Mein Fußball-Woche

31.01.2015

Im Schatten der Alhambra

Winter-Fluchten (I): Seit 2011 gibt es in Granada wieder Erstliga-Fußball zu sehen – Doch berühmt ist die Stadt durch ihre maurische Vergangenheit

War schon Schauplatz für Länderspiele der Spanier und 1997 zudem Ausweicharena für Albanien in der WM-Qualifikation (u.a. 2:3 gegen Deutschland): das Estadio Nuevo Los Carmenes. Foto: Bläsig

Wahrscheinlich denkt an diesem Sonntagmittag kein Spaziergänger in Granada an Fußball. Zu schön ist das Wetter. Die halbe Stadt scheint auf den Beinen, um die selbst für andalusische Verhältnisse ungewohnt warme Januar-Sonne zu genießen. Der blaue Himmel lockt die Menschen ins Freie und die Touristenscharen hinauf zur Alhambra, der sagenhaften Festung aus der fast 800 Jahre währenden muslimischen Herrschaftszeit in Spanien und Portugal.

Fußball? Der ist von den einstigen Palästen und Gärten der Sultane, von den engen Gassen des alten maurischen Stadtviertels gefühlt weiter entfernt als Nordafrika, von wo aus im achten Jahrhundert Araber und Berberstämme nach Europa herübersegelten. Entsprechend unwirklich, fast schon außerirdisch wirkt deshalb der alte Mann, der mit einer großen Fahne in der Hand plötzlich inmitten der Altstadt auftaucht: Mütze, Schal, Trikot – blau-weiß von oben bis unten. Der erste Hinweis, dass an diesem Sonntag in Granada auch Fußball gespielt wird. Erst später um 19 Uhr und weit draußen im Südosten der Stadt: Granada CF gegen Real Sociedad aus dem 865 Kilometer entfernten San Sebastian heißt eine der zehn Ansetzungen des 18. Spieltags der Primera Division, Spaniens 1. Liga. Der alte Mann, der in den Farben des baskischen Klubs durch Granada läuft, ist beim Anpfiff einer von 15.000 Zuschauern im Estadio Nuevo Los Carmenes. Keine schlechte Zahl angesichts des Tabellenstandes beider Mannschaften (der 19. empfängt den 13.), aber auch ein Zeichen dafür, dass das knapp 23.000 Besucher fassende Stadion von Granada selten ausverkauft ist.

Keine Schlangen beim Fußball

Lockte 2014 die Rekordzahl von mehr als drei Millionen Besuchern an: die Alhambra, eine der beliebtesten Touristenattraktionen Europas. Foto: Bläsig

Auswärtigen Besuchern kann das nur recht sein. Von Topspielen wie gegen Real Madrid oder den FC Barcelona abgesehen, müssen Touristen eigentlich nie um ein Ticket bangen. Ausreichend Platz ist für alle da und geduldiges Schlangestehen wie vor der Alhambra nicht vonnöten. Die 1984 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Stadtburg zählt zu den beliebtesten Touristenattraktionen Europas, lockte 2014 die neue Jahresrekordzahl von mehr als drei Millionen Besuchern an. Sehenswert zudem das Machtsymbol des Katholizismus in Granada: die Kathedrale Santa Maria mit ihrer prächtigen Renaissance-Kuppel.

Kulturvielfalt, Sightseeing, orientalisches Flair, Flamenco-Clubs, Tapas Bars und Erstliga-Fußball: Die Universitätsstadt Granada bietet die perfekte Mischung für einen Kurztrip in den Süden. Und vor den Toren der Stadt liegt die Sierra Nevada mit ausgedehnten Wander- und Skigebieten. Vom Stadion Nuevo Los Carmenes aus bieten die schneebedeckten Gipfel der Sierra an diesem milden Januar-Sonntag einen majestätischen Anblick. Einzig das Spiel bleibt einiges schuldig. 1:1 endet das Abstiegsduell, beide Treffer resultieren bezeichnenderweise aus Foulelfmetern.

David Moyes, der bei Manchester United gescheiterte, neue Trainer San Sebastians spricht von einer schwachen Vorstellung seiner Mannschaft. Trotz der 1:0-Führung (35., Vela) habe sie, so der Schotte, keine Kontrolle über das Spiel bekommen. Granadas Ausgleich zwölf Minuten vor Schluss (Fran Rico) war denn auch hochverdient, hilft den nunmehr seit 14 Punktspielen sieglosen Andalusiern indes nicht wirklich weiter. Weil das bisherige Schlusslicht Elche am Nachmittag überraschend in Bilbao gewonnen hat, rutschen die Rot-Weißen mit den blauen Hosen auf den 20. und letzten Platz der Primera Division ab. Fünf Tage später, nach der 0:4-Niederlage im Achtelfinalrückspiel des Pokals beim FC Sevilla, muss der erst zu Saisonbeginn für zwei Jahre verpflichtete Trainer Joaquin Caparros (59) seinen Hut nehmen.

Eigentor von Cristiano Ronaldo

Für die Fans bricht mit dem Abrutschen ans Tabellenende keine Welt zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Bedeutungslosigkeit sind sie froh, dass der Granada Club de Futbol seit 2011 wieder zur Elite des spanischen Fußballs gehört. 50.000 Menschen feierten am 19. Juni 2011 die Mannschaft, die in den Play-Offs tags zuvor mit einem 1:1 in Elche (Hinspiel 0:0) den zweiten Aufstieg in Folge und damit nach 35 Jahren die Rückkehr des Vereins in die Primera Division geschafft hatte. Seitdem können sie in Granada wieder Tage genießen wie den 2. Februar 2013, als das große Real Madrid 1:0 besiegt wurde – durch das erste Eigentor von Cristiano Ronaldo in seiner Karriere.

Überschäumendes Temperament ist den Bewohnern der einst letzten arabischen Bastion auf spanischem Boden nicht fremd. Mag Granada auch keine klassische Fußballstadt sein, Stolz und Begeisterung für ihren Klub empfinden die knapp 240.000 Einwohner aber allemal. Zumal der FC Granada zwischenzeitlich (2002–2006) bis in die 4. Liga, die „Tercera“, abgestürzt war – zwangsweise wegen nicht gezahlter Spielergehälter. 2006 gelang der Wiederaufstieg in die Segunda B, 2010 – nach 22 Jahren – der Sprung zurück in die Segunda, Spaniens 2. Liga. Ein ebenso rasantes wie sensationelles Comeback, nachdem noch im Juli 2009 wegen finanzieller Schwierigkeiten der Konkurs gedroht hatte.

Die Rettung brachte der Einstieg der italienischen Unternehmerfamilie Pozzo als Mehrheitseigner. Der FC Granada war nunmehr Teil des Fußballimperiums des Metallmagnaten Giampaolo Pozzo und Partner des italienischen Erstligisten Udinese Calcio. Den hatte sich Pozzo bereits 1986 gekauft, 2012 folgte der FC Watford aus England als dritter Klub. Leihgeschäfte mit Udinese sind seitdem an der Tagesordnung.

Sportlich profitierte Granada davon. Mit dem Durchmarsch in die 1. Liga knüpfte der Verein an seine großen Zeiten an, in denen er insgesamt 17 Jahre der obersten Spielklasse angehörte (von 1968 bis 1976 ununterbrochen) und zweimal sogar Rang sechs am Saisonende belegte: 1972 und 1974 (zwei Punkte und zwei Plätze vor Real Madrid). Erstmals stieg Granada 1941 als dritter Verein aus Andalusien (nach Betis und dem FC Sevilla) in Spaniens Topliga auf. 1959 zogen die Rojiblancos (die Rotweißen) zum ersten und bis heute einzigen Mal ins spanische Pokalfinale ein (1:4 gegen den FC Barcelona), 1972 stellten sie mit Enrique Porta (20 Treffer) den Torschützenkönig der Liga. Der Ruhm verblich mit dem Abstieg 1976 für 35 Jahre.

Maradona im Granada-Trikot

Nur einmal noch wehte ein Hauch des großen Fußballs über dem alten Los Carmenes: Das war am 18. November 1987, als ein gewisser Diego Armando Maradona (damals SSC Neapel) an der Seite seiner Brüder Hugo (Neapel/Ascoli Calcio) und „Lalo“ (Granada CF) für ein Freundschaftsspiel gegen Malmö FF das rot-weiß-quergestreifte Trikot des damaligen Zweitligisten überstreifte. Weltstar Maradona steuerte prompt einen spektakulären Treffer zum 3:2-Sieg der Andalusier bei. Von solchem Glanz ist der FC Granada an diesem Januar-Sonntag ein Stück entfernt, aber in der vierten Saison in Folge wieder gegen die großen Klubs des Landes zu spielen, bedeutet für die Stadt der Alhambra schon viel. Und gerade hier denken die Menschen sowieso nicht nur an Fußball. Dazu sind die Stadt und ihre Umgebung einfach zu schön.

Infos & Service

Klima: Die knapp 240.000 Einwohner zählende Universitätsstadt lohnt einen Besuch zu jeder Jahreszeit. Preiswert und wenig überlaufen ist die Stadt in den Wintermonaten, in denen es allerdings auch sehr kalt werden kann. Dann lohnt sich eher ein Abstecher in die nahegelegenen Skigebiete der Sierra Nevada. Doch selbst im Januar und Februar sind immer Temperaturen bis 20 Grad möglich. Besonders angenehm (und nicht so brütend heiß wie im Sommer) ist es im Frühjahr und Herbst.

Anreise: Die günstigste Variante von Berlin aus ist ein Flug mit Easyjet (ab Schönefeld) oder Iberia Express (ab Tegel) nach Madrid und dann weiter mit der Bahn (viereinhalb Stunden, ohne Umsteigen) oder einem Anschlussflug mit Iberia nach Granada-Jaen. Bei rechtzeitiger Buchung und mit etwas Glück sind Hin- und Rückflug von Berlin nach Madrid schon für deutlich unter 100 Euro zu bekommen. Zugtickets (ab zirka 60 Euro von Madrid nach Granada und zurück) können online bei der spanischen Eisenbahn (Renfe) unter www.renfe.com gebucht werden. Kürzer, aber in der Regel teurer ist die Anreise über die Flughäfen Malaga und Almeria beispielsweise mit Air Berlin.

Unterkunft: Granada bietet unzählige Hotels und Hostels in allen Kategorien. Unser Tipp: Hotel Parraga Siete in der Calle Parraga 7. Absolut zentral in einer kleinen Seitenstraße der Altstadt gelegen; helle, geschmackvolle Zimmer; freundliches Personal; mit angeschlossenem Restaurant; günstige Winterangebote, z.B. Einzelzimmer (ohne Frühstück) über www.booking.com ab 45 Euro.

Tickets: Karten für die Spiele des Granada CF und andere Veranstaltungen in Granada gibt es unter www.granadaonline.es

Erfolge & Namen Granada CF

Gründungsdatum: 14. April 1931 (als Recreativo de Granada; seit 1947 Granada CF).
Stadion: Estadio Nuevo Los Carmenes, eingeweiht am 16. Mai 1995 mit einem Freundschaftsspiel Real Madrid – Bayer Leverkusen (1:0). 22.524 Plätze. Davor spielte der Verein seit dem 23. Dezember 1934 im Estadio Los Carmenes.

Aufstiege in die Primera Divison (5): 1941, 1957, 1966, 1968, 2011.
Abstiege aus der Primera Division (4): 1945 (1:4 in der Relegation gegen Celta Vigo), 1961 (direkt), 1967 (0:2 und 0:1 in der Relegation gegen Betis Sevilla), 1976 (direkt).

Spielzeiten in der Primera Division (21): 1941/42–1944/45 (4), 1957/58–1960/61 (4), 1966/67 (1), 1968/69–1975/76 (8), ab 2011/12 (4).

Beste Platzierungen in der Primera Division: 6. 1971/72, 6. 1973/74, 8. 1943/44, 8. 1968/69.

Spielzeiten in der Segunda Division: 31.

Spanischer Pokalfinalist: 1959 (1:4 gegen den FC Barcelona, damals CF Barcelona).

Spanischer Pokalhalbfinalist: 1944/45 (0:2 und 2:1 gegen den FC Valencia, damals CF Valencia), 1958/59 (1:0, 0:1 und 3:1 gegen CF Valencia), 1968/69 (1:1 und 0:2 gegen Athletic Bilbao, damals Atletico Bilbao).

Meiste Einsätze für Granada CF: Manuel Molina Garcia „Lina“ (371).

Meiste Einsätze für Granada CF in der Primera Division: Pedro Fernandez Cantero (170).

Meiste Tore für Granada CF: Rafael Delgado Gonzales „Rafa“ (97).

Spanischer Torschützenkönig 1972: Enrique Porta (20 Treffer).

Berühmte Spieler: Jose Martinez Sanchez „Pirri“ (späterer Nationalspieler sowie WM-Teilnehmer 1966 und 1978 für Real Madrid); Ladislao Mazurkiewicz (uruguayischer Nationaltorhüter sowie WM-Teilnehmer 1966, 1970 und 1974); Thomas Parits (österreichischer Nationalspieler).

Berühmte Trainer: Jose Iglesias „Joseito“ (Meisterspieler von Real Madrid in den 50er Jahren, Aufstiegstrainer von Granada 1968); Heriberto Herrera (späterer Meistertrainer von Juventus Turin); Miguel Munoz (Europapokalsieger als Spieler und Trainer mit Real Madrid); Paco Gento (früherer Nationalspieler sowie WM-Teilnehmer 1962 und 1966 für Real Madrid); Fabriciano „Fabri“ Gonzalez (schaffte mit Granada 2010 und 2011 zwei Aufstiege in Folge).
Website: www.granadacf.es

Von Horst Bläsig

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