19.04.2014

Fußball-Wunder unter Palmen

Nach 24 Jahren spielt der FC Elche erstmals wieder in Spaniens 1. Liga – Im eigenen Stadion ist der Aufsteiger seit sieben Spielen ohne Gegentreffer

Die Stadt rückt selten in die Schlagzeilen. Und wahrscheinlich würden nicht sehr viele Menschen außerhalb der unmittelbaren Umgebung von ihr Notiz nehmen. Schließlich ist Elche (Valencianisch: Elx, wobei ch und x in etwa wie tsch ausgesprochen werden) mit seinen 230.000 Einwohnern die kleinste unter den 20 größten Städten Spaniens. Provinz, weit weg von den Metropolen des Landes und abseits der Touristenstrände der Costa Blanca. Ein kleiner Küstenabschnitt gehört zwar zur Gemeinde, das Zentrum von Elche aber liegt elf Kilometer weiter im Landesinneren – und auch ein wenig im Schatten der benachbarten Hafen- und Provinzhauptstadt Alicante.

Nach Elche kommen Touristen meistens nur für einen Tagesausflug. Dafür gibt es ganzjährig vor allem zwei (gute) Gründe: Palmen und Fußball. Elches Einwohner, die Ilicitanos, sind stolz auf die berühmten Palmengärten ihrer Stadt und auf ihren Fußballklub. El Palmeral, der Palmenhain von Elche, ist mit 11.000 Palmen die größte Pflanzung dieser Art in Europa. Im Jahr 2000 wurde El Palmeral von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Elx, die drittgrößte Stadt der autonomen Region Valencia, ist aber auch eine ausgesprochene Fußball-Hochburg. An Spieltagen reicht ein kurzer Bummel durch die Innenstadt, um das zu spüren. Eine Stadt, in der Bäcker, Gemüsehändler und Apotheker die Klubfahne vor ihren Läden hissen, muss fußballverrückt sein. Elche ist es. Hier wird Fußball gelebt und der Elche Club de Fútbol heiß und innig geliebt.

24.000 verkaufte Dauerkarten

Nach 24 Jahren (davon sieben in der drittklassigen Segunda B) spielt der FC Elche erstmals in dieser Saison wieder in der Primera División, der 1. Liga Spaniens. Endlich heißen die Gegner wieder FC Barcelona, Real Madrid oder Athletic Bilbao. Die lang ersehnte, aber immer wieder gescheiterte Rückkehr in den Kreis der Großen wird von den Ilicitanos genossen. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, wenn der ECF ein Heimspiel im Estadio Martínez Valero hat. Für spanische Verhältnisse (noch dazu angesichts der wirtschaftlichen Probleme des Landes) ist die Zahl von 24.000 verkauften Dauerkarten bei 190.000 Einwohnern im Stadtgebiet von Elche (ohne umliegende Ortschaften) eine sensationelle Zahl.

Zuletzt verfolgten mehr als 31.000 Fans das Abstiegsduell mit dem FC Getafe und feierten den Last-Minute-Siegtreffer (90.+3) des 21-jährigen Richmond Boakye. Der Ghanaer ist ein Leihspieler von Juventus Turin. In der Vorsaison stieg er mit Sassuolo in Italiens Serie A auf. Nun soll er bei Elche Tore für den Klassenerhalt schießen. Das 1:0 gegen Getafe lässt die Ilicitanos auf ein weiteres Jahr in der Primera División hoffen.

Drei WM-Gruppenspiele 1982

Platz bietet das Estadio Martínez Valero normalerweise genügend. Die am 8. September 1976 eröffnete Arena fasst 36.017 Zuschauer. Die Riesenschüssel war 1982 WM-Stadion für drei Gruppenspiele (Belgien – Ungarn 1:1, Belgien – El Salvador 1:0 und Ungarn – El Salvador mit dem WM-Rekordergebnis von 10:1). Damals bot das „Nuevo Estadio“ Platz für 53.000 Besucher. 2003 fand hier das spanische Pokalfinale zwischen Real Mallorca und Recreativo Huelva (3:0) statt. Nur ein winziger Bereich in der obersten der drei Ebenen besitzt ein Dach, der Rest des Stadions ist offen, was bei rund 300 Sonnentagen im Jahr kein allzu großes Risiko für das Publikum bedeutet. Selbst im Frühjahr kann es aber auch in Elche durchaus noch ungemütlich werden. Vor allem dann, wenn erst um 22 Uhr Anpfiff ist wie am 25. März beim vorletzten Heimspiel gegen Bilbao.

Da zogen abends ein kräftiger Wind und Regenschauer auf, was die Partie nicht gerade zu einem Vergnügen machte. „Das Alibi des Horrors – Der Wind ruiniert das Duell“ schrieb die Sporttageszeitung „As“ am nächsten Morgen. Und „Marca“ nannte das triste 0:0 ein Spiel zum Vergessen. Trainer Fran Escribá (Elche ist seit 2012 seine erste Station als Chefcoach) war es egal. Zufrieden sei er mit seiner Mannschaft, sie sei auf dem richtigen Weg, ihr Ziel zu erreichen. Im Abstiegskampf werden keine Schönheitspreise vergeben. Punkt für Punkt zum Klassenerhalt, allein das zählt für den FC Elche. Nur nicht gleich wieder runter wie nach den beiden letzten Kurzauftritten in der Primera División 1984/85 und 1988/89. Hält der Neuling die Klasse, würde Trainer Francisco „Fran“ Escribá Segura wohl endgültig Heldenstatus in Elche erlangen. Zuvor hatte der 48-Jährige als Assistent u.a. beim FC Valencia, bei Benfica Lissabon und bei Atlético Madrid gearbeitet.

Zu Hause steht hinten die Null

Zumindest im eigenen Stadion ist der Aufsteiger tatsächlich auf dem richtigen Weg. Hinten steht die Null: Seit 632 Minuten hat kein Gegner mehr im Martínez Valero ein Tor erzielt. Die vergangenen acht Heimspiele endeten ohne Niederlage, die letzten sieben davon (bei vier Siegen und drei Remis sowie einem Gesamt-Torverhältnis von 5:0) ohne Gegentreffer. Zahlen, die für den Klassenerhalt sprechen. Und auch für Torhüter Manu Herrera, der in der Aufstiegssaison 2012/13 als bester Zweitliga-Keeper Spaniens ausgezeichnet wurde. Der FC Elche bestreitet zurzeit seine insgesamt 20. Erstliga-Saison in Spanien. Bei seiner Gründung 1923 (als Ergebnis einer Fusion aller Vereine der Stadt) hieß er Elche Football Club. Unter diesem Namen erreichte er 1934 die Segunda División, die 2. Liga. Der mit Hilfe von Nazi-Deutschland und des faschistischen Italiens ermöglichte Sieg der Franco-Diktatur im Spanischen Bürgerkrieg führte jedoch zur Umbenennung in Elche Club de Fútbol, da es Vereinen nun verboten war, nicht-spanische Namensbestandteile zu führen.

Durchmarsch in die 1. Liga

In den 50er Jahre schaffte das Team mit dem grünen Brustring auf dem weißen Trikot ein Fußball-Wunder. Innerhalb von zwei Spielzeiten (1957-59) gelang ihm der Sprung von der 3. in die 1. Liga. Ein Verdienst nicht zuletzt von Stürmer César Rodríguez, dem einstigen, erst 2012 von Lionel Messi abgelösten Rekordtorschützen des FC Barcelona. In Elches Premierensaison in der Primera 1959/60 (mit einem 2:1-Heimsieg gegen den FC Barcelona und einem 2:11 bei Real Madrid) fungierte César als Spielertrainer. Elche war plötzlich eine angesehene Adresse des spanischen Fußballs und der 1926 eröffnete Campo de Altabix eine von den gegnerischen Klubs gefürchtete, weil sehr enge und hitzige Arena. Der FC Sevilla ging hier 1962/63 1:8 unter.

Unter den besten fünf 1964

Dem 1959 als krasser Außenseiter gestarteten Neuling gelang es, sich im Kreis der nationalen Elite zu etablieren. Die Blütezeit des Klubs, „la época dorada“ (die goldene Epoche), begann. Zwölf Jahre lang spielte der FC Elche bis 1971 ununterbrochen erstklassig, belegte in dieser Zeit sieben Mal einen einstelligen Tabellenplatz am Saisonende – mit Rang 5 1963/64 unter dem paraguayischen Trainer Heriberto Herrera (später u.a. Juventus Turin und Inter Mailand) als bis heute beste Platzierung aller Zeiten. 1969 stand Elche im spanischen Pokalfinale, das im Bernabéu 0:1 gegen Bilbao verloren ging.

In dieser Ära, die von Trainern wie dem Brasilianer Pedro Otto Bumbel (1962/63, 1965–67 und 1970) mitgeprägt wurde und in der Real Madrids Spielerlegende Alfredo Di Stéfano seinen ersten Trainerposten übernahm (1967), ist die Popularität der „Franjiverdes“ begründet. Elches zweite Phase in der Primera währte immerhin fünf Jahre (1973 bis 1978), bedeutete aber vor allem Abstiegskampf. Danach entwickelte sich der Klub zu einer Fahrstuhlmannschaft – mit einem auf dem Papier starken Kader, aber zu vielen knapp verpassten Aufstiegen.

Schock-Niederlage gegen Cádiz

Zu einem der schrecklichsten Tage der Vereinsgeschichte geriet der 24. Mai 1981. Am letzten Saisonspieltag hätte Elche bereits ein Unentschieden gegen den direkten Aufstiegsrivalen FC Cádiz zum Sprung in die 1. Liga gereicht. Mehr als 50.000 Fans (einzelne Quellen sprechen sogar von bis zu 80.000) wollten das entscheidende Match im Stadion miterleben. Elche verlor 1:2, kam in der Endabrechnung zusammen mit vier anderen Teams auf 45 Punkte, belegte – bei drei Aufsteigern – aber nur Platz vier.

Die Rückkehr in die Primera gelang erst wieder 1984 und war nie mehr von längerer Dauer. Dem Abstieg 1989 folgten massive wirtschaftliche Probleme, die 1991 und 1998 bis hinunter in die drittklassige Segunda B führten. Für das Comeback in der 1. Liga benötigte der FC Elche 24 Jahre.

Die größten Erfolge des FC Elche

Spielzeiten in der Primera División: 20.
Beste Platzierung in der Primera División: 5. (1963/64).
Spanischer Pokalfinalist: 1969.
Zweitliga-Meisterschaften: 1959, 2013.
Aufstiege in die Primera División (5): 1959, 1973, 1984, 1988, 2013.

Prominente ehemalige Spieler

César Rodríguez Álvarez (früherer Rekordtorschütze des FC Barcelona, von 1957 bis 1960 bei Elche, 1959/60 Spielertrainer); Romerito“ – Juan Ángel Romero (Nationalspieler aus Paraguay – 187 Erstligaspiele für Elche von 1960 bis 1967); Vicente Iborra Richart (303 Erstliga-Spiele für Elche von 1960 bis 1971, Rekordspieler des Vereins in der Primera); „Vavá II“ – Luciano Sánchez Rodríguez (183 Ligaspiele und 59 Tore für Elche von 1964 bis 1974, Torschützenkönig in Spanien 1965/66 mit 19 Saisontreffern – zwei Länderspiele); Bartolomé Llompart (252 Erstliga-Spiele für Elche von 1964–1977, sieben Jahre lang Kapitän).

Das Stadion

Estadio Manuel Martínez Valero (36.017 Plätze); davor spielte Elche von 1926 bis 1976 im Campo de Altabix (12.000 Plätze).

Von Horst Bläsig

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