Mein Fußball-Woche

15.01.2017

Hertha 03 auf Weltreise

Eine längere Winterpause kannten die Profis der Bundesliga oder der beiden 2. Ligen nicht. Gleich zu Beginn des Jahres stand das Achtelfinale im DFB-Pokal auf dem Programm. Berlin war noch durch Hertha BSC vertreten, die beim heimstarken MSV Duisburg antreten mussten. Die Duisburger hatten in der Hinrunde der Bundesliga kein einziges Heimspiel verloren, doch die Herthaner präsentierten sich von ihrer besten Seite und gewannen mit 2:1 (1:0). Vor 11.000 Zuschauern bestimmten die „Zebras“ genau 23 Minuten lang das Geschehen, dann traf Beer mit einem herrlichen Distanzschuss aus knapp 30 Metern zur Führung der Berliner. Danach übernahmen die Gäste die Kontrolle über das Spiel, während dem MSV bis zur Pause nicht mehr viel gelang. 

Im zweiten Abschnitt versuchten es die Duisburger mit der „Brechstange“, während die Elf von Trainer Georg Kessler Ball und Gegner laufen ließ und mit schnell vorgetragenen Kontern die Abwehr des Gegners in Schwierigkeiten brachte. Beer besaß nach Zuspiel von Kristensen bereits die Möglichkeit, auf 2:0 zu erhöhen, ehe Hermandung allen davonlief und der Ball über Beer zu Weiner kam, der mit sattem Schrägschuss MSV-Keeper Heinze zum zweitenmal bezwang (74.). Dass bei den Duisburgern dann doch noch einmal kurzfristig Hoffnung aufkam, lag am ansonsten souverän aufspielenden Kliemann, dessen „Ringergriff“ gegen Worm im Strafraum vom Unparteiischen als Foul gewertet wurde. Bücker verkürzte vier Minuten vor dem Abpfiff per Elfmeter auf 1:2. Bei den Berlinern spielte der aus der Amateurmannschaft hervorgegangene Dietmar Krämer im Angriff, der sich mit guten Leistungen in den beiden Freundschafts-Begegnungen in Hongkong (5:1 und 0:0) empfohlen hatte.


Für Schlagzeilen sorgte auch Tennis Borussia mit der Verpflichtung von Volkmar Groß, der vier Jahre bei Hertha BSC das Tor gehütet hatte und nach dem Bundesligaskandal nach Südafrika ausgewandert war, ehe er bei Twente Enschede in Holland einen Vertrag bekam. 

Die „kleine Hertha“ war am 2. Weihnachtsfeiertag zur ihrer 8. Weltreise aufgebrochen, feierte Silvester in Hongkong, nur ein paar Kilometer entfernt von der großen Hertha, und hatte dann ihren ersten Auftritt in Rangun, der Hauptstadt von Burma. 70.000 Zuschauer erfreuten sich am Spiel des Oberligisten gegen ihre Nationalmannschaft, das die Asiaten nach 0:2-Rückstand (Tore durch Pohle und Sendrowski) kurz vor Schluss noch mit 3:2 für sich entschieden. Der als Schlachtenbummler mitgereiste Zehlendorfer Schiedsrichter Udo Zuchantke war als Linienrichter im Einsatz und hatte beim Siegtreffer die Fahne oben, doch der Unparteiische ignorierte das einfach und gab das Tor. „Für Berlin und für Deutschland war das Spiel ein ganz großer Erfolg“, meldete sich 03-Präsident Otto Höhne am Telefon, bevor die Mannschaft nach West-Aus­tralien weiterflog. 

In Perth sahen dann 25.000 Besucher den Auftritt der Zehlendorfer gegen die „Aussies“, die recht rustikal zur Sache gingen und zweimal in Führung lagen. Hochberger per Foulelfmeter und Brauer mit einem unhaltbaren 18-Meter-Volley trafen jeweils zum Ausgleich. 

Noch vor dem Start zur Bundesliga-Rückrunde nahm Hertha BSC am internationalen Hallenturnier in der Deutschlandhalle teil, das damals über fünf Tage lief. Neben den Herthanern war aus der Bundesliga nur noch der Karlsruher SC dabei, dazu Fenerbahce Istanbul, die Grasshoppers aus Zürich, Penarol Montevideo aus Uruguay und mit Roam Beverst eine auf Indoorfußball spezialisierte Mannschaft aus Belgien. Den Sieg und die Prämie von 10.000 DM sicherte sich Hertha BSC durch einen 3:1-Erfolg im Schlussspiel gegen den Karlsruher SC, der als Zweiter noch 5.000 Mark erhielt. Der Ex-Her­thaner Norbert Janzon, jetzt in Diensten des KSC, erzielte stolze 16 Tore und wurde mit großem Abstand Torschützenkönig des Turniers. Platz drei belegten die Grasshoppers, für die Ex-Nationalspieler Günter Netzer auflief. 

„Insgesamt war das Leistungsgefälle in der Deutschlandhalle noch nie so groß wie bei diesem Turnier“, schrieb Rudi Rosenzweig, Chefredakteur der Fußball-Woche. Die als „Hallenspezialisten“ angekündigten Belgier entpuppten sich als biedere Amateure. Die „Urus“ unterlagen dem KSC sogar einmal zweistellig. Fenerbahce, von zahlreichen Türken frenetisch angefeuert, landete nach ganz unterschiedlichen Auftritten auf Rang vier. Mit insgesamt 31.320 Zuschauern an den fünf Tagen blieb die Besucherzahl hinter den Erwartungen zurück. Nur am Schlusstag war die Halle nahezu ausverkauft.  

Von Rainer Fritzsche

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