28.10.2017

„Hier fehlt einer, der mal richtig aufräumt“

Interview mit Heinz Gründel

Bei Hertha BSC blieb Heinz Gründel (60) in zwei Spielzeiten von 1976 bis 1978 eine Randfigur: Acht Bundesligaeinsätze und ein Tor verzeichnet die Bundesliga-Statistik. Einen Namen machte sich der im (West-)Berliner Norden aufgewachsene Mittelfeldspieler erst in Belgien (217 Spiele und 48 Tore für Thor Waterschei – heute KRC Genk – und Standard Lüttich) und anschließend beim Hamburger SV (62 Bundesligaspiele, 14 Tore) sowie bei Eintracht Frankfurt (91 Bundesligaspiele, neun Tore). Nach dem Ende seiner Karriere 1993 betrieb Gründel in seiner Wahlheimat Hamburg zehn Jahre lang eine Bar. Nach dem Verkauf des Etablissements begann er in einem Pfandhaus der Hansestadt zu arbeiten. Das Fußball-Herz des viermaligen Nationalspielers hängt nach wie vor an den Rothosen, die am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) bei Hertha auf keinen Fall verlieren dürfen, wollen sie nicht abermals tief im Abstiegsstrudel versinken.

Fußball-Woche: Herr Gründel, Sie sind 1976 von Rapide Wedding zu Hertha gekommen. Können Sie uns etwas über die Umstände verraten?


Heinz Gründel: „Tja, wie bin ich da hingekommen? Mein Vater hatte ganz guten Kontakt zu Wolfgang Holst. So bin ich bei den Hertha-Amateuren gelandet.“

Hat Wolfgang Holst Sie persönlich in Augenschein genommen?

Gründel: „Mich musste man nicht ex­tra spielen sehen (lacht). Von der E- bis zur A-Jugend habe ich bei Rapide gespielt, vor den Auswahlteams habe ich mich aber immer gedrückt. Erst als A-Jugendlicher habe ich mich breitschlagen lassen und auch mal für die Berliner Auswahl gespielt. Bei dem Spiel haben auch ein paar Späher von Hertha zugeguckt und sich wohl gedacht, aus mir könnte was werden.“

Viele Einsätze hatten Sie weder unter dem damaligen Hertha-Coach Georg Keßler noch unter dessen Nachfolger Kuno Klötzer. Konnten Sie sich nicht durchsetzen?

Gründel: „Das Problem war: Ich hatte einen schweren Motorradunfall, zwei Wochen nachdem ich den Führerschein in der Tasche hatte (lacht). Als Kuno Klötzer kam, habe ich aber auch gemerkt, dass meine Chancen nicht besonders groß waren. Also bin ich nach Belgien gegangen.“

Und wer hat Sie acht Jahre später zum HSV gelotst?

Gründel: „Horst Hrubesch, mit dem habe ich in Lüttich gespielt. Der damalige HSV-Manager Günter Netzer war ein guter Freund von ihm. Hrubesch hat ihm erzählt, dass ich ganz gerne nochmal in Deutschland spielen würde. Eigentlich wollte der HSV damals Rudi Völler holen, den haben sie aber nicht gekriegt. Stattdessen haben sie dann mich genommen.“

Damals war der HSV noch eine große Nummer.

Gründel: „Ich habe mit dem HSV den DFB-Pokal geholt, das ist bis heute der letzte Titel und das ist jetzt dreißig Jahre her. Da würde ich mir als Verantwortlicher schon so meine Gedanken machen. Irgendwie haben sie in Hamburg die Kurve nicht gekriegt.“

Mittlerweile wird der HSV nur noch mitleidig belächelt. Wie ist Ihr Eindruck?

Gründel: „Meiner Meinung nach gibt es zu viel Masse und zu wenig Klasse. Und die Masse liegt dem Klub auf der Tasche. Wenn man seine Großverdiener nicht los wird, kann man nicht einkaufen. So kommt ein Dilemma zum anderen.“

Dabei sah der Saisonstart mit zwei Siegen doch vielversprechend aus?

Gründel: „Die Leute, die ein bisschen Ahnung vom Fußball haben und die beide Spiele gesehen haben, die wussten schon, was Sache ist. Ich habe jedenfalls gleich gesagt, das sind sechs Punkte gegen den Abstieg.“

Besonders problematisch erscheint das Wirken von Klaus-Michael Kühne. Ist der Milliardär eher Fluch oder Segen für den Verein?

Gründel: „Ohne das Geld von Kühne wüsste ich nicht, wo der HSV jetzt stünde. Dass der ab und zu mal einen raushaut, ist ja bekannt. Kühne hat ja schon mal gesagt, ich gebe nur Geld, wenn wir diesen oder jenen Spieler kaufen. Und dann hatten wir das zweite Mal einen van der Vaart an der Backe, der viel Geld gekostet, aber keine Leistung mehr gebracht hat. Das kann es nicht sein.“

Angeblich steht Markus Gisdol schon wieder auf der Kippe. Kann ein erneuter Trainertausch die Lösung sein?

Gründel: „Ich sage immer: Bei dem Kader, den wir haben, brauchen wir keinen Trainer, sondern einen Zauberer. Das Problem ist: Die Spieler verdienen zu viel Geld, bringen aber keine Leistung.“

Das Spiel gegen Hertha könnte mal wieder richtungsweisend werden?

Gründel: „In den letzten Jahren hätten wir die Punkte auch mit der Post nach Berlin schicken können. Irgendwie liegen uns die Berliner nicht, das ist ganz komisch, da haben wir in den letzten Jahren eigentlich nie eine Chance gehabt. Früher sind wir da hin und wollten mindestens einen Punkt. Jetzt wird es schwer, überhaupt einen mitzunehmen.“

Es gibt nicht wenige, die meinen, dem HSV würde ein Abstieg gut tun. Sie auch?

Gründel: „Ich habe da meine Zweifel. Hier fehlt einer, der mal sauber macht und richtig aufräumt. Nur fällt mir bei den aktuell handelnden Leuten leider niemand ein, der das machen könnte.“

Interview: Alex Heinen

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