13.08.2017

„Irgendwie gönne ich beiden den Sieg“

Interview mit Waldemar Ksienzyk

Ein Bild aus alten Zeiten: Waldemar Ksienzyk 2005 vor dem Oberliga-Duell des 1. FC Union gegen den BFC Dynamo. Foto: JouLux

Waldemar Ksienzyk (53) hat einst den Spagat geschafft. Als er 1984 vom 1. FC Union zum BFC Dynamo geht, ist das ein bisschen so, als würde einer von Borussia Dortmund zu Schalke 04 wechseln: Es ist ein Tabubruch, trotzdem nehmen die Fans es ihm nicht übel. Bei den Königsblauen spielt er später übrigens auch, gehört sogar ein klein wenig zu den Eurofightern und ist deshalb gespannt wie kaum ein anderer, wie sich die Weinroten aus Hohenschönhausen im DFB-Pokal (heute, 18.30 Uhr, Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark) gegen die Knappen trotz eines Drei-Klassen-Unterschiedes aus der Affäre ziehen.

Fußball-Woche: BFC Dynamo gegen Schalke 04 muss doch für Sie, Herr Ksienzyk, eine ganz besondere Partie sein.
Waldemar Ksienzyk: „Ist es auch. Zwar ist es schon ziemlich lange her, dass ich für beide gespielt habe, aber meine Erinnerungen sind hier wie da die besten. Und es ist für den BFC die einmalige Chance, sich nicht nur gegen ein Team aus der Bundesliga zu präsentieren, sondern gegen eine der renommiertesten deutschen Mannschaften mit Tradition.“
Mit dem BFC Dynamo verbinden Sie vier DDR-Meistertitel und zwei FDGB-Pokalsiege. Was dagegen ist für Sie an Schalke so speziell?


Ksienzyk: „Als ich 1994 zu Schalke kam, erinnerte mich vieles an Dynamo. Die Struktur der Mannschaft, die Typen und deren Charakter waren so, wie ich es vom BFC kannte. Das hat es mir leicht gemacht. Zum anderen sind es die Fans, und da spreche ich tatsächlich nur von den wahren Fans, die in guten wie in schlechten Zeiten zum Verein halten, alles geben, obwohl sie selbst nicht so viel haben und wo auch mal die Oma mit ihrem Enkel ins Stadion geht. Ich sage dazu, es ist die ungebrochene Liebe.“

Es fehlte nicht viel und Sie hätten sich bei den Königsblauen als Eurofighter unsterblich gemacht. Warum ist es dazu nicht ganz gekommen?

Ksienzyk: „Ein bisschen fühle ich mich trotzdem als solcher, hatte damals aber eine Verletzung an der Achillessehne. Im Herbst 1996 gehörte ich bei den Spielen gegen Trabzonspor und Brügge sozusagen als 17. Mann im Stadion dazu. Erst zur Rückrunde ging ich zu Waldhof Mannheim.“

Gibt‘s trotzdem noch Kontakt zu den Königsblauen?

Ksienzyk: „Natürlich. Als sie kürzlich das 20-Jährige des Triumphes im Uefa-Pokal feierten, war ich dabei, als die Eurofighter ein Jubiläumsspiel austrugen.“

Europapokalspiele hatten Sie zuvor schon mit Dynamo bestritten. Welches ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Ksienzyk: „Gleich das erste 1984 gegen den FC Aberdeen. Die Schotten hatten damals eine exzellente Mannschaft. Ihr Trainer Alex Ferguson hat danach bei Manchester United eine Weltkarriere hingelegt, zuvor aber Aberdeen 1983 zum Sieg im Europapokal der Pokalsieger geführt und im europäischen Supercup mit dem HSV den Europapokalsieger der Landesmeister bezwungen. Wir haben dieses mit Nationalspielern gespickte Team im Elfmeterschießen ausgeschaltet. Es war pure Gänsehaut.“

Wie verfolgen Sie mittlerweile den Weg des BFC?

Ksienzyk: „Mit Angelo Vier, dem Sportlichen Direktor, habe ich noch gespielt, wir treffen uns bei Spielen der Traditionsmannschaft. Erst kürzlich ging es dabei um einen guten Zweck, wir haben ein Hospiz unterstützt. Zudem habe ich einen guten Draht zu den Fans, bin bei Diskussionsrunden und bei Info-Abenden. Außerdem habe ich eine Ehrenkarte von den Fans und bin gerne im Stadion, sofern es meine Zeit erlaubt.“

Heute also auch?

Ksienzyk: „Leider nicht, weil die Familie schon lange vorher einen Urlaub in Kärnten geplant hat, den wir am Freitag angetreten haben.“

Wer darf trotzdem auf Ihre Sympathie hoffen?

Ksienzyk: „Diese Frage ist für mich schwierig zu beantworten und eigentlich der einzige Grund, warum ich mein Fehlen mit einer halbwegs triftigen Ausrede erklären kann. Mich hätten wahrscheinlich alle gefragt, für wen ich bin und ich hätte sagen müssen: ‚Ich weiß es nicht.‘

Ist das für Sie tatsächlich so schwierig?

Ksienzyk: „Ja. Irgendwie gönne ich beiden den Sieg. Für Schalke ist er wichtig, weil dann die erste Hürde beim Start in die Saison genommen wäre. Für den BFC bedeutet er Geld, das der Verein dringend braucht, um seine Ziele zu verwirklichen.“

Im Pokal ist, sagt man jedenfalls, alles möglich. Also auch ein Triumph des Regionalligisten gegen das Bundesliga-Spitzenteam?

Ksienzyk: „Eine Chance darauf besteht immer, ja, denn die Spiele werden nicht am Reißbrett entschieden und schon gar nicht am Computer. Für den BFC und noch mehr für die jungen, hungrigen Spieler ist es eine Bühne, sich überregional zu präsentieren. Da kann man durchaus über sich hinauswachsen.“

Interview: Andreas Baingo

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