Mein Fußball-Woche

08.06.2012

Invasion der erweckten Ritter

Polens Traditionsklub und erster Meister Cracovia Krakau kann sich auf seine Fans verlassen - Auch Papst Johannes Paul II. gehörte dazu.

An der Gewaltfrage kommt man im polnischen Fußball nur selten vorbei. Zu viele Schlagzeilen haben marodierende Hooliganbanden seit den 1990er Jahren geschrieben. Das gefürchtetste Derby des Landes findet in Krakau statt. Wisla, sportlich und auch in Fankreisen Nummer 1, gegen Cracovia, Polen wohl legendärsten Traditionsverein, der nach Jahrzehnten in der Vergessenheit eine weithin begrüßte Wiedergeburt feierte. Doch wann immer die beiden Teams, deren Stadien nur ein paar hundert Meter auseinander liegen, aufeinander treffen, gibt es Ausschreitungen mit Verletzen und gar Toten. Selbst Polens Hooliganzirkel sprechen respektvoll von „wohl einem der fiesesten Derbys in Europa“.

Das hat Tradition, denn schon in den 1920er Jahren heizte Cracovia-Spieler Ludwig Gintel die Stimmung vor einem Stadtduell mächtig an. Mit seiner Aufforderung „Meine Herren, na los, gehen wir in diesen heiligen Krieg“, drückte er dem sportlichen Duell einen immerwährenden schauerlichen Stempel auf. Bis heute bezeichnet Polen das Krakauer Derby als „swieta wojna“ („Heiligen Krieg“).

Soziale und politische Trennlinien

Beide Vereine reichen zurück ins Jahr 1906. Wisla („Weichsel“) ist der Klub der einfachen Leute, Cracovia (lateinischer Name für Krakau) der Klub der Akademiker. Mit seinem Gründungsdatum, dem 13. Juni 1906, ist letzterer ältester Fußballverein Polens. Während Wisla in der Zeit der polnischen Staatenlosigkeit nationalistisch agitierte und vor dem Ersten Weltkrieg aus Protest gegen den Einfluss Wiens aus dem Österreichischen Fußballverband austrat, passte sich die kosmopolitisch ausgerichtete Cracovia den herrschenden Verhältnissen an.

1913 errangen die Rot-Weißen die Österreichische Meisterschaft für Polen – also Galiziens. Pikanterweise am grünen Tisch. Wisla hatte sich im entscheidenden Spiel gegen Cracovia 1:0 durchsetzen können. Bald darauf aber legte Cracovia Protest ein, da bei Wisla drei unberechtigte Spieler mitgewirkt hatten, und bekam letztendlich den Titel zugesprochen. Schon damals entwickelte sich eine Rivalität, die nicht zuletzt entlang der sozialen und politischen Trennlinien verlief.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Cracovia unter den Gründern des polnischen Nationalverbandes PZPN zu finden und segelte zunächst weiter auf Erfolgskurs. 1921 führte der ungarische Trainer Imre Poszonyi die Elf sogar zur ersten polnischen Landesmeisterschaft. Damals begründete sich auch der heutige Kultcharakter des Klubs. Landesweit wurde die Cracovia zum Liebling vor allem in gebildeteren Kreisen und stand für die Multikulturalität und Multiethnizität Polens.

Goldene Jahre mit Jozef Kaluza

Der sportliche Höhenflug erreichte in den 1930er Jahren seinen Höhepunkt. 1930, 1932 und 1937 errang die Cracovia drei weitere Meistertitel. Es waren die goldenen Jahre des Vereins, für die mit Jozef Kaluza der spätere Namensgeber der zum Cracovia-Stadion führenden Straße steht. Kaluza bestritt 408 Spiele für Cracovia, in denen er sensationelle 465 Tore markierte. Nach Ende seiner sportlichen Laufbahn übernahm er 1932 die Trainingsleitung und führte nebenbei Polens Nationalmannschaft 1936 zu Platz vier bei den Olympischen Spielen in Berlin und 1938 zur WM in Frankreich.

Mit dem Zweiten Weltkrieg endeten sowohl Kaluzas Karriere als auch Cracovias Erfolgsserie. Kaluza starb 1944, während der 1939 unterbrochene Spielbetrieb der polnischen Nationalliga erst 1946 fortgesetzt werden konnte. 1948 sicherten sich die Rot-Weißen mit einem 3:1 im Entscheidungsspiel gegen den punktgleichen Rivalen Wisla zum bis heute letzten Mal den Meistertitel.

Während Wisla anschließend als der Polizei unterstellter Verein Karriere machte und zum Spitzenklub aufstieg, fristete die Cracovia unter der Obhut der ökonomisch nicht wettbewerbsfähigen Nahverkehrsbehörde ein Schattendasein und stieg 1959 erstmals aus der Eliteklasse ab. Anfangs immerhin noch als Fahrstuhlmannschaft auftretend, wurde die Cracovia ab 1970 binnen weniger Jahre in die Viertklassigkeit durchgereicht. Zu allem Übel brannte seinerzeit die hölzerne Tribüne im Cracovia-Stadion ab und verbildlichte damit den desolaten Zustand des Traditionsvereins.

20.000 Zuschauer in der 3. Liga

Der Kultcharakter überlebte. 1975 zählte man im Cracovia-Stadion sogar sensationelle 20.000 Zuschauer beim Drittliga-Heimspiel gegen Lublin. Sportlich indes gab es zunächst Rückschläge. Erst 1978 kehrte Cracovia in die 2. Liga zurück, und 1982 war die rot-weiße Fangemeinde geradezu außer sich vor Freude, als nach 13 langen Jahren die Rückkehr ins Oberhaus gelang. Doch die Euphorie war nicht von Dauer. Zwar bejubelte der Kultklub überraschende Erfolge wie ein 3:1 gegen Legia Warschau und ein 1:0 gegen Meister Lech Posen, 1983 aber ging es zurück in die zweite Liga und damit erneut auf Talfahrt. Ihren 80. Geburtstag feierte die Cracovia 1986 bereits wieder in der dritten Liga und stand angesichts leerer Kassen und eines maroden Stadions vor einer ungewissen Zukunft.

Just zur politischen Wende sorgte die wiedererweckte Nachwuchsarbeit für eine erneute Renaissance. 1990 und 1991 wurde Cracovia jeweils polnischer Jugendmeister, und 1991 führten Talente wie Tomasz Rzasa und Lukasz Kubik den Klub zurück in Liga 2. Erneut wurden die Rot-Weißen zur Fahrstuhlmannschaft, feierte die schmaler gewordene Fangemeinde im September 1995 ein historisches 1:0 beim längst weit enteilten Stadtrivalen Wisla und stürzte zur Milleniumswende abermals in die Drittklassigkeit ab.

Sorgen mit der Hooliganszene

Begleitet von einer längst als „problematisch“ eingeschätzten Fanszene. Wojtek, ein langjähriger Cracovia-Fan, erinnerte sich kürzlich im Gespräch mit dem österreichischen Magazin „ballesterer“: „Wir waren zwar sportlich am Boden, aber nicht, was die Hooligans anbelangt. Wir zwei sind keine Hooligans, aber viele unserer Leute haben ihre Aggressionen wegen der tristen Lage unseres Vereins in sich hineingefressen und in der Stadt entsprechend rausgelassen. Cracovia wurde in den Neunzigern nicht mit sportlichen Erfolgen, sondern mit Hooligans in Verbindung gebracht. In Krakau sind leider auch erstmals in Polen Messer in den Fights aufgetaucht. Cracovia hatte daran großen Anteil. Wenn Eltern ihren Kindern erlaubten, auf den Platz zu gehen, dann zu Wisla. Ich musste meine Eltern anlügen und oft weglaufen, um Cracovia sehen zu können.“

Durchmarsch in die Ekstraklasa

2002 entdeckte mit Janusz Filipiak der vermögende Gründer des Softwarenriesen Comarch seine Liebe zu Cracovia und erweckte den Klub. Dank seiner Finanzkraft ging es anschließend steil bergauf. Spieler wie Piotr Giza, Arkadiusz Baran, Lukasz Skrzynski und Pawel Nowak schossen die von Wojciech Stawowy trainierte Elf 2003 zurück in die 2. Liga und feierten 2003/04 den Durchmarsch in die Ektraklasa.

Plötzlich war der Kult um Cracovia wieder lebendig. Cracovia-Fan Wojtek: „Es ist eine Euphorie ausgebrochen. In der dritten Liga kamen 2002 zu einem Heimspiel gegen Korona Kielce plötzlich 12.000 Zuseher. Es gibt in Polen die Legende von in den Bergen schlafenden Rittern, die aufwachen werden, wenn Polen sie braucht. Bei Cracovia war es ähnlich. Als wir 2003 in die erste Liga aufgestiegen sind, ist es zur vollkommenen Eruption gekommen. In den besten Zeiten hatten wir regelmäßig um die 3000 Leute im Fansektor und einen Zuschauerschnitt von 8000. Das waren aber nur zu 30 Prozent Leute, die sich plötzlich für Cracovia zu interessieren begannen. Der Rest waren diese schlafenden Ritter. Das Blatt hat sich gewendet. Wisla-Fans hatten es damals wirklich schwer in der Stadt.“

Spielverderber für Wisla

Und die Himmelsstürmer waren noch längst nicht am Ende ihrer Traumreise angekommen. Schon im Aufstiegsjahr verpasste Cracovia als Fünfter nur knapp einen UEFA-Cup-Platz und rückte 2007 unter Trainer Stefan Majewski auf Position vier in der Abschlusstabelle sowie bis ins Pokalfinale vor. Seitdem prägt allerdings Abstiegskampf das Schicksal des Klubs. 2009 reichte Platz 15 sogar nur zum Ligaerhalt, weil den beiden Lodzer Vereinen LKS und Widzew die Lizenzen entzogen wurden. Für große Freude sorgte derweil das 1:1 im „heiligen Krieg“ gegen Wisla am vorletzten Spieltag der Saison 2009/10, mit dem der erneute Titelgewinn des verhassten Nachbarn verhindert wurde.

Cracovias Zuschauerstruktur ist außergewöhnlich. Neben der intellektuellen Elite erreicht der Klub vor allem Menschen von den gesellschaftlichen Rändern. „Die Cracovia zieht Leute an, die in einem bestimmten Lebensabschnitt Erfolge haben können, aber schnell große Tiefschläge erleiden“, erläutert Wojtejk gegenüber „ballesterer“: „Wenn jemand zur Cracovia kommt, dann muss er schon ein wenig gestört sein.“

Die größten Erfolge

Der Verein – Gründungsdatum: 13. Juni 1906 (gilt als der älteste auf dem heutigen polnischen Staatsgebiet gegründete noch existierende Fußballverein des Landes). Vereinsfarben: Rot-Weiß. Stadion: Stadion Cracovii im. Józefa Pitsudskiego. Internet: www.cracovia.pl

Fans: Die Fanszene besteht aus der Ultragruppe „Ultras Opravcy“ und der Hooligangruppierung „Jude Gang“. Deren Bezeichnung leitet sich von dem hämischen „Juden“ ab, mit dem Wisla-Fans Cracovia-Anhänger zu verunglimpfen versuchen. Unter den Gründern der Cracovia waren einige Juden zu finden. Bekanntester Anhänger des Klubs war der 2005 verstorbene Papst Johannes Paul II. Karel Wojtyla trug in seiner Jugend selber das rot-weiße Cracovia-Shirt.

Polnischer Meister: 1921, 1930, 1932, 1937, 1948.

Polnischer Vize-Meister: 1934, 1949.

Meister von Galizien: 1913.

Berühmte Spieler

Eugeniusz Mazur (von 1945 bis 1959 bei Cracovia; Rekordspieler des Vereins mit 503 Einsätzen)

Leopold Michno (1954-1968 bei Cracovia; 465 – zweitmeiste – Einsätze für den Verein)

Stanislaw Szymczyk (1955-1971 bei Cracovia; 454 – drittmeiste – Einsätze für den Verein)

Andrzej Rewilak (1960-1971 bei Cracovia; polnischer Nationalspieler)

Zygmunt Chruscinski (1920-1935 bei Cracovia; polnischer Nationalspieler)

Tadeusz Glimas (1945-1957 bei Cracovia; polnischer Nationalspieler)

Józef Kaluza (1911-1931 bei Cracovia; Rekordtorschütze des Vereins; polnischer Nationalspieler; Olympia-Vierter 1936; WM-Teilnehmer 1938, 5:6 n.V. im Achtelfinale gegen Brasilien)

Leon Sperling (1920-1934 bei Cracovia; polnischer Nationalspieler jüdischen Glaubens; wurde wegen seiner jüdischen Herkunft im Ghetto Lemberg interniert und dort zwischen dem 15. und 20. Dezember 1941 von einem betrunkenen Aufseher erschossen)

Hardy Grüne

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