26.02.2017

„Ich habe alles richtig gemacht“

Als Innenverteidiger ist es Sebastian Neumann (26) gewohnt, auszuteilen und abzuräumen. Doch der gebürtige Berliner hat auch gelernt, einzustecken: Nachdem ihm sein Heimatverein Hertha BSC 2012 einen Vereinswechsel nahelegte, versuchte Neumann zunächst in der 3. Liga beim VfL Osnabrück sein Glück, dann eine Klasse höher beim VfR Aalen. Als dort bei einer Routineuntersuchung ein Herzfehler festgestellt wurde, entschied sich der 1,88 Meter große Defensivspezialist für eine Operation und startete anschließend erneut durch. Seit Saisonbeginn kickt Neumann für den fränkischen Überraschungs-Aufsteiger Würzburger Kickers, der am Freitag beim 1. FC Union in der Alten Försterei gastiert (Anstoß 18.30 Uhr). 

Fußball-Woche: Herr Neumann, welche Erfahrung hat Sie in bald sieben Profi-Jahren am meisten geprägt?


Sebastian Neumann: „Es gab Höhen und Tiefen. Zunächst war die Enttäuschung groß, als ich den Schritt aus Berlin, weg von Hertha BSC, in die 3. Liga machen musste. Aber dann dachte ich mir, okay, mache ich zwei Schritte zurück, um drei voranzugehen. Mit Osnabrück habe ich im ersten Jahr den Aufstieg in die 2. Liga nur knapp verpasst, mit dem Wechsel nach Aalen hat es dann geklappt. Dann kam die schlimmste Zeit meiner Karriere: Erst die Meniskus-Verletzung, dann die Herzkrankheit.“

Was ging in Ihnen vor, als Sie die Diagnose erfahren hatten?

Neumann: „Ich wusste nicht, wie es weitergeht, keiner schien mir helfen zu können. Ich dachte ans Aufhören und stand auch tatsächlich kurz davor. Trotzdem, so einfach wollte ich es nicht geschehen lassen, lieber nochmal alles probieren.“

Wie ging es weiter?

Neumann: „Es gab damals diesen Vorfall mit Daniel Engelbrecht (als Spieler der Stuttgarter Kickers brach der damals 22-jährige Engelbrecht während einer Partie gegen Rot-Weiß Erfurt mit Herzstillstand auf dem Spielfeld zusammen und musste reanimiert werden; die Red.), er hat sich danach einen Defibrillator einpflanzen lassen. Mit Daniel habe ich gesprochen, er hat mir auch sehr gut weitergeholfen, indem er mir einen Arzt am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus empfahl. Am 29. Januar 2015 wurde ich operiert, danach durfte ich sechs Wochen meinen Arm nicht heben und musste das Bett hüten. Als ich das erste Mal wieder auf dem Platz stand und gegen den Ball treten konnte, war das schon sehr befreiend. Von da an wusste ich: Ich habe alles richtig gemacht, ich gehöre auf den Platz, da bin ich am liebsten.“ 

Bleibt trotz allem noch ein Risiko?

Neumann: „Das ist ausgeschlossen. Ich hatte vor der Diagnose nie Probleme, jetzt habe ich auch keine. Ich muss nur einmal im Jahr zur Kontrolle, das macht mir aber keine Sorgen, mir geht‘s gut.“

Das scheint so zu sein, denn Sie sind vor der Saison nach Würzburg gewechselt und gleich zum Kapitän ernannt worden.

Neumann: „Das hat mich natürlich auch überrascht. Der Trainer hat gesagt, ihm habe imponiert, wie ich als neuer Spieler aufgetreten bin und dass er mich gerne als Kapitän sehen würde. Diese Ehre habe ich gerne angenommen und versuche sie mit Leistung zurückzuzahlen.“

Das klingt nach einem guten Verhältnis zu Trainer Bernd Hollerbach?

Neumann: „Das ist so, wie ein Kapitän-Trainer-Verhältnis sein sollte, denke ich. Wir tauschen uns oft aus, besprechen viel. Der Trainer hat für jeden immer ein offenes Ohr.“

Hollerbach war lange Assistant von Felix Magath – macht sich das im Training bemerkbar?

Neumann: „(lacht) Die Frage musste ja kommen. Für Bernd Hollerbach ist eine starke körperliche Verfassung Grundvoraussetzung – nicht mehr, nicht weniger. Entsprechend arbeiten wir im athletischen Bereich. Letztlich ist es aber das Zusammenspiel, denn gerade in taktischer Hinsicht sind wir ex­trem flexibel und daher für unsere Gegner schwer ausrechenbar.“

Die Rückrunde lief in den ersten Spielen trotzdem nicht optimal.

Neumann: „Die Gegner stellen sich besser auf uns ein. Zu Beginn der Hinrunde hat uns keiner wirklich ernst genommen, wir waren für alle Absteiger Nummer eins. Wobei so eine Phase auch ganz normal ist. Alles andere, was hier in Würzburg in den vergangenen zweieinhalb Jahren passiert ist, war nicht normal. Wir haben viele junge Spieler, die über wenig Erfahrung in der 2. Bundesliga verfügen. Wirklich schlechte Spiele haben wir nicht gemacht, deshalb sollten wir uns auch nicht verrückt machen lassen. Das Saisonziel lautet Klassenerhalt, wir stehen gut da, haben aber noch einen harten Weg vor uns.“ 

Das bedeutet, bei Union kann Ihre Mannschaft befreit aufspielen?

Neumann: „Wir können gegen jeden Gegner bestehen, müssen dazu aber immer alles abrufen. Im Hinspiel haben wir Union 80 Minuten lang dominiert, doch wenn man in der 2. Liga einen Fehler macht, wird das knallhart bestraft. Aber hätte jemand vor zwei Jahren gesagt, dass Würzburg für ein Meisterschaftsspiel an die Alte Försterei reist, hätte das keiner geglaubt. Wir freuen uns auf Union, auf die tolle Stimmung, das haben wir uns hart erarbeitet. Und wir werden auch dort alles versuchen, das verspreche ich.“

Interview: Alex Heinen

Kommentieren

Vermarktung: