25.07.2013

Ganz nah am Titel dran

Unter Trainer Georg Keßler spielte Hertha BSC 1974/75 die bislang erfolgreichste Bundesliga-Saison der Vereinsgeschichte

Draußen feiern die Fans auf dem Rasen die Vize-Meisterschaft. Sie tragen Kapitän „Luggi“ Müller, der Hertha BSC verlassen wird, auf Schultern. Die Spieler laufen nach dem 4:2 gegen den VfL Bochum Ehrenrunden. Aber nicht alle sind dabei. Zwei Spieler sitzen in der Kabine des Olympiastadions und denken nicht ans Feiern. Erich Beer und Stürmer Lorenz Horr fragen sich: „Ob wir noch einmal so nah an die Meisterschaft rankommen?“ Hertha hat sechs Punkte weniger (ein Sieg brachte zwei Punkte) als Meister Borussia Mönchengladbach, war aber bis zum 30. Spieltag auf zwei Zähler dran gewesen. Gegen den Meister hatten die Berliner 1:1 und 2:1 gespielt.

Beer, Müller, Horr, Erwin Hermandung und Co. haben vor 38 Jahren Großes geleistet. Das war auch Beer damals schon klar. Es war mehr die kurze Enttäuschung darüber, dass etwas noch Größeres möglich gewesen wäre. So oder so steht Platz zwei in der Saison 1974/75 bis heute als beste Berliner Platzierung in 50 Jahren Bundesliga. 2009 durfte Hertha zwar bis zum 33. Spieltag vom Titel träumen, wurde aber am Ende Vierter.

Kurioser Trainerwechsel

Niemand hatte die Berliner im Sommer 1974 auf der Liste der Titelkandidaten. Der Klub war noch dabei, sich von den Folgen des Bundesliga-Skandals zu erholen. 15 Spieler waren gesperrt worden, viele Fans waren nach wie vor sauer auf Hertha. In der Vorbereitung ging es turbulent zu. Trainer Helmut Kronsbein war mitten in der Saison zu Hannover 96 gegangen, als Nachfolger wurde der hoch angesehene Dettmar Cramer geholt. Er wird gern als „Trainer für einen Tag“ bezeichnet. Aber er leitete, obwohl er seinen Vertrag schon aufgelöst hatte, noch das Trainingslager in Herzogenaurach.

Warum Cramer bereits lange vor dem ersten Spiel wieder weg war, ist nie ganz geklärt worden. Er selbst sprach stets von „rein persönlichen Gründen“. Es könnte daran gelegen haben, dass die als Zugänge gehandelten Berti Vogts, Uli Hoeneß und Paul Breitner nicht kamen. Der damalige Präsident Heinz Warneke erinnert sich im Buch „Hertha BSC. Eine Liebe in Berlin“, dass „das gesamte Projekt um die vier Millionen Mark kosten“ sollte. Eine andere Variante geht so: Cramer wollte nicht mit dem wegen des Bundesliga-Skandals gesperrten, aber bei Hertha für eine symbolische Mark im Monat angestellten Wolfgang Holst zusammenarbeiten. Dieses Konstrukt sei Cramer „zu unseriös gewesen“, so Warneke.

Cramer verließ den Verein, zurück blieben entsetzte Spieler: „Wir waren begeistert von ihm, wir wollten ihn gar nicht gehen lassen“, erinnert sich Erich Beer, für die Fans einfach „Ete“. Die Mannschaft war sogar bereit, Prämien abzugeben, um den neuen Trainer Georg Keßler auszuzahlen und Cramer zurückzuholen. Es gibt sicher gelungenere Starts für einen Trainer als ihn Keßler ohne eigenes Verschulden hatte.

Sechs Mann immer dabei

Doch der „Sir“, wie er aufgrund seiner vornehmen Umgangsformen genannt wurde, gewann die Mannschaft schnell für sich. Keßler hatte einen anderen Stil als Kronsbein, der immer viel über die Stärken des Gegners gesprochen hatte. „Er sagte uns bei jeder Gelegenheit wie stark wir waren. Damit hat er uns unheimlich viel Selbstvertrauen gegeben“, sagt Beer. Der Erfolg stellte sich rasch ein. Nach einem holprigen Start mit einem Punkt aus zwei Spielen gab es in der Hinrunde nur noch zwei Niederlagen. Hertha war zwischendurch Tabellenführer und zur Halbzeit der Saison punktgleich mit Gladbach auf Rang zwei

Dabei war es zu großen Teilen dasselbe Team, das in den Jahren zuvor am Ende die Plätze 13 und acht belegte hatte. Neu war nur Verteidiger Uwe Kliemann von Eintracht Frankfurt. Die Mannschaft lebte von ihrer Geschlossenheit und war bestens eingespielt. Sechs Mann waren in allen Spielen dabei, darunter Torwart Thomas Zander und Stürmer Gerhard Grau.

Fünf weitere kamen auf mindestens 30 Einsätze, Holger Brück hatte 25. Diese Spielergeneration holte nicht nur die Vize-Meisterschaft, sondern wurde einmal Dritter (1978), stand zweimal im DFB-Pokalfinale (1977 und 1979) sowie im Halbfinale des UEFA-Cups (1979). Als Hertha BSC 2003 von den Fans die „Jahrhundert-Elf“ plus eine „Ersatzbank“ von vier Spielern wählen ließ, waren aus dem 75er-Kader Beer, Müller, Kliemann, Horr und Hans Weiner dabei. Beer (83 Bundesliga-Tore) und Michael Sziedat (280 Erstliga-Einsätze) hielten jahrzehntelang Vereinsrekorde. Nur zu einem Titel sollte es nicht reichen. „Ich weiß wirklich nicht, woran es gelegen hat. Wir waren mehrmals so nah am Ziel“, sagt Beer.

Er war ein Spieler, den es in der heutigen Zeit so nicht mehr gibt: Regisseur und Torjäger in einer Person. „Der Berliner Beer, der hat schon eine hohe Stirn, also wenig Haar auf dem Kopf, aber dafür denkt er viel und spielt gefährlich“, fasste es der österreichische Sportreporter Edi Finger 1978 bei der Übertragung des WM-Spiels zwischen Deutschland und Österreich charmant zusammen.

Mit dem Oberfranken Beer als Lenker und dem Unterfranken Müller, den sie in Gladbach nach einem Beinbruch aussortiert hatten, als Kapitän blieb Hertha 1974/75 zu Hause ungeschlagen: 15 Siege und zwei Unentschieden gegen Fortuna Düsseldorf (3:3) und den 1. FC Köln (1:1) brachten Platz eins in der Heim-Tabelle. Der Zuschauerschnitt stieg auf gut 36.000 rasant an, nur Schalke 04 und der FC Bayern hatten mehr Zuspruch.

Sieg gegen den Spitzenreiter

Hertha bescherte den Fans außergewöhnliche Momente. Zum Beispiel beim 4:1 gegen die Bayern am 19. Spieltag im immer dichter werdenden Nebel vor 80.000 Zuschauern. Beer traf beim ersten Bundesliga-Heimsieg gegen die Münchner doppelt. Die anderen Tore erzielten Franz Beckenbauer ins falsche Netz und Wolfgang Sidka. Karl-Heinz Rummenigge machte das 1:1. Am 28. Spieltag kam Gladbach mit Vogts, Jupp Heynckes und Allan Simonsen. „Das beste Spiel der Saison“ nennt Beer die Partie gegen den Tabellenführer: „Tolles Wetter, tolle Kulisse und wir gewinnen 2:1“. Uli Stielike hatte die Gäste in Führung gebracht, Herthas zweiter Müller, Vorname Kurt, drehte das Spiel mit zwei Toren. Manche Quellen sprechen von 91.000 Zuschauern. Offiziell ist das nicht, sonst wäre es Bundesliga-Rekord gewesen.

Zwei Punkte fehlten noch zu Platz eins. „Dieses Jahr packen wir es“, erinnert sich Beer an die Stimmung im Team nach dem Sieg. Zumal Gladbach noch schwere Auswärtsspiele in Köln und auf Schalke hatte. Aber während die Borussen alle sechs Spiele gewannen, verlor Hertha auswärts beim 1. FC Kaiserslautern hoch (0:3) und bei Rot-Weiss Essen knapp (1:2). Es wurde Platz zwei, Herthas Bundesliga-Bestwert. Seit 38 Jahren.

Von Sebastian Schlichting

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