Mein Fußball-Woche

29.11.2014

Immer grün-weiß, weil sie eine Familie sind

Seit Jahren klettert die SG Schulzendorf in der Tabelle – Das neue Ziel heißt: Aufstieg in die Landesklasse

Da steht er nun, der alte Herr, und weiß nicht so genau, wie er sich fühlen soll. Seine Mannschaft, der er bereits Jahrzehnte die Treue hält, hat den Sieg längst eingetütet. Am Ende fiedelt die SG Schulzendorf in der Kreisoberliga Dahme/Fläming die hilflos unterlegene SG Woltersdorf erbarmungslos ab. 13:1 geht es aus für die Grün-Weißen und es ist ein Triumph, den in dieser Höhe selbst der 76-jährige Günter Kober als so „noch nie erlebt“ einstuft.

Er nämlich ist der Herr, der da am 5. Oktober dieses Jahres die Ziffer 1 in die Höhe reckt, weil die Anzeigetafel – wer ahnt so etwas schon? – auf zweistellige Ergebnisse nicht ausgelegt ist. Mittlerweile kann er darüber schmunzeln und macht sogar seine Späße: „Mehr Sorgen hat es mir gemacht, dass ich das zwischenzeitliche 11:1 nicht anzeigen konnte, weil wir jede Ziffer nur zweimal haben. Insofern wäre mir anstatt des 13:1 ein 12:0 lieber gewesen …“

Natürlich wissen sie in ihrer nunmehr 83-jährigen Sportgemeinschaft, dass das ein Luxusproblem ist. Auch wenn ihnen Dirk Wedemeyer, Trainer der 1. Männer, mit möglichen weiteren Kantersiegen „droht“ und die dann wiederum nicht in ihrer ganzen Pracht dargestellt werden könnten. Der 46-Jährige, der als Jugendlicher unter anderem beim 1. FC Magdeburg das Fußball-Abc erlernte und dort von Ex-Nationalspieler Wolfgang „Maxe“ Steinbach trainiert wurde, sieht die Sache so: „Wenn es wie in unserem Spiel einer Mannschaft gelingt, die gesamten 90 Minuten konzentriert zu bleiben, und die andere Mannschaft gibt sich auf, sind solche Ergebnisse in dieser Liga schon noch möglich.“ Oder dass sie mal mir nix dir nix den Tabellenführer entthronen und selbst an die Spitze stürmen – so wie vor einer Woche mit dem 2:0 gegen die SG Großziethen. Und dass sie damit die Liga wieder spannender denn je gemacht haben.

Seit Wedemeyer da ist, nahm das alles ansehnliche Fahrt auf. Nicht rasant zwar, aber doch spürbar und insgesamt durchaus beeindruckend. Der Verein, der bis 1997 im Berliner Spielbetrieb mitmischte und dort schon mal bis in die Kreisliga B abgedriftet war, ist über Jahre eine Größe in der Kreisliga gewesen und gehört nunmehr in der neu gegründeten Kreisoberliga zu den Spitzenteams. Wedemeyer redet nicht um den heißen Brei herum, sondern spricht lieber Klartext: „Unser Ziel ist der Aufstieg!“ Zwar bleibt die SG Großziethen trotz ihrer Niederlage im Top-Spiel ausgemachter Favorit, der ehemalige Vorsprung von fünf Zählern aber ist aufgebraucht. Außerdem weiß Schulzendorfs Übungsleiter ums Hintertürchen: „Wenn wir Zweiter werden, hätten wir den Aufstieg auch geschafft.“

Pokalfinale knapp verloren

Als der Trainer im Sommer 2012 kam, war die Mannschaft als Tabellenelfter sage und schreibe 48 (!) Punkte hinter dem Spitzenreiter eingetrudelt. Es lag etliches im Argen. „Zum Training waren wir acht oder neun Leute“, erinnert sich Frank Linke, schon viele Jahre im Verein, seit Wedemeyers Amtsantritt sein Co-Trainer und insgesamt für den Männerbereich verantwortlich. „Die, die nicht gekommen waren, spielten ja trotzdem, weil wir keine Wahl hatten.“ Trotzdem hatten sie ein Jahr zuvor auf diese Weise zwar das Finale des Kreispokals erreicht und dort gegen die SG Niederlehme nur hauchdünn 0:1 verloren, in der Meisterschaft aber hatten sie als Tabellenvierzehnter gleichfalls einen Hammer-Rückstand auf den Ersten von 45 Punkten. Wedemeyer krempelte einiges um, stellte manches auf den Kopf, hinterfragte alles und suchte nach Lösungen. Die fand er gemeinsam mit Linke und mit den Trainern der Nachwuchsteams. Dank ihrer Hilfe bastelte und feilte, formte und gestaltete er eine Mannschaft, die erst begreifen musste, wie gut sie eigentlich sein kann. Er musste seine Jungs regelrecht an die Hand nehmen und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn er an die Anfänge denkt: „Ein Spiel zu analysieren, es mit den Spielern auszuwerten, das kannten sie nicht.“

In der bisherigen gemeinsamen Zeit machten sie einen Schritt vorwärts in ihrer Entwicklung und in der Tabelle einen – besser wohl: mehrere – nach oben. 2012/13 waren sie Neunter mit, na ja, „nur noch“ 30 Punkten Rückstand auf den Aufsteiger, und in der vorigen Saison, als es darum ging, sich für die Kreisoberliga Dahme/Fläming zu qualifizieren, rückten sie als Vierter dem Ersten schon bis auf neun Punkte auf die Pelle. Dabei hatten sie das Kunststück mit einer blutjungen Truppe fertiggebracht, die, überspitzt formuliert, als halbe A-Jugend durchgegangen wäre. Diesen Weg beschreitet Wedemeyer immer weiter. Auch in dieser Spielzeit schart er im Training einen regelrechten „Kindergarten“ um sich. „Das Durchschnittsalter liegt bei 22,8 Jahren, wobei es vor zwei Jahren noch niedriger lag“, sagt er, „weil ich da aus der A-Jugend auf den Schlag sechs Spieler übernommen habe. Das war ein sehr guter Jahrgang.“ Der Nachwuchs ist überhaupt das größte Pfund, mit dem die Schulzendorfer wuchern können. Darauf sind sie besonders stolz. Seit Jahr und Tag fordern und fördern sie die Buben mit viel Sorgfalt und Liebe und vermitteln ihnen Geborgenheit.

Geborgenheit ist Trumpf

Die ist sowieso ein Trumpf in ihrer Gemeinschaft. „Für mich zählt das Familiäre hier am meisten“, versichert Linke, „jeder kann mit jedem gut, bei manchen macht die ganze Familie mit.“ So ist es bei ihm, denn Ehefrau Angela ist Jugendwärtin und amtiert auch im Sportgericht des Fußball-Kreisverbandes, Tochter Saskia kümmert sich um manch grün-weißes Nachwuchsteam. So ist es auch bei Michael Merckel. Er ist zwar kein gebürtiger Schulzendorfer, aber seit ihn Ehefrau Heidi zum Verein lotste und der ihn nicht mehr losgelassen hat, sind schlappe 35 Jahre vergangen. Derzeit ist Merckel für Organisation und Technik verantwortlich und meint: „Auch für mich ist es die familiäre Atmosphäre, die unseren Verein ausmacht.“ Davon ließ sich selbst der Trainer, obwohl erst im dritten Jahr hier, anstecken. Wedemeyers Sohn Pascal wirbelt im Mittelfeld der ersten Mannschaft.

Diese Heimeligkeit, die blinde Vertrautheit, dieses zweite Zuhause pflegen die Schulzendorfer seit Jahrzehnten. Wohl auch deshalb fühlten sich in den 1990er Jahren einige ausländische Spieler „wie bei Muttern“. Da dribbelten neben einem jungen Mann aus Irland fünf Japaner für die Grün-Weißen auf, allesamt von der Tokioter Teikyo-Universität, die an dem Ableger in Berlin-Schmöckwitz Land und Leute studierten.

Ronny Brendel kehrt zurück

Dass sie mit dem familiären Trumpf viele ausstechen, wissen sie inzwischen in der August-Bebel-Straße nur zu gut. Das macht sie in gewisser Weise entspannt. Das aktuellste und womöglich beste Beispiel haben sie in Ronny Brendel. Er, einer der Talentiertesten, mit 25 Jahren aber schon einer der Älteren, wollte es wissen und sein Können ausloten. Also versuchte er sich mal in der Nachbarschaft bei Eintracht Miersdorf/Zeuthen. „Er hat wohl gemerkt, dass sein wahres Zuhause nicht dort, sondern bei uns ist“, glaubt Linke. So kehrte Brendel mit der Erfahrung aus der Brandenburg-Liga zu Saisonbeginn zurück.

In die Freude, den verlorenen Sohn wieder in die Arme zu schließen und auch mit seiner entscheidenden Hilfe womöglich den Aufstieg schon in dieser Saison zu packen, mischt sich ausgerechnet für Günter Kober, den Ur-Ur-Alt-Schulzendorfer, jedoch ein klitzekleines Problem. Gerade wegen Brendel musste Kober in der Schlussphase der Partie gegen Woltersdorf die „1“ in die Luft halten. Denn der hatte beim 13:1 als erfolgreichster Schütze seiner Elf vier Tore erzielt.

Seit 61 Jahren ist Günter Kober im Verein und fühlt sich wohler denn je

Die meisten der aktuell 268 Mitglieder haben noch gar nicht gelebt, da war Günter Kober schon Mitglied der SG Schulzendorf. Natürlich ist der gelernte Maurer Ehrenmitglied, so wie zum Beispiel auch Ulrich Prüfke, eine der 68er Legenden des 1. FC Union Berlin. Prüfke war einst Spieler und Trainer in Schulzendorf. Doch das und noch viel mehr war und ist Kober auch. Das Schönste aber: Mit seinen 76 Jahren ruht er sich auf seinen Lorbeeren nicht aus, sondern mischt nahezu täglich noch mit. Und das seit 61 Jahren.

FuWo: Die meisten Älteren, Herr Kober, sagen, früher war alles besser. Stimmt das?

Günter Kober: „Nee, wenn ich daran denke, wie das früher war, dann ist das jetzt viel besser. Das kann man gar nicht miteinander vergleichen.“

Wie war's denn damals so, als Sie noch zu den Jung-Spunden gehörten?

Kober: „Wir hatten zwar den Sportplatz, aber keine Kabinen. Umziehen mussten wir uns ganz woanders, im jetzigen Café Stadion. Dort sollte in den Gründerjahren mal unser Sportplatz gebaut werden, daraus aber wurde dann nichts. Umgezogen ging es dann die anderthalb bis zwei Kilometer zum Spiel.“

Und danach?

Kober: „Das Ganze wieder zurück. Bei schönem Wetter war's nicht so schlimm, aber es hat ja auch mal geregnet, gestürmt oder geschneit und die Klamotten waren verschwitzt, dreckig, schwer. Die Trikots, damals alle aus Baumwolle mit den Schnürchen am Halsausschnitt, wie wir sie noch von unserer 54er Weltmeistermannschaft kennen, klebten einem am Leib. Das würde heute keiner mehr wollen.“

Trotzdem ist Ihr Herz am Verein hängen geblieben. Fast Ihr ganzes Leben. Wie kommt das?

Kober: „Weil es, und es ist ja nicht nur vom Gefühl her bei den meisten von uns so, sondern es stimmt wirklich, so familiär zugeht. Da fühlt man sich einfach wohl.“

Hing oder hängt da nicht manchmal der Haussegen schief?

Kober: „Wieso? Hier machen doch alle mit, viele Familien. Meine auch. Meine Frau Gisela hat hier mal Handball gespielt, meine Söhne Uwe und Frank waren wie ich Fußballer, Frank ist heute im Vorstand und für die Sicherheit und für das Ehrenamt zuständig. Selbst meine beiden Töchter waren Fußballerinnen, als wir noch ein Frauenteam hatten. Und mittlerweile spielt mein Enkelsohn Tobias, der Sohn von Uwe, in unserer ersten Mannschaft.“

Erkennen Sie denn die Sportanlage noch wieder, wenn Sie so zurückdenken?

Kober: „Das schon, aber verändert hat sich das Ganze doch ganz gewaltig. Wir haben jetzt auch einen Kunstrasenplatz und einen Bolzplatz. Unser Vereinsheim ist umgebaut und auf Vordermann gebracht. Es sieht ganz schmuck aus und hat nicht wie früher nur zwei Kabinen und eine Dusche. Wenn ich das einfach mal so sagen darf: Wir haben hier jetzt ein Paradies.“

SG Schulzendorf

Adresse: SG Schulzendorf, August-Bebel-Straße 70, 15732 Schulzendorf.
Homepage: www. sgschulzendorf.de
Gegründet: Im September 1931 nahm der SC Eichberg (3 Eicheln) den Spielbetrieb in der 2. Kreisklasse auf. 1934 erfolgte die Umbenennung in SV Schulzendorf, von 1941 bis 1943 gab es die Kriegssportgemeinschaft Schulzendorf/Wernsdorf, danach ruhte der Sportbetrieb. Im April 1947 erfolgte die Neugründung als SG Schulzendorf. Von 1970 bis 1997 nahm der Verein am Spielbetrieb in Berlin teil, seit- dem ist er dem Fußballkreis Dahmeland angegliedert.
Mitglieder: aktuell 268.
Sportarten im Verein: ausschließlich Fußball.
Mannschaften: 11 (2 Männer- und 9 Jugendmannschaften, von denen eine noch nicht am Spielbetrieb teilnimmt)
Spielklasse der 1. Mannschaft: Kreisoberliga Dahme/Fläming (Brandenburg).
Größte Erfolge: Aufstieg in die Bezirksliga Berlin (die damals in der DDR dritthöchste Spielklasse) 1973, Aufstieg in die Kreisliga Dahmeland 1999 und 2008, Kreispokalfinale 2011, Qualifikation für die Kreisoberliga 2014.

Von Robert Klein

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