20.10.2017

„Hier kann man sich besser in die Augen sehen“

Interview mit Sascha Burchert (Greuther Fürth)

Ein Bild aus alten Zeiten: Sascha Burchert 2012 im Derby gegen den 1. FC Union (2:1). Foto: JouLux

Mit fast 28 Jahren ist Sascha Burchert (geboren am 30. Oktober 1989) im besten Fußballeralter, seine fraglos große Qualität konnte der 1,87 Meter große Torhüter bislang aber nur sporadisch unter Beweis stellen. Was vor allem daran lag, dass der gebürtige Berliner in seiner bisherigen Profilaufbahn, die er – mit Ausnahme einer halbjährigen Ausleih-Station beim norwegischen Erstligisten Vale­renga Oslo – von 2008 bis 2016 bei Hertha BSC verbrachte, sich zumeist Konkurrenten gegenübersah, die von seinen jeweiligen Trainern stets einen Tick besser eingeschätzt wurden.
Auch nach seinem Wechsel zum Zweitligisten Greuther Fürth, am Sonnabend zu Gast beim 1. FC Union (13 Uhr, Alte Försterei), musste sich der Blondschopf zunächst mit der Reservistenrolle zufrieden geben. Nach dem gründlich misslungenen Start der SpVgg sieht es allerdings ganz danach aus, als ob Burchert eine reelle Chance erhält, sich nachhaltig als neue Nummer eins der Franken zu empfehlen.

Fußball-Woche: Herr Burchert, in der vergangenen Saison haben Sie für die SpVgg Greuther Fürth insgesamt nur zwei Liga-Spiele absolviert, jeweils gegen Union. Das müssen Sie uns erklären.

Sascha Burchert:
„Gerne: Im Hinspiel ist mein Kollege Balázs Megyeri vor dem Spiel Papa geworden und nach Ungarn gereist, um die Geburt seiner Tochter mitzuerleben. Beim Rückspiel war es abgesprochen, dass ich das letzte Saison­spiel kriege.“

Stehen Sie gegen Union diesmal wieder im Tor?


Burchert:
„Natürlich hofft man als Fußballer, dass man spielen darf. Ob es dazu kommt, werden wir sehen.“

Die SpVgg steckt im Abstiegsstrudel, der Trainer (Damir Buric kam für Janos Radoki; die Red.) wurde bereits gewechselt. So richtig gebracht hat es noch nichts, oder?

Burchert: „Als Damir Buric anfing, folgte direkt eine Englische Woche, da hat man als Trainer nicht die Möglichkeit, viel zu machen. Aber das konnten wir in der Länderspielpause gut nacharbeiten, denke ich.“

Welchen Platz belegen Sie in der Torwart-Hierarchie?


Burchert: „Da müssten Sie den Trainer fragen.“

Und wie verstehen Sie sich mit Ihren Torwart-Kollegen?

Burchert:
„Eigentlich sehr gut, und zwar mit allen, wirklich. In unserem Torwart-Team stimmt die Chemie, das wurde gut zusammengestellt. Auch sportlich passt es, leider noch nicht bei den Ergebnissen, aber ich bin guter Dinge, dass es in den nächsten Wochen besser wird.“

Stammkeeper Balázs Megyeri kennen Sie ja noch aus Berlin?


Burchert: „Genau, 2009 war er bei Hertha im Probetraining, da haben wir zusammen trainiert. Das verbindet uns schon irgendwie, auch wenn wir uns damals in den zwei, drei Tagen nicht wirklich kennengelernt haben. Aber als wir beide hier in Fürth aufgeschlagen sind, da hatte jeder den Weg des anderen verfolgt. Wir verstehen uns gut, blöd ist nur, dass immer nur einer spielen kann.“

Mit Christian Fiedler steht auch Ihr alter Torwart-Trainer bei Hertha in Fürther Diensten. Hat er Sie nach Franken gelotst?

Burchert:
„Das lief eher über den Sportdirektor, Christian war aber mit dabei. Das ist natürlich super für mich, da ich seine Torwartschule noch aus der Jugend kenne.“

Ist er besonders kritisch mit Ihnen?

Burchert: „Er kennt mich natürlich. Ich bin ja damals zu den Profis hoch, als er selbst noch aktiv war. Er hat mich schon in allen Situationen erlebt und weiß, wie er mit mir umzugehen hat.“

Ist das ein Vorteil?

Burchert: „Wenn ich mir überlege, was ich alles dazu gelernt habe und wie ich mein Spiel verbessern konnte, seit ich in Fürth bin, dann betrachte ich das als sehr großen Vorteil.“

Sie beide kennen den Abstiegskampf aus Ihrer gemeinsamen Zeit bei Hertha. Sehen Sie Parallelen zur aktuellen Situation in Fürth?

Burchert:
„Überhaupt nicht. Wir können hier entspannt, konzentriert und vor allem in Ruhe arbeiten. Das war in Berlin wesentlich schwieriger. Dort wurde alles gleich in Frage gestellt, jeder konnte alles über den anderen in der Zeitung lesen. Hier schießt keiner quer, hier kann man sich besser in die Augen sehen. In Berlin sind wir eher in verschiedene Richtungen gedriftet, das Gefühl habe ich hier nicht.“

Wenn man unten drin steht, kommt oft Pech hinzu, so wie damals bei Hertha, als Sie gegen den HSV diese zwei fast schon legendären Gegentreffer schlucken mussten. Denken Sie oft an diese Szenen zurück?

Burchert: „Nein, das ist acht Jahre her. Ich sag es mal so: Ich habe früh in meiner Karriere gelernt, dass man das alles nicht zu ernst nehmen sollte. Und dass viele Leute, die über Fußball schreiben, nicht unbedingt auch Ahnung von der Materie haben. Wichtig ist, dass man in der Gegenwart hart arbeitet und positiv in die Zukunft schaut.“

Ihr Bruder Nico ist mittlerweile Torwarttrainer beim SC Paderborn. Wäre der Job auch etwas für Sie?


Burchert:
„Das ist für mich noch ziemlich weit weg. Aber für Nico ist das hervorragend, er geht da total drin auf. Er kann gut vermitteln und macht das richtig gut. Es freut mich für ihn, dass er mit Paderborn jetzt auch wieder Erfolg hat.“

Können Sie sich vorstellen, von Ihrem Bruder trainiert zu werden?

Burchert:
„Absolut. Ich weiß ja, was er kann. Er vermittelt nicht nur das, was er selbst erlebt hat, sondern hat sich enorm viel Wissen angeeignet. Ich glaube, dass er einen richtig guten Job macht. Und ich freue mich für ihn, dass er in seinem Alter (Nico Burchert ist 30 Jahre jung; die Red.) schon so anerkannt ist.“

Interview: Alex Heinen

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