Mein Fußball-Woche

12.02.2017

„Gegen Bayern München ist für Hertha ein Punkt drin“

Der Ruf eines vielversprechenden Talents eilte Carsten Lakies (46) voraus, als er 1997 mit 26 Jahren zum damaligen Bundesliga-Aufsteiger Hertha BSC wechselte. Der bullige Stürmer mit dem Gardemaß 1,83 Meter kam schließlich vom deutschen Rekordmeister Bayern München, der am kommenden Sonnabend seine Visitenkarte in der Hauptstadt abgibt (15.30 Uhr, Olympiastadion). Berühmtheit erlangte der gebürtige Hesse aus Kassel aber vor allem dank Jürgen Klinsmann: Als der Bayern-Starstürmer am 31. Spieltag der Saison 1996/97 im Heimspiel gegen Freiburg (Endstand 0:0) kurz vor Schluss für Lakies‘ Bundesliga-Debüt weichen musste, rammte der spätere Bundestrainer vor Wut seinen Stollenschuh in eine Werbetonne.

Fußball-Woche: Herr Lakies, was machen Sie zur Zeit?


Carsten Lakies: „Ich bin auf Jobsuche, das Trainergeschäft ist nicht einfach (Lakies hat eine Uefa Pro Lizenz; die Red.). Bis vor Kurzem habe ich in Berlin gewohnt und die U 19 von Babelsberg 03 trainiert, jetzt lebe ich mit meiner Freundin wieder in meiner Heimat in Nordhessen.“

Nervt es Sie, immer wieder mit Klinsmanns Tritt in die Tonne in Verbindung gebracht zu werden?

Lakies: „Daran kann ich nichts ändern, das war halt eine kuriose Szene. Wenn ich anschließend den Kopfball reinmache, würde vielleicht nicht nur über die Tonne, sondern auch über das Tor geredet werden. Leider habe ich ihn nicht reingemacht, aber damit kann ich leben.“

Wie kam Ihr Wechsel 1996 von Darmstadt 98 zu den Bayern eigentlich zustande?

Lakies: „Ganz so ein Blinder war ich auch wieder nicht, ich habe gute Leistungen gezeigt und meine Tore gemacht. So ist Bayern auf mich aufmerksam geworden.“

Mit welchen Gefühlen wechselt ein quasi unbeschriebenes Blatt ins Münchner Star-Ensemble?

Lakies: „Primär war ich für die Amateure geholt worden. Da die Nationalmannschaft 1996 in England Europameister geworden war, kam am ersten Trainingstag mein damaliger Trainer Rainer Ulrich auf mich zu und sagte, ich wäre im Trainingslager bei den Profis mit dabei, weil die ganzen Nationalspieler noch Urlaub hätten. Das war für mich natürlich ein Mega-Highlight. Wobei wir Amateurspieler letzten Endes nur dabei waren, damit der Giovanni Trapattoni genug Spieler fürs Training beisammen hatte.“

Wie ging es weiter?

Lakies: „Ich habe durch Leistung auf mich aufmerksam gemacht. Ich glaube, bis heute hat niemand in der 3. Liga bei den Bayern-Amateuren so viel Tore gemacht wie ich. Dadurch habe ich mich für den Profi-Kader empfohlen. Ich durfte in der Woche bei den Profis mittrainieren, Freitag war ich beim Abschlusstraining der Amateure, habe dort auch meine Spiele gemacht. Ich war zwar Amateur, aber vollwertiges Mitglied im Profi-Kader. Dort wurde ich von den anderen wie einer der ihren behandelt, als ob ich ein Millionär wäre (lacht).“

Nach einem Jahr sind Sie zu Hertha, die damals gerade aufgestiegen waren. Wie kam es dazu?

Lakies: „Das lief wohl über die Hoeneß-Brüder. Ich hatte mehrere Anfragen, habe mich aber für Hertha entschieden. Axel Kruse und Michael Preetz waren damals Herthas Stürmer, da habe ich mir mehr Chancen ausgerechnet als bei den Bayern. Jürgen Klinsmann ging zwar weg, aber dafür kam Giovane Elber. Da war mir klar, dass ich nicht viel Einsatzzeiten bekommen würde.“

Haben Sie als Ex-Bayernspieler in Berlin einen besonderen Status genossen?

Lakies: „Nein, die wussten ja auch Bescheid: Einmal elf Minuten bei den Profis und das war‘s. Im Nachhinein muss ich sagen, vom Zusammenhalt her war die Zeit bei Hertha das Beste, was ich je erlebt habe. Der war ganz stark, dadurch haben wir auch den Klassenerhalt geschafft.“

Hertha hat seit damals eine Berg- und Talfahrt hingelegt, aktuell stabilisiert sich der Klub. Wie beurteilen Sie die Situation aus der Ferne?

Lakies: „Was heißt aus der Ferne? Im letzten Jahr war ich bei 15 von 17 Heimspielen, auch jetzt bin ich noch häufig dort, auch am Sonnabend gegen die Bayern. Es ist schade, dass sie in letzter Zeit immer eine schwächere Rückrunde gespielt haben, aber das werden sie noch in den Griff kriegen.“

Die Bayern sind in jeder Hinsicht weit enteilt. Wie kann man den Deutschen Meister schlagen?

Lakies: „Das kommt immer darauf an, wie die Bayern in so ein Spiel reingehen. Unter Ancelotti verfolgen sie eine andere Philosophie als beim Pep. Ich weiß nicht, ob sie damit noch nicht klarkommen, aber es ist noch nicht so dominant. Es fehlt die Sicherheit, der Powerfußball ist noch nicht da. Trumpft Hertha so auf wie gegen Dortmund, ist ein Punkt oder vielleicht sogar ein Sieg drin.“ 

Dass die Münchner am Mittwoch im Achtelfinale der Champions League gegen Arsenal spielen, dürfte kaum ein Vorteil sein, oder?

Lakies: „Die Bayern sind mittlerweile seit Jahrzehnten daran gewöhnt, Englische Wochen zu spielen. Der Kader ist entsprechend riesig und von großer Qualität. Trotzdem läuft es bislang – abgesehen vom Spiel gegen RB Leipzig – noch nicht rund. Uli Hoeneß hat gesagt: ‚Wenn wir schon schlechte Spiele gewinnen, was passiert dann erst, wenn wir uns finden und endlich durchstarten? Dann müssen sich alle warm anziehen.‘ Ich glaube, damit hat er Recht.“

Interview: Alex Heinen

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