12.07.2014

Grün-Weiße Helden auf immer und ewig

Seit Jahren streiten sich in Leipzig zwei Vereine um das Erbe der Leutzscher Legende

Am 10. Mai 2014 war alles wie einst. Es war ein Tag der Träume in Leipzig-Leutzsch. Die BSG Chemie Leipzig gewann ihr Heimspiel in der Landesliga Sachsen gegen ESV Delitzsch 1:0, grüne und weiße Luftballons flatterten und am Ende wurde die Zuschauerzahl mit sentimentalen 1964 (dem Jahr des größten Erfolges) angegeben, obwohl deutlich mehr Anhänger in den Alfred-Kunze-Sportpark, so benannt nach dem damaligen Meistertrainer, gekommen waren.

Sie alle schwelgten in Erinnerungen und dachten an die Zeit, in der der Leipziger Fußball-Himmel grün und weiß leuchtete. Dazu kamen die Spieler von damals, grün-weiße Helden auf immer und ewig. Gemeinsam feierten sie den 50. Jahrestag des größten Wunders, das es jemals im Fußball dieser Stadt gegeben hatte. Am 10. Mai 1964 wurde die BSG Chemie Leipzig DDR-Meister. Das ist deshalb so einzigartig, weil im Jahr zuvor die Erstliga-Kicker der Stadt in gute und schlechte eingeteilt wurden. Die guten kamen zum damaligen SC Lokomotive, aus dem später der 1. FC Lok wurde, die schlechten zur BSG Chemie. Sie wurden verspottet als „Rest von Leipzig“ und zeigten es allen mit ihrem sensationellen Titel.

Grün-Weiße sind sich nicht grün

Um ein Haar hätte es das Jubiläums-Spektakel jedoch gar nicht gegeben, obwohl sie alle von sich behaupten, im tiefsten Innersten ihres Herzens Grün-Weiße zu sein. Zu tief ziehen sich inzwischen die Gräben, weil sich seit Jahren zwei Vereine um das Erbe der Leutzscher Legende streiten. Eigentlich sind sie nur noch weiß, denn grün sind sie sich schon lange nicht mehr: Zum einen die BSG (nicht wie einst Betriebs-Sport, sondern Ball-Spiel-Gemeinschaft) Chemie, zum anderen die SG Sachsen-Leutzsch. Beide spielen im Alfred-Kunze-Sportpark, ihrer ursprünglichen Heimat, die SG Sachsen als Haupt-, die BSG Chemie als deren Untermieter. Es ist ein ständiger Streit um die Betriebskosten. Der eine soll das nicht bezahlt und der andere jenes nicht gemacht haben. Der eine habe jenes zerstört und der andere das verschandelt. Jeder ist dem anderen sein Teufel. Kurz gesagt: eine Total-Katastrophe.

Die Alt-Meister wollten sich auch deshalb nicht ehren lassen, weil ihr Herz zum größten Teil für die SG Sachsen schlägt, die Initiative aber vor allem von Frank Kühne ausging, dem Vorsitzenden der BSG Chemie. Der, Chef eines Autohauses im Leipziger Umland, hatte eine prächtige Steinmetzarbeit in Auftrag gegeben, die alle Helden von damals – 14 leben noch – prominent würdigt. Auch hatte Kühne Kollagen anfertigen lassen für jeden Meisterspieler. Doch die zierten sich. Sie hatten anderes vor, wollten den Jahrestag wie immer allein feiern.

Machtwort der Spielerfrau

An den Auensee hatte es sie gezogen, eine Busfahrt rund um die Leipziger Seenplatte und der Besuch des Völkerschlachtdenkmals inklusive – nur keinen Abstecher zur Jubiläumsfeier. Bis das alles einer Frau zu bunt wurde, der Frau von Dr. Bernd Bauchspieß, der bis vor wenigen Wochen Vorsitzender des Ehrenrates bei der SG Sachsen war. Der einstige Torjäger, Ex-Nationalspieler und spätere Orthopäde, der mit 74 Jahren noch praktiziert, erzählt: „Als meine Frau mitbekam, welche Bedenken wir haben, fragte sie nur, ob wir sie noch alle hätten. '50 Jahre ist das her mit eurer Meisterschaft', sagte sie, 'seht doch nur, wie alt ihr alle geworden seid. Noch einmal 50 Jahre wird keiner von euch. Also schert euch hin!'“

Brummig trollten sie sich, eine knappe Stunde wollten sie bleiben – und dann wurde es doch so, dass mancher Haudegen die eine oder andere Träne verdrücken musste. „Helden auf ewig“ steht auf den Bildern, die jeder bekam, und dazu „Leutzscher Legende“. Frank Kühne hatte die Altvorderen emotional gepackt: „Mir wurde gesagt, man hätte in dem Bus auf der Rückfahrt eine Stecknadel fallen hören können.“

Trotzdem sieht es ganz und gar nicht danach aus, dass es in absehbarer Zeit zum friedlichen Nebeneinander kommen könnte, obwohl beide Vereine im Grunde dasselbe wollen. Sie möchten die Tradition und die Ehre der damaligen BSG Chemie bewahren und in Leipzig-Leutzsch eine Alternative zum 1. FC Lokomotive und erst recht zu RB Leipzig sein, der sich längst „für 'nen Appel und 'n Ei“ (Kühne) den Leutzscher Nachwuchs unter den Nagel gerissen hat. Nur haben sie gemeinsam schon viele Jahre sinnlos vertan und in Grabenkämpfen regelrecht verplempert. Denn die grundlegende Frage ist: Wie können sich zwei, die ihren Ursprung in ein und demselben Vorgängerverein sehen, derart spinnefeind sein? Zwei, die neben dem Kult-Meistertitel von 1964 auf 19 Spieljahre in der DDR-Oberliga, den FDGB-Pokalsieg von 1966 (1:0 gegen Lok Stendal), die Nationalspieler und/oder olympischen Bronzemedaillengewinner von Tokio 1964 Manfred Walter, Bernd Bauchspieß und Klaus Lisiewicz schauen und die eine gemeinsame Vergangenheit voller Höhen und Tiefen durchgestanden haben. Da prallen Meinungen und Standpunkte aufeinander, die einem das Miteinander vergrätzen. Und wenn die von Sachsen den Chemikern vorwerfen, dass deren Anhängerschaft ja nur aus „Ultras“ bestehe, entgegnen die, zum Fußball gehöre nun mal auch Emotion. Die Fronten sind verhärtet wie nie, niemand vermag aus dem Gedanken-Beton auch nur das kleinste Steinchen zu brechen.

Nur: Wie kam es überhaupt dazu, dass es plötzlich zwei Vereine gibt, die beide für sich in Anspruch nehmen, der wahre Nachfolger der grün-weißen Legende zu sein? Vor sechs Jahren stand der damalige FC Sachsen – in den Wirren ausgangs der DDR aus der Fusion von Chemie Leipzig und Chemie Böhlen entstanden – mal wieder kurz vor der Insolvenz. Es wäre nach der von 2001, als der DFB eine Bürgschaft in Höhe von 5,9 Millionen D-Mark forderte, die vom damals im Verein megapräsenten Kinowelt-Gründer Michael Kölmel jedoch nicht aufgebracht werden konnte und den Zwangsabstieg in die damals viertklassige Oberliga Nordost zur Folge hatte, die zweite gewesen. Der Sprung in die Regionalliga stand auf der Kippe. Sollte der nicht gelingen, wäre es das Aus. In dieser Situation erinnerten sich einige an die BSG Chemie. Die bestand zwar schon seit 1997, war aber nicht am Spielbetrieb beteiligt. Also wollten sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens das Spielrecht des FC Sachsen in der Oberliga übernehmen und zweitens dem Nachwuchs weiterhin ein geordnetes Zuhause geben.

Ultras gehen in die 3. Kreisklasse

Doch es kam anders. Der FC Sachsen gewann das letzte Spiel in Eilenburg, schaffte damit die Relegation um den Aufstieg in die Regionalliga und siegte auch da. Sie waren entgegen aller Erwartungen nun doch drittklassig – und plötzlich schossen die bereits abgesprungenen Sponsoren neues Geld nach. Womit jedoch niemand ernsthaft gerechnet hatte: Die „Diablos Leutzsch“, die größte Ultragruppe, kehrte dem FC Sachsen den Rücken und wandte sich der BSG Chemie zu. Die stieg 2008 ganz unten, in der 3. Kreisklasse, in den Spielbetrieb ein. „Ich war selbst erschrocken, dass es plötzlich zwei Vereine gab“, gibt Kühne zu.

Von da an gab es mehr oder weniger geistreiche Sticheleien und gegenseitige teils plumpe Anschuldigungen, verletzte Eitelkeiten und billiges Mobbing, manches Mal aber auch bösartige Anfeindungen. Der FC Sachsen, der sich schon in den Jahren zuvor mit teuren Verpflichtungen bei Trainern (Eduard Geyer, Wolfgang Frank) und Spielern (Rolf-Christel Guie-Mien) verhoben hatte und kurz um die Gunst des österreichischen Brause-Multis Red Bull buhlte, trudelte von einer Turbulenz in die andere. Trainer kamen und gingen, einer, Martin Polten, trat 2009 noch vor seinem ersten Arbeitstag zurück.

Das Ende des FC Sachsen Leipzig

Weil auch Kölmel nicht mehr mit immer neuen Finanzspritzen helfen wollte oder konnte, folgte Anfang 2009 das nächste Insolvenzverfahren, an dessen Ende ein neuerlicher Zwangsabstieg in die mittlerweile fünftklassige Oberliga Nordost stand. Es kam noch schlimmer: 2011 wurde der FC Sachsen Leipzig aus dem Vereinsregister gestrichen, das Spielrecht sollte auf die SG Leipzig-Leutzsch übertragen werden. Der Sächsische Fußballverband verweigerte die Übertragung jedoch, der Oberliga-Startplatz verfiel. Seitdem spielt der nunmehr in SG Sachsen Leipzig umbenannte Verein in der Sachsenliga, wo er die Saison 2013/14 als Tabellensechster beendete.

Chemie wieder in der Sachsenliga

Aber es begann auch der Siegeszug der BSG Chemie. Mit elf Punkten Vorsprung und einer Tordifferenz von plus 140 gelang 2009 der Aufstieg in die 2. Kreisklasse. Dort stürmten die Chemiker alle Gegner in Grund und Boden, gaben in 26 Spielen nur bei zwei Unentschieden Punkte ab und legten zwischen sich und den Tabellenzweiten ein 23-Punkte-Mammutpolster. Ein ähnliches Bild in der 1. Kreisklasse, wo im Sommer 2011 der Kreismeister mit 13 Punkten Vorsprung hieß: BSG Chemie Leipzig. Noch besser: 2011, die SG Leipzig-Leutzsch war gerade in die Sachsenliga abgestiegen, spielte auch die BSG Chemie dort, weil sie das Spielrecht vom VfK Blau-Weiß Leipzig übernahm. Sie stieg zwar 2013 ab, kehrte aber am 21. Juni dieses Jahres mit einem 3:0-Sieg beim Bornaer SV in die Sechstklassigkeit zurück. Ob es jedoch zu weiteren grün-weißen Derbys kommt, steht in den Sternen. Die SG Sachsen hat im Mai schon wieder einmal Insolvenz angemeldet.

Von Robert Klein

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