Mein Fußball-Woche

07.02.2014

Glücksanker im Schatten der stinkenden Hütten

In der Zwischenkriegszeit erlebte der Fußball im oberschlesischen Revier auf beiden Seiten der damaligen Grenze seine erste Blütezeit

Das oberschlesische Hüttenrevier war einst wie ein Spiegelbild des Ruhrgebiets. Auf extrem verdichtetem Raum drängten sich Hütten und andere Zweige der Schwerindustrie, lebten die Menschen auf engem Raum, diktierten die Fabriksirenen den Lebensrhythmus. Mitten drin der Fußball, der wie auf Schalke oder in Duisburg auch in Gleiwitz, Kattowitz oder Beuthen geliebtes Freizeitvergnügen und elementarer Glücksanker im oft tristen Lebensalltag war.

Nicht umsonst stellte das oberschlesische Hüttenrevier mit Beuthen 09 und Vorwärts-Rasensport Gleiwitz die erfolgreichsten Teams des deutschen Osten, kamen schlesische Fußball-Legenden wie „Schaller“ Schaletzki, „Ezi“ Willimowski und Richard Malik aus dem Hüttenrevier und hatten dort im Schatten der stinkenden Hütten das kleine Fußball-Einmaleins erlernt.

Ratibor 03 macht den Anfang

Neben VR Gleiwitz und Beuthen 09 stellte die Region aber noch weitere renommierte Teams, die zu unterschiedlichen Zeiten Erfolge feierten. Erster Fußballverein in Oberschlesien war der FC Ratibor 03, der später als SpVgg Ratibor 03 einige Jahre in der Gauliga Schlesien mitmischte. Ratibor liegt allerdings nicht im Hüttenrevier, und die große Zeit der Vereine aus dem Industriequartier begann auch erst nach dem Ersten Weltkrieg.

Zuvor war der Fußball wie im gesamten Reichsgebiet auch in Schlesien von bürgerlichen Kickern – vor allem aus Breslau – geprägt worden. Das änderte sich mit der Einführung des Achtstunden-Arbeitstages, mit dem auch das Proletariat Zeit zum Kicken fand. Und sich dabei rasch als talentierter als so mancher Abiturient oder Kaufmann erwies. 1923 verpasste mit Beuthen 09 erstmals ein Hüttenrevierverein nur knapp die südostdeutsche Meisterschaft – die Gelb-Weißen unterlagen im Entscheidungsspiel den punktgleichen Breslauer Sportfreunden mit 0:2.

Trendwende in Schlesien 1929

Die umstrittene Teilung Oberschlesiens, die sich mitten durch das Hüttenrevier zog, sorgte dann zunächst für einen Rückschlag, ehe 1929 mit Preußen Hindenburgs Südostdeutscher Meisterschaft die Dominanz der Teams aus Breslau endete und die Ära der Hüttenklubs begann. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sollten sämtliche Regionalmeisterschaften im Revier gefeiert werden. Preußen Zaborze/Hindenburg: Hier gilt es zunächst, einen Überblick über die verschiedenen kursierenden Ortsnamen zu geben. Der 1910 gegründete SC Preußen stammt aus dem Örtchen Zaborze, das zur Stadt Zabrze gehört. Zabrze wiederum wurde zwischen 1915 und 1920 sowie zwischen 1934 und 1945 Hindenburg genannt – nach dem deutschen Generalfeldmarschall.

Hindenburg/Zabrze ist eine traditionsreiche Fußballhochburg mit ausgeprägter Industriekultur – Polens Rekordmeister Górnik Zabrze ist dort beheimatet. Der SC Preußen Zaborze durchbrach 1929 als erster oberschlesischer Verein die Dominanz der Breslauer Mannschaften und holte mit einem 2:1-Finalsieg über Breslau 08 den Titel des südostdeutschen Meisters ins Hüttenrevier. Der „kicker“ schrieb damals staunend: „Das ist Zaborze: 12 Häuser, 11 Spieler, 1 Verein und Südostdeutscher Meister“. Das Team um Kapitän Kurt Hanke bestand fast ausschließlich aus einheimischen Spielern. In der Endrunde um die „Deutsche“ waren die Zaborzer beim 1:8 gegen Hertha BSC jedoch chancenlos. Die Meisterschaft von 1929 blieb der einzige Erfolg des Klubs, der im TuS Hindenburg 09 einen Lokalrivalen hatte, der für seine ausgezeichnete Nachwuchsarbeit bekannt war.

Polnischer Vize-Meister 1927

1. FC Kattowitz: Die Geschichte des fünffachen oberschlesischen Meisters (1907-09, 1913, 1933) ist eine ganz besondere, die vielfach von den politischen Wirren in Oberschlesien beeinflusst wurde. 1905 als FC Preußen Kattowitz von den Brüdern Emil und Rudolf Fonfara gegründet, musste man 1922 den polnischen Namen 1. Klub Sportowy Katowice annehmen, nachdem Ost-Oberschlesien Polen zugesprochen worden war. Wenig später durfte man die Bezeichnung 1. FC annehmen, unter der die Blau-Weißen 1927 polnischer Vizemeister wurden. 1939 von polnischen Stellen mit der Begründung, der Klub unterstütze die Interessen von Nazi-Deutschland, verboten, kehrte er nach Kriegsbeginn und der militärischen Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht in den reichsdeutschen Spielbetrieb zurück und wurde im November 1940 „auf Grund seiner hervorragenden kämpferischen Haltung während der Polenzeit“ ohne sportliche Qualifikation in die Gauliga Schlesien aufgenommen.

Mit Spielern wie dem polnischen und deutschen Nationalspieler Ernst „Ezi“ Willimowski sowie Erich Heidenreich etablierten sich die Kattowitzer alsdann im regionalen Oberhaus, ohne jedoch die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft zu erreichen. Der nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöste Verein wurde 2007 durch die „Bewegung für die Autonomie Schlesiens“ reaktiviert und nahm in der zweitniedrigsten Spielklasse Polens den Spielbetrieb auf.

Dreimal in der DM-Endrunde

Germania Königshütte: Klub aus der heute polnischen Stadt Chorzów, die inmitten des schlesischen Hüttenreviers liegt. Der Verein wurde 1910 als VfR gegründet und stand mehrfach inmitten der politischen Streitigkeiten um Oberschlesien. Von 1923 bis 1939 nahm er als Amatorski Klub Sportowy (AKS) Krolewska Huta (Königshütte) Chorzów am polnischen Spielbetrieb teil und erreichte 1937 als AKS Chorzów die höchste Spielklasse, deren Vizemeister er im Aufstiegsjahr wurde. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Rückkehr Ost-Oberschlesiens zum Reichsgebiet entstand der FV Germania Königshütte, der ad hoc zu einem der Topteams im Gau Oberschlesien avancierte und dreimal die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft erreichte. TuS Lipine: Im Zuge des Zweiten Weltkriegs gegründeter Klub aus einem Stadtteil der Industriemetropole Schwientochlowitz (Swietochlowice), dem überwiegend Soldaten angehörten. Erreichte 1942 im Tschammer-Vereinspokal über Bölcke Krakau, Breslau 02, Adler Deblin und Blau-Weiß 90 Berlin das Halbfinale, in dem sich München 1860 souverän mit 6:0 durchsetzte.

Fußball-Hochburg Forst

Niederlausitz: Bevor das oberschlesische Hüttenrevier Ende der 1920er Jahre die Dominanz über den schlesischen Spitzenfußball übernahm, waren es vor allem Breslauer und Niederlausitzer Vereine, die dem Fußball der Region ihren Stempel aufdrückten. Insbesondere die heutige Grenzstadt Forst, aufgrund ihrer Textilindustrie auch „Manchester an der Neiße“ genannt, ragte dabei heraus. Dort waren es mit dem FC Askania und dem FC Viktoria zwei bereits 1901 gegründete Vereine, die um die lokale und regionale Dominanz duellierten. Askania wurde 1911, 1913 und 1914 jeweils Südostdeutscher Meister, Viktoria sicherte sich 1925 den Titel des Regionalmeisters.

In den Endrunden um die Deutsche Meisterschaft waren beide Mannschaften jedoch chancenlos. Askania schied 1911 und 1913 jeweils gegen die Spielvereinigung Fürth aus und musste sich 1914 dem ambitionierten Berliner Vertreter BBC 03 gleich mit 0:4 geschlagen geben. Auch die Viktoria schaffte bei ihren drei Endrundenteilnahmen weder 1922 (0:1 gegen Norden-Nordwest 98 Berlin), noch 1925 (1:2 gegen Schwarz-Weiß Essen) und 1926 (0:5 gegen die SpVgg Fürth) einen Erfolg. Beide Vereine waren im östlich der Neiße gelegenen, heute polnischen Stadt-teil Berge ansässig. Im etwas weiter westlich gelegenen Cottbus vermochte man nur in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg mit den regionalen Spitzenteams aus Breslau und Forst mitzuhalten. Alemannia 1896 war 1905 erster regionaler Vertreter auf Reichsebene, scheiterte dort aber mit 1:5 an Schlesien Breslau. 1909 hatten die Schwarz-Weißen Pech, als sie sich dem SC Erfurt erst in der Verlängerung geschlagen geben mussten. Erst in den 1930er Jahren rückte mit dem CSC Friesen dann erneut ein Team aus Cottbus ins Blickfeld, das allerdings am Spielbetrieb der Gauliga Berlin-Brandenburg teilnahm.

Endrunden-Teilnahmen um die Deutsche Meisterschaft von Vereinen aus Oberschlesien (ohne Beuthen 09 und Vorwärts-Rasensport Gleiwitz) und der Niederlausitz

1905: SC Schlesien Breslau – SC Alemannia Cottbus 5:1 (1. Vorrunde).
1909: SC Erfurt – SC Alemannia Cottbus 4:3 n.V. (Viertelfinale).
1911: VfB Leipzig – FC Askania Forst 3:2 (Viertelfinale).
1913: VfB Leipzig – FC Askania Forst 5:1 (Viertelfinale).
1914: Berliner BC 03 – FC Askania Forst 4:0 (Viertelfinale, auf dem Preussen-Platz an der Kaiserstraße in Mariendorf).
1922: NNW 98 Berlin – FC Viktoria Forst 1:0 (Viertelfinale, auf dem Viktoria-Platz in Berlin).
1925: FC Viktoria Forst – Schwarz-Weiß Essen 1:2 (Achtelfinale).
1926: SpVgg Fürth – FC Viktoria Forst 5:0 (Achtelfinale).
1929: SC Preußen Zaborze/Hindenburg – Hertha BSC 1:8 (Achtelfinale, vor 12.000 Zuschauern in Gleiwitz – Hertha führte bereits zur Pause mit 7:0!).
1942: First Vienna FC – FV Germania Königshütte 1:0 (Achtelfinale, im Praterstadion).
1943: FV Germania Königshütte – LSV Reinecke Brieg 3:4 n.V. (Vorrunde).
1944: Dresdner SC – FV Germania Königshütte 9:2 (Vorrunde).

Titelgewinne (ohne Beuthen 09 und Vorwärts-Rasensport Gleiwitz)

Südostdeutsche Meistertitel FC Askania Forst (3): 1911, 1913, 1914.
Südostdeutscher Meistertitel SC Alemannia Cottbus (1): 1909.
Südostdeutscher Meistertitel FC Viktoria Forst (1): 1925.
Südostdeutscher Meistertitel SC Preußen Zaborze/Hindenburg (1): 1929.
Oberschlesische Meistertitel FC Preußen 05 Kattowitz (5): 1907, 1908, 1909, 1913, 1922.
Oberschlesische Meistertitel SC Preußen Zaborze (3): 1928, 1930, 1931.
Oberschlesische Meistertitel SC Germania Kattowitz (2): 1910, 1911.
Oberschlesischer Meistertitel SC Diana Kattowitz (1): 1912.
Oberschlesischer Meistertitel VfB 1910 Gleiwitz (1): 1926.
Gaumeistertitel Oberschlesien FV Germania Königshütte (3): 1942, 1943, 1944.

Von Hardy Grüne

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Hinweis

Auszug aus einer 2014 erscheinenden Publikation über den deutschen Fußball in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland. Weitere Infos: unter www.hardy-gruene.de

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