Mein Fußball-Woche

05.04.2014

Heimatloser Pionierklub

Der RFC Lüttich war erster belgischer Meister und stand mehrfach vor dem Aus – Nun scheint es langsam wieder aufwärts zu gehen

Lüttich und Fußball? Das ist Standard Lüttich, das kann nur Standard Lüttich sein! Oder etwa doch nicht? Bereits sechs Jahre vor dem Royal Standard FC wurde in der wallonischen Bergbau- und Stahlstadt nämlich im Jahr 1892 ein Klub gegründet, der über viele Jahrzehnte das Fußballfähnchen Lüttichs emporhielt und lange mit Standard um die lokale Führungsrolle rang. Der Royal Football Club Liège ist zudem einer der ältesten Klubs des Landes und trägt die Nummer vier in der Vereinsliste des belgischen Fußballverbandes. Der entstand im Übrigen erst drei Jahre nach dem RFC Liège, und unter den sechs Gründungsmitgliedern im Jahre 1895 war selbstverständlich auch der RFC Lüttich.

Rückblick. 1880 wurde in Belgien mit dem heutigen RFC Antwerpen der erste Fußballklub des Landes gegründet. Englische Studenten hatten das Spiel in die nordbelgische Hafenstadt gebracht. Zeitgleich kam es auch in der Hauptstadt Brüssel sowie der aufstrebenden Stahlmetropole Lüttich im französischsprachigen Südosten zu ersten zaghaften Fußballaktivitäten. Die dortige Stahlindustrie hatte zahlreiche Briten über den Kanal gelockt, und in Lüttich hatte sich eine vielköpfige britische Gemeinde herausgebildet, in deren Mitte selbstverständlich auch englischen Freizeitvergnügungen gefrönt wurde.

Von Engländern geprägter Verein

Darunter der Fußball. 1892 entstand die Liège Football Association als Zusammenschluss mehrerer „wilder“ Mannschaften. Noch im selben Jahr wurde daraus der Liège Foot-Ball Club. Initiatoren waren Mitglieder des örtlichen Radsportvereins „Liège Cyclist’s Union“ (Wallonien ist die Hochburg des belgischen Radsports mit Legenden wie Lüttich-Bastogne-Lüttich), und schon der englische Name deutete die Zusammensetzung des Klubs an: beim Liège FBC handelte sich um einen vor allem von Engländern geprägten Verein. Die nicht minder erfolgreich waren, denn als es 1895/96 zu ersten Landesmeisterschaft in Belgien kam, sicherten sich die Lütticher mit nur einer Niederlage in zwölf Spielen sogleich den Titel des ersten belgischen Fußballmeisters.

Bis zur Jahrhundertwende blieb der inzwischen ins französische Football Club Liègeois umbenannte Verein lokal wie national dominierend. 1897 zwar von Racing Bruxelles vom belgischen Titelthron verdrängt, kehrten die Stahlstädter 1898 zurück und verteidigten ihren Titel auch 1899. Damit war man unumstritten das stärkste und erfolgreichste Team in Belgien. Der Erfolg der im Parc de la Boverie im Stadtviertel Cointe ansässigen und weiterhin von Briten dominierten Elf beeindruckte auch viele Einheimische. Als im Mai 1898 Schüler des katholischen College Saint-Servais den Standard FC Liège gründeten, erhielt Lüttich auch einen „belgischen“ Verein.

Nach der Jahrhundertwende geriet Wallonien in vielfacher Hinsicht aufs Abstellgleis. Das betraf auch den Fußball. Weite Teile des französischsprachigen belgischen Südens waren (und sind) ländlich geprägt, und lediglich Lüttich vermochte gegen die Konkurrenz aus dem dichtbesiedelten flämischsprachigen Norden zu konkurrieren. Die Landesmeisterschaft von 1899 sollte daher auch die vorerst letzte des FC Lüttich gewesen sein, denn schon in den 1910er Jahren übernahmen die Brüsseler Mannschaften Racing, Union Saint-Gilloise und Daring die Führung in der belgischen Nationalliga, ehe sich nach dem Ersten Weltkrieg auch Antwerpen und Brügge an die Spitze spielten.

Im Schatten von Standard

Für den Lütticher Pionierklub ging es unterdessen steil bergab. 1910 stieg der FC Liège sogar erstmals aus dem belgischen Oberhaus ab und geriet lokal in den Schatten von Standard, der sich zum Liebling der örtlichen Arbeiterklasse aufgeschwungen hatte. Zwischen den beiden Weltkriegen war der FC Lüttich lediglich in der Spielzeit 1923/24 erstklassig, während Standard zur Stammbesetzung der Division I gehörte – die Wachablösung in Lüttichs Fußball war perfekt. Immerhin konnte man 1920 mit dem Stade Jules George ein vom Volksmund alsbald „Rocourt“ genanntes Stadion eröffnen und erhielt im selben Jahr den Ehrentitel „Royal“ verliehen, den in Belgien alle Vereine erhalten, die länger als 25 Jahre bestehen. 1935 stand der Klub dennoch vor dem Aus, spekulierten belgische Zeitungen angesichts einer bedrohlichen Finanzlücke über seine Auflösung.

Titelgewinn am letzten Spieltag

Ausgerechnet im letzten Kriegsjahr 1945 gelang den Blau-Roten schließlich die Rückkehr ins belgische Fußballoberhaus, in dem sie sich in den 1950er Jahren mit einer von Jean Loos trainierten „goldenen Generation“ um Torsteher Guy Delhasse, den Brüdern Jean und Pol Anoul sowie Henri Govard tatsächlich wieder etablierten. 1952 und 1953 gingen 53 Jahre nach dem letzten Titelgewinn sogar die Landesmeisterschaften Nummer vier und fünf ins Stade Rocourt, wo man sich endlich wieder stolz als Bestandteil der belgischen Fußballelite wähnen durfte. Legendär der letzte Spieltag der Saison '52/53, als über 39.000 Fans im „Rocourt“ einen 3:1-Sieg über Verfolger RSC Anderlecht feierten, der den Titelgewinn besiegelte.

Doch die „goldene Generation“ war auch eine einsame Generation. Nach der Landesmeister 1953 fiel der RFC Lüttich zurück ins Mittelmaß, übernahmen der RSC Anderlecht und Stadtrivale Standard Lüttich die Führung über den belgischen Fußball. Nur sporadisch gab es für die RFC-Supporter noch Erfolge zu bejubeln. 1959 und 1961 wurde der Klub jeweils Vizemeister, und 1964 drang das Team im Messepokal bis ins Halbfinale vor, ehe es sich im Entscheidungsspiel dem spanischen Vertreter Real Saragossa beugen musste.

Die Erfolge konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der RFC Lüttich erneut den Anschluss verpasste. Das hatte nicht zuletzt wirtschaftliche Hintergründe, denn Stadtrivale Standard, tief in der Lütticher Stahlarbeiterschaft verankert, lockte ungleich mehr Zuschauer an und verdammte den RFC zu einer Rolle als Aschenputtel. Lediglich der kontinuierliche Fluss an vereinseigenen Talenten sowie seine treuen Fans hielten den RFC Liège weiterhin in der Eliteliga.

Pokal-Triumph gegen Ekeren

Ende der 1980er Jahre brach die vorerst letzte Blütezeit des Pionierklubs an. Ohnehin waren die 1980er Jahre die große Zeit des belgischen Fußballs, der damals mit RWD Molenbeek, Standard Lüttich, RSC Anderlecht und KV Mechelen gleich vier Teams in der europäischen Spitze hatte. 1985, 1988 und 1989 qualifizierten sich die Liègeois jeweils für den UEFA-Cup, in dem sie gegen Mannschaften wie Benfica Lissabon, Juventus Turin, Rapid Wien, Hiberians Edinburgh, Werder Bremen und Athletic Bilbao einen guten Eindruck hinterließen. 1987 erreichte man zudem das belgische Pokalfinale und unterlag dem KV Mechelen unglücklich 0:1. Als drei Jahre später unter Trainer Robert Waseige der belgische Pokal nach einem 2:1-Finalsieg über Germinal Ekeren erstmals ins „Rocourt“ gelangte, schien die Wende gekommen.

Krise und Abriss des Stadions

Die Krise erwischte den Klub mit voller Wucht. 1991 hatte man seinen Namen bereits von Royal FC in Royal Club verändert, um im französischen Sprachraum besser angenommen zu werden, doch die Wirtschaftslage des Klubs blieb katastrophal. Zudem gerieten die Liègois in eine schwere Führungskrise, als Präsident André Marchandise im Dezember 1992 zurücktrat. Als man im selben Jahr den Verkauf eines Spielers namens Jean-Marc Bosman nach Dunkerque ablehnte und es zum wohl tiefsten Einschnitt in die Geschichte des Profifußballs in Europa kam, begann der schier unaufhaltsame Absturz des Klubs. 1991 abermals aus dem Oberhaus abgestiegen, drohte 1994 gar das Aus, und nur der Verkauf des altehrwürdigen Stadions in Rocourt rettete den Verein. Die Arena wurde anschließend abgerissen und durch ein Großkino ersetzt.

Nunmehr heimatlos, verbündete man sich 1995 mit dem früheren Erstligisten und Lütticher Vorortklub RFC Tilleur zum Royal Tilleur FC Liège, der 1995/96 in der 3. Liga an den Start ging. Weil die Umbenennung bei den RFC-Fans unisono auf Ablehnung stieß, kehrte man 2000 zu seinem Ursprungsnamen RFC Liège zurück.

Sportlich pendeln die Stahlstädter seitdem zwischen zweiter und vierter Liga. 1996 und 2008 gingen sie jeweils als Drittligameister durchs Ziel und schafften die Rückkehr in die Zweitklassigkeit, wo man sich jedoch nicht etablieren konnte. 2011 ging es gar hinab in die 4. Liga, in der man gegenwärtig Tabellenführer mit Aufstiegsambitionen ist. Drängendes Problem des Traditionsvereins ist die fehlende Heimstatt. Nach vier Jahren an der Rue Gilles Magnée in Ans kicken die Blau-Roten gegenwärtig im Stade Pairay im Stadtteil Seraing und sehnen sich nach ihrer alten Spielstätte „Rocourt“.

Die größten Erfolge des RFC Lüttich

Belgischer Landesmeister: 1896, 1898, 1899, 1952, 1953.
Belgischer Vize-Meister: 1897, 1959, 1961.
Belgischer Pokalsieger: 1990.
Belgischer Pokalfinalist: 1987.
Belgischer Ligapokal-Gewinner: 1986.
Belgischer Zweitliga-Meister: 1912, 1923, 1944.
Belgischer Drittliga-Meister: 1943, 1996, 2008.

Prominente ehemalige Spieler

Louis Carré (56 Länderspiele für Belgien von 1948 bis 1958); Léopold „Pol“ Anoul (48 Länderspiele, 1947–54); Yves Baré (21 Länderspiele, 1961–67); Emile Lejeune (10 Länderspiele, 1960–62); Jean-Marc Bosman (von 1988 bis 1990 beim RFC Lüttich).

Das Stadion

Stade du Pairay in Seraing (6744 Plätze); von 1921 bis 1994 spielte der RFC Lüttich im Stade Vélodrome de Rocourt (auch als Stade Jules Georges bekannt – 40.000 Plätze).

Von Hardy Grüne

.

Kommentieren

Vermarktung: