „Fußball und Politik“ auch beim italienischen Zweitligisten AS Livorno nicht als Frage formuliert sondern eine Selbstverständlichkeit. Während Livorno als eine der politischsten Städte Italiens gilt, betrachtet sich der AS Livorno Calcio offensiv als „politischer Fußballklub“. Oder zumindest tun dies die Fans des AS Livorno. Und sie sehen das auch völlig entspannt. Drehen den Spieß einfach um, wenn sie zum Thema Politik und Fußball gefragt werden. Verweisen auf AC Mailand-Boss Silvio Berlusconi, der mit Fußball Wahlen gewonnen und seine rechtspopulistische Partei nach einem der populärsten Fußballanfeuerungsrufe Italiens benannt hat.

Berlusconi ist Lieblingsfeind Livornos. Politisch ebenso wie sportlich. Wo Berlusconi für rechte Politik und rücksichtslosen Despotismus steht, gilt Livorno als stramm linksgerichtet und steht für solidarischen Kollektivgeist. Wo Berlusconi den von – Berlusconis! – Massenmedien flankierten yuppigen AC Mailand repräsentiert, dient der AS Livorno den Verbrämten und Zukurzgekommenen als aufregend schmuddeliges Bannerschild. Nein, in Livorno kann man Fußball nicht unabhängig von der Politik betrachten.

Widerstand gegen Mussolini

Um das zu verstehen, zunächst ein Blick auf die Geschichte Livornos. Eine hemdsärmlige Hafenstadt, die das weichwachsene Urlaubsflair der Toskana nur bedingt wiederspiegelt. Denn die Hafenstadt, von der aus die Mittelmeerinseln Sardinien und Korsika angesteuert werden, ist die Hochburg der Arbeiterbewegung in der Toskana. 1921 wurde hier die Kommunistische Partei Italiens gegründet. Im Kampf gegen Mussolinis Faschisten war Livorno Hochburg. Monatelange Streiks, Werftbesetzungen, Arbeiterkooperationen – Livorno hat es alles erlebt.

Und selbst wenn die Arbeiterbewegung in der 160.000-Einwohner-Stadt wie überall längst Geschichte ist, die Werften brach liegen, die Feierabendsirenen verstummt sind und die Arbeitermassen sich nicht mehr über die Bars im Stadtzentrum ergießen – der Stolz der Arbeiterklasse lebt fort. In Livorno sagen sie, ihre Stadt sei neben Liverpool die einzige Europas, in der die Arbeiterkultur noch lebt.

Auf den Rängen des örtlichen Stadio Armano Picchi allemal. Und das sogar deutlich mehr als an der Liverpooler Anfield Road. Während dort emotionsleerer Premier-League-Fußball gereicht wird, gibt sich Livorno klassisch rustikal. Auf den Rängen singen sie provokativ die alte Widerstandshymne „Bella Ciao“ oder den Kommunistenschlager „Bandiera Rossa“. Denn der AS Livorno versteht sich selbstverständlich als fußballerischer Flügel der örtlichen Arbeiterkulturbewegung.

Zweimal italienischer Vizemeister

1915 gegründet, sind die „Amaranto“ („Bordeauxroten“) zwar chronisch titellos (größte Erfolge: Vizemeisterschaft 1920 und 1943), vermögen dies aber durch Verve und Leidenschaft wettzumachen. 1929 zu den Gründungsmitgliedern der Serie A zählend, hatten die Toskaner nach dem Zweiten Weltkrieg meist zwischen Serie C und Serie B gependelt, ehe sie 1983 in der Serie C2 landeten und 1991 nach einem Finanzcrash ein Neustart in der sechsten Liga nötig wurde. Ein reinigender Prozess. Zwei Aufstiege in Folge führten die Amaranto zurück in die C2. 1997 gelang der Sprung in die C1 und 2001 erreichte man erstmals seit 29 Jahren wieder die zweithöchste Spielklasse, die Serie B.

Lucarelli – der rote Torjäger

Personifiziert wurden sowohl der Aufschwung als auch Livornos „Klassenkampfattitüde“ durch Mittelstürmer Cristiano Lucarelli. Ein Fußballer, der mit allen üblichen Attributen brach. Als Sohn eines Hafenarbeiters wuchs er in den Wohnsilos des schäbigen Stadtviertels Shangai im Norden Livornos auf. Dort, wo man wenig Geld hat und unendlich viel List zum Überleben braucht. Für einen kleinen Stadtteilverein kickend, erwarb er bereits mit zwölf Jahren eine Dauerkarte für die Fankurve des AS Livorno. Später wurde er zum Fußball spielenden Ultra und zum Vorzeigelinken. Ließ sich den fünfzackigen Stern auf den Unterarm tätowieren. In dessen Mitte: das Wappen des AS Livorno.

So ein Mann löst natürlich Kontroversen aus. Als Lucarelli 1996 bei einem U21-Länderspiel in Livorno ein Tor erzielte und anschließend provokativ vor der Ehrentribüne ein Che-Guevara-Unterhemd lüftete, flog er aus der Auswahlelf. Dennoch wurde Lucarelli anschließend in Bergamo, Valencia und Turin zum Star. Oder besser Anti-Star. Denn wann immer es ging, stand er in der Fankurve Livornos, gab den passionierten Ultra und stemmte nach einem Tor gerne mal die Kommunistenfaust in den Himmel. Nachdem Livorno in die Serie B aufgestiegen war, geschah das Unfassbare. Lucarelli kündigte seinen hochdotierten Vertrag beim AC Turin und unterschrieb in Livorno einen Kontrakt, dessen Erlöse vergleichsweise einer Armenspeisung glichen. Während sein Spielervermittler seinem Entsetzen in einem Buch Luft machte („Tenetevi il miliardo“, „Behaltet eure Millionen“) schoss Lucarelli die Amaranto in den Fußballhimmel. Erzielte 2003/04 in 41 Spielen 29 Treffer. Führte Livorno nach 55 Jahren in die höchste Spielklasse zurück. Italiens Fußball-Establishment war entsetzt: In der Serie A kickte plötzlich eine linke Rebellenhochburg!

Torschützenkönig der Serie A

Und das toskanische Fußballmärchen ging weiter. Als einsamer Abstiegskandidat in die Saison gestartet, erreichten die Amaranto 2004/05 sensationell Platz neun und stellten mit Lucarelli den Torschützenkönig der Serie A. 2005/06 wurde der Höhepunkt erreicht. Durch die Punktabzüge anderer Klubs im Bestechungsskandal rückte Livorno auf Position sechs vor und qualifizierte sich für den UEFA-Cup. Die Gruppenphase überstehend, scheiterte man erst am späteren Finalisten Espanyol Barcelona. Lucarelli beglückte die Fans unterdessen, als ein lukratives Angebot von Zenit St. Petersburg ausschlug und kommentierte: „Es gibt Fußballer, die sich für eine Milliarde einen Ferrari oder eine Yacht kaufen, ich kaufe mir dafür ein Livorno-Shirt – das ist alles.“

Wie beim FC St. Pauli dreht sich der Kult um Livorno vor allem um seine Fans. Und dient im vergleichsweise durchpolitisierten Fußball Italiens als ewiger Streitpunkt. In Livorno sagen sie, kein Klub im Lande sei so häufig von Stadionverboten betroffen wie der AS Livorno. Schimpfen sie über „politische Repressionen“, denn während die faschistischen Schlägerbanden in Rom unbehelligt blieben, würde in Livorno schon weggesperrt, wer nur einen Slogan gegen Berlusconi rufe.

Vor allem die strikt antifaschistische Ultragruppierung „Brigata Autonome Lovornesi“ („BAL“) stand unter Beobachtung, wurde von halb Italien als „kriminell“ klassifiziert, während Lucarelli stets mit der Nummer „99“ auflief, dem Gründungsjahr der BAL. Über deren Vielschichtigkeit staunte das Magazin „11 Freunde“ vor einiger Zeit: „Dicke Oberarme und aggressive Blicke. Nur Kleinigkeiten unterscheiden die BAL von normalen Stadionschlägern. Ibrahim ist eine solche Kleinigkeit. Er kommt aus Nigeria und hat vor vier Jahren in Italien Asyl beantragt. Mit drei Landsmännern steht er mitten in der Meute, um den Hals weiß-rote Schals. Wo sonst in Europa gehören schwarze Flüchtlinge zum harten Kern der Gemeinde der Ultras?“

Legendenstatus genießt auch der ursprüngliche Eingangsbereich vor der Ostkurve, in der es zudem eine weitere Berühmtheit Zizkovs gibt: die legendäre Klobasa-Bratwurst. Für 45 Kronen ist diese hemdsärmlige kulinarische Köstlichkeit, die zu den besten Prags, wenn nicht gar Tschechiens zählt, zu erwerben. Dazu ein zünftiges Bier, und schon stört die frühe Anstoßzeit nicht mehr.

Zwist mit dem Idol

Als Lucarelli Livorno 2007 nach einem Streit verließ, geriet das Idyll ins Wanken. Dem Abstieg aus der Serie A folgte zwar die sofortige Rückkehr, doch diesmal konnte sich Livorno nicht halten. Seitdem kommt man über Zweitligafußball nicht mehr hinaus. Lucarelli entsetzte derweil die Fans mit dem Bekenntnis, im Herbst seiner Karriere ausschließlich des Geldes wegen zum ukrainischen Klub Schachtjor Donezk gewechselt zu sein. Trotzig pfiffen sie ihren gefallenen Vorkämpfer aus, als er im März 2008, inzwischen zum FC Parma gewechselt, als Gastspieler in Livorno auflief.

Zur Versöhnung kam es dennoch kurze Zeit später. Auf Leihbasis schloss sich Lucarelli im Sommer 2009 wieder dem gemeinsam mit Parma aufgestiegenen AS Livorno an. Nachdem die Amaranto den Klassenerhalt trotz der zehn Tore Lucarellis nicht schafften, kehrte er wieder nach Parma zurück. In seiner Heimat aber intonieren sie weiter ihre stolzen Lieder, denn eins bleibt gewiss: In Livorno, da lebt der Widerstand!

Die größten Erfolge

Der Verein – Gründungsdatum: 1915. Vereinsfarben: Rot-Weiß. Stadion: Stadio Armando Picchi (19.238 Plätze). Internet: www.livornocalcio.it

Fans: Die Ultra-Gruppe Brigata Autonomo Livornesi (BAL) wurde 1999 gegründet und gilt als strikt antifaschistisch und kommunistisch. Vor allem in den Spielen gegen den als rechtsgerichtet angesehenen Hauptstadtklub Lazio Rom kam es immer wieder zu Ausschreitungen. Die Gruppe gilt seit einiger Zeit als aufgelöst. Nachfolger sind u.a. Vecchie Origini Livornesi 1915, Visitors und 1312.

Italienischer Vizemeister: 1920, 1943.

UEFA-Cup-Teilnehmer: 2006.

Serie A: 1929-31, 1933-35, 1937-39, 1940-43, 1945-49, 2004-07, 2008/09.

Berühmte Spieler

Igor Protti (insgesamt 268 Spiele und 120 Tore für Livorno von 1985 bis 1988 und von 1999 bis 2005)

Cristiano Lucarelli (174 Spiele und 102 Tore für Livorno von 2003 bis 2007 und 2009/10)

Marco Amelia (italienischer Nationaltorhüter mit neun Länderspielen, 166 Spiele für Livorno von 2001 bis 2008)

Tomas Danilevicius (Rekordtorschütze der litauischen Nationalmannschaft, 143 Spiele und 24 Tore für Livorno von 2002 bis 2007 und von 2008 bis 2011)

Jorge Vargas (chilenischer Nationalspieler, 55 Spiele für Livorno von 2004 bis 2006)

Armando Picchi († 1971 – italienischer Nationalspieler mit zwölf Länderspielen, dreimaliger italienischer Meister und zweimaliger Gewinner des Europapokals der Landesmeister mit Inter, begann seine Profikarriere bei Livorno und war dort später als Trainer tätig, starb mit 36 Jahren an Krebs, nach ihm ist das Stadion von Livorno benannt)

Giorgio Chiellini (italienischer Nationalspieler mit 49 Länderspielen, 55 Spiele und vier Tore für Livorno von 2000 bis 2004)

Alessandro Lucarelli (Bruder von Cristiano Lucarelli, 27 Spiele und vier Tore für Livorno 2004/05)

Hardy Grüne

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