09.06.2012

Im Schatten des Speedways

LECHIA ZIELONA GÓRA: Für Lechia Zielona Gorá sind in Polens 2. Liga West keine großen Sprünge drin - Auch das liebevoll restaurierte Stadtzentrum lohnt einen Besuch.

Zum Glück haben die Gäste viele Fans mitgebracht. Sonst wäre es noch ruhiger als sonst beim Fußball in Zielona Góra. An einem Freitagnachmittag um 15.30 Uhr haben die Menschen der westpolnischen Stadt, die auf Deutsch Grünberg heißt, andere Dinge zu tun. In der hübschen Fußgängerzone und im großen, modernen Einkaufszentrum „Focus Park“ herrscht geschäftiges Treiben, im 7000 Zuschauer fassenden Städtischen Stadion dagegen gähnende Leere. Der Klub Sportowy (KS) Lechia trägt hier seine Heimspiele aus.

2. Liga West, aber eigentlich 3. Liga, denn in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung und der Vermarktung von Liga-Namen entspricht im Fußball der Inhalt nicht zwangsläufig mehr der Verpackung. Drittklassig (wie beispielsweise auch die League One in England) ist die zweigleisige 2. Liga in Polen, weil die höchste Spielklasse, die Profi-Liga „Ekstraklasa“, gesondert zählt.

Normalerweise trägt Lechia seine Heimspiele sonnabends aus, doch wegen einer Leichtathletik-Veranstaltung am Wochenende muss der abstiegsgefährdete Klub diesmal gegen den Aufstiegsanwärter Zawisza Bydgoszcz (deutsch: Bromberg) auf den Freitag ausweichen. Die frühe Anstoßzeit erklärt sich aus der fehlenden Flutlichtanlage. Die Fußballer in Zielona Góra sind es gewohnt, Rücksicht zu nehmen und ein Schattendasein zu fristen. In der Zuschauergunst und im Sponsoring stehen Speedway und Basketball ganz oben, für Fußball bleibt da wenig Platz.

„Was ist Speedway?“, fragt Rafal Zych und liefert die Antwort gleich mit: „Für mich ist das kein Sport.“ Ich pflichte ihm bei. Zych ist Fußballer durch und durch. Der Pole ist noch immer aktiv, in Deutschland beim VfB Weißwasser 1909 in der Kreisliga Oberlausitz. Zych war dabei, als Lechia in der zweiten Hälfte der 90er Jahre seine beste Zeit in der zweithöchsten Liga Polens erlebte. Doch die sportliche Rangordnung in der Stadt ist nicht zu verleugnen. Falubaz, das Speedway-Team von Zielona Góra, wurde im Vorjahr Meister der polnischen Profi-Liga, die als die stärkste der Welt gilt.

Geradezu armselig sehen im Vergleich dazu die Verhältnisse bei den (Feierabend-)Fußballern von Lechia aus. „Wir müssen sofort nach dem Spiel für die vier Offiziellen und die zwei Beobachter des Verbandes zusammen 3000 Zloty bezahlen“, sagt Lechias Schatzmeister Bogdan Dokowicz in gutem Deutsch, „das sind schon fast die gesamten Einnahmen eines Spiels“. Nur gut, dass die Kommunen in Polen keine Stadionmieten erheben. Doch große Sprünge sind für Lechia trotzdem nicht drin. Aus diesem Grund hat der Verein im Sommer seinen in Grünberg geborenen Trainer Maciej Murawski und mit ihm gleich zwei Leistungsträger der Mannschaft verloren.

Heute, zum Auftakt des 11. Spieltages, gibt es beim Duell des Vorletzten (17.) gegen den Dritten der 2. Liga West ein Wiedersehen mit dem abgewanderten Trio. Murawski (als Spieler 2002 polnischer Meister mit Legia Warschau sowie WM-Teilnehmer und danach zwei Jahre Profi bei Arminia Bielefeld) trainiert jetzt Zawisza Bromberg, einen traditionsreichen und ambitionierten Klub. In der „Ewigen Tabelle“ der polnischen Topliga von 1927 bis 2010 steht Zawisza zwar nur auf Rang 31, doch die insgesamt zwölf Jahre Erstliga-Zugehörigkeit der Blau-Schwarzen von ihrem ersten Aufstieg 1960 bis zum vorerst letzten Abstieg 1994 haben Spuren hinterlassen. Zawisza besitzt großen Rückhalt bei seinen Anhängern.

Selbst an einem Freitag haben sich zirka 200 Fans auf den 290 Kilometer langen Weg von Bydgoszcz an der Weichsel nach Zielona Góra gemacht, um drittklassigen Fußball zu sehen. Die zumeist in Bussen angereisten Fans werden wie in Polen üblich von einem martialisch anmutenden Polizeiaufgebot in den Gästeblock geführt, der bei Lechia zum Glück kein Käfig ist. Aggressiv wirkt an diesem Nachmittag ohnehin nur die mit Masken und Schlagstöcken ihre Macht zur Schau stellende Eingreiftruppe der Polizei.

Zawisza-Fans geben den Ton an Entspannt wirken auch einige wenige Fans aus Bromberg, die den Eindruck erwecken, als könnten sie demnächst ihre Hooligan-Memoiren schreiben. Die Angereisten geben in der weitläufigen Anlage den Ton an, unterbrochen nur von gelegentlichen Durchsagen aus dem Sprecherhäuschen. Das Spiel jedoch löst keine Begeisterung aus. Zawisza dominiert zwar das Geschehen, ist im Abschluss aber zu harmlos, um die junge Lechia-Elf zu bezwingen. Am Ende muss der Favorit sogar zufrieden sein, dass die vom Verletzungspech geplagten und mit fünf Mann Ersatz angetretenen Grün-Weißen gleich mehrere vorzügliche Torchancen nicht nutzen können. Der frühere Verteidiger Murawski flucht am Spielfeldrand über die Zawisza-Abwehr. Bei Lechia herrscht Erleichterung. „Für uns ist das heute ein Punktgewinn“, sagt Schatzmeister Dokowicz nach dem 0:0 und verweist darauf, dass nur ein Feldspieler der Startelf älter als 23 Jahre gewesen sei. Zumindest der Nachwuchs (die Junioren wurden in der Vorsaison Dritter der regionalen Meisterschaft) lässt Lechia auf bessere Zeiten hoffen – trotz Speedway und Basketball.

Horst Bläsig

Unter früheren Erstligisten

Fußball steht in Grünberg ganz im Schatten anderer Sportarten. So ist die Stadt eine Speedway-Hochburg in Polen – mit eigenem Stadion und Zuschauerkulissen um die 15.000. Auch Basketball ist sehr populär. Die Männer von Zastal Zielona Góra spielen in der polnischen Profiliga und locken bei Heimspielen regelmäßig 2000 Fans an.

Die Fußballer des Klub Sportowy (KS) Lechia Zielona Góra spielen zurzeit in der dritthöchsten polnischen Spielklasse (2. Liga West) zusammen mit früheren Erstligisten wie Zaglebie Sosnowiec (Sosnowitz), Zawisza Bydgoszcz (Bromberg), Baltyk Gdynia (Gdingen) oder Gornik Walbrzych (Waldenburg). Der erste polnische Fußballklub in Zielona Góra wurde 1946 unter dem Namen „Wagmo“ gegründet – in Anlehnung an den örtlichen Eisenbahnwaggonbauer. Im Laufe der Jahre wechselte der Name von Stal über Zastal zu MBKS Lechia (1973).

Seine beste Phase erlebte der Klub in den 90er Jahren, als er vier Jahre lang (1995-99) der zweithöchste Spielklasse des Landes angehörte. Seit 2005 trägt der Klub den Namen Lechia Zielona Góra. Finanzielle Probleme stehen dem sportlichen Erfolg im Wege. 2009 konnte Lechia seinen Platz in der 2. Liga West als Tabellen-16. nur deshalb behaupten, weil Odra Oppeln und Kotwica Kolberg trotz sportlicher Qualifikation ihren Liga-Status einbüßten. Am Ende der vergangenen Saison belegte Lechia Rang 13, verlor aber aufgrund der bescheidenen finanziellen Möglichkeiten den in Zielona Góra geborenen Trainer Maciej Murawski (WM-Teilnehmer 2002 und danach zwei Jahre Profi bei Arminia Bielefeld) sowie die Führungsspieler Galdino Mendes und Wojciech Okinczyc an den Ligakonkurrenten Zawisza Bromberg. In Zielona Góra begann auch der 46malige polnische Nationalspieler Dariusz Kubicki (WM-Teilnehmer 1986 in Mexiko als Spieler von Legia Warschau) seine Karriere.

Jerzy Chwalek/Horst Bläsig

Bequem von Berlin aus zu erreichen

Bequem von Berlin aus zu erreichen Zielona Góra (deutsch: Grünberg) liegt zirka 60 Kilometer östlich von Guben, hat knapp 120.000 Einwohner und ist neben Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) einer der beiden Verwaltungssitze der polnischen Woiwodschaft Lebus. Sie umfasst in etwa die frühere Neumark (Ostbrandenburg) sowie kleine Teile des nördlichen Niederschlesiens und der östlichen Niederlausitz.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war Grünberg die nördlichste Kreisstadt der preußischen Provinz Niederschlesien, gehört aber heute in Polen nicht zu der gleichnamigen Woiwodschaft (polnisch: Dolnoslaskie). Die im Zentrum liebevoll restaurierte Stadt ist von Deutschland aus bequem und gut zu erreichen. Mit dem Auto: Über die A12 nach Frankfurt/Oder, kurz hinter der Grenze (ab da sind es noch 84 Kilometer) auf die polnische Staatsstraße 29, die hinter Crossen/O. in die aus Richtung Guben kommende Staatsstraße 32 mündet.

Mit dem Zug: Berlin-Warschau-Express (EC) bis Rzepin (Reppen; Fahrzeit 1 Stunde, 25 Minuten von Berlin-Hauptbahnhof), dort umsteigen in den aus Küstrin kommenden Regionalzug nach Zielona Góra (Fahrzeit 1 Stunde, 33 Minuten). Die Internetseite der polnischen Staatsbahn PKP (www.pkp.pl) ist auch deutschsprachig. Mit Bahn und Bus: Regionalexpress (RE1) nach Frankfurt/Oder. Dort über die Stadtbrücke zum Busbahnhof von Slubice. Gute Verbindungen im Linienverkehr von Slubice nach Zielona Góra (bis zu neunmal täglich; Fahrzeit 1 Stunde, 56 Minuten; Fahrpreis umgerechnet knapp fünf Euro für die einfache Fahrt). Das Stadion von Lechia ist zu Fuß in zehn bis 15 Minuten vom Bahnhof in Grünberg aus zu erreichen.

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