27.08.2017

„Für Spitzenteams ist die Luft dünner geworden“

Interview mit Matthias Rudolph (Turbine Potsdam)

Kickte einst jahrelang für Babelsberg 03, jetzt Trainer von Frauen-Bundesligist Turbine Potsdam: Matthias Rudolph (rechts). Foto: JouLux

Es waren große Fußstapfen, die Matthi­as Rudolph (34) im Sommer 2016 auszufüllen hatte, als er bei Turbine Potsdam das Amt des Cheftrainers von Bernd Schröder übernahm. Doch wer deshalb eine größere sportliche Delle beim sechsmaligen DDR- und Deutschen Meister, DFB-Pokal- (dreimal), Champions-­League- und UEFA-Womens-Cup-Sieger (jeweils einmal) erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt. Und so ist Rudolph, der als Aktiver die meisten seiner rund 300 Pflichtspiele für Babelsberg 03 bestritt und anschließend die U 17 und U 19 des aktuellen Regionalligisten betreute, zuversichtlich, nach dem dritten Platz in seiner Premierensaison auch in der kommenden Spielzeit bei den vorderen Plätzen mitmischen zu können. Eine erste Standortbestimmung erwartet den Trainer des Brandenburger Bundesligisten, der nebenbei auch noch Sport und Geografie unterrichtet, am kommenden Sonntag (13.30 Uhr, Karl-Liebknecht-Stadion), beim Auftaktmatch gegen den USV Jena.

Fußball-Woche: Herr Rudolph, wenn die Männer-Nationalmannschaft spielt, pausiert der Spielbetrieb im Männerbereich. Bei den Frauen beginnt just an diesem Wochenende die neue Bundesliga-Saison. Was sagt uns das?


Matthias Rudolph: „Darüber mache ich mir keine Gedanken, wir konzentrieren uns ausschließlich auf unseren Start. Der Fokus liegt einzig auf dem Spiel gegen Jena, das wollen wir gewinnen.“

Sie selbst sind hauptberuflich als Lehrer tätig. Das wäre in der Bundesliga der Männer undenkbar. Wie bekommen Sie beides unter einen Hut?

Rudolph: „Relativ einfach: Ich habe reduzierte Stunden, zudem haben wir bei Turbine eine gute Organisationsstruktur. Bei einigen Trainingseinheiten bin ich auch gar nicht dabei, zum Beispiel beim Athletiktraining, zudem habe ich Dirk Heinrich und Josephine Schlanke als Co-Trainer. Das ist also kein Problem.“

In Ihrer ersten Saison als Chef-Coach haben Sie Turbine gleich auf den dritten Platz geführt. Das war nicht unbedingt zu erwarten.

Rudolph: „Es war auch nicht unbedingt zu erwarten, dass wir gleich einen so attraktiven Fußball spielen. Uns kam vor allem die mannschaftliche Geschlossenheit zugute, die wir über die gesamte Saison gezeigt haben. Dass wir individuell richtig gut besetzt sind, war klar. Aber wie sich das Team nach der zuvor nicht so erfolgreichen Saison (Platz sieben, d. Red.), zusammengerauft hat, war ein wichtiger Schlüssel.“

Was haben Sie anders gemacht, als Ihr Vorgänger Bernd Schröder?

Rudolph: „Wir haben mit einer Vierer- statt Dreierkette gespielt und auch sonst einige Sachen verändert, aber ich würde das nicht zu hoch hängen. Wichtiger war da schon, dass wir durch den Auftaktsieg in Hoffenheim einen Aufwind bekommen haben, der uns nahezu durch die gesamte Saison getragen hat.“

Haben Sie für die kommende Saison ein Ziel ausgegeben?

Rudolph: „Wir wollen im oberen Drittel möglichst lange dabei sein, den Anspruch haben wir. Aber Tabellenplätze zu benennen, das halte ich für Blödsinn. Außer man ist Branchenführer wie Bayern München bei den Männern. Wir müssen erst einmal gucken, wie wir durch die Saison kommen, ob wir von Verletzungen verschont bleiben, wie wir starten. Es gibt im Sport Variablen, auf die man keinen Einfluss hat.“

Hat Turbine auf Dauer eine Chance, sich gegen Vereine wie den VfL Wolfsburg oder Bayern München zu behaupten?

Rudolph: „Zunächst mal bin ich überzeugt, dass unsere Mannschaft in der Lage ist, auch diese Teams zu besiegen. 
Wir haben schließlich sowohl Wolfsburg als auch Bayern vorige Saison jeweils einmal geschlagen. Wir sind überzeugt, dass wir in der kommenden Saison auch mit diesen Mannschaften mithalten können. Wie sich der Frauenfußball künftig entwickelt, gerade im finanziellen Bereich, das kann heute niemand beantworten.“

Die EM in Holland verlief aus deutscher Sicht enttäuschend. Wie fällt im Rückblick Ihr Urteil aus?

Rudolph: „Der Frauenfußball hat sich insgesamt weiterentwickelt, es ist nicht mehr so einfach, die sogenannten Kleinen zu besiegen. Ergebnisse mit vielen Toren Unterschied werden zur Rarität, es gibt viele ausländische Spielerinnen in der Bundesliga, in Frankreich oder England, dadurch steigt die Qualität. Die Luft für die Spitzenteams ist dünner geworden, das merken nicht nur die Deutschen. Für die Zukunft gilt es daher, kreativ zu sein und sich etwas einfallen zu lassen.“

Teilen Sie die Entscheidung, dass Steffi Jones weiterhin Bundestrainerin bleibt?

Rudolph: „Wenn man jemand zur Nationaltrainerin beruft, dann muss man über einen längeren Zeitraum Vertrauen beweisen und nicht beim ersten Gegenwind umfallen. Ja, ich finde es richtig, dass Steffi Jones weitermachen darf.“

Wie wichtig ist eine erfolgreiche Frauen-Nationalelf für den Vereinsfußball?

Rudolph: „Das ist schon wichtig, weil die Frauen-Nationalmannschaft eine gewisse Strahlungskraft besitzt. Wir leben in einer medialen Welt und die Nationalelf spiegelt das wider, was auch in der Bundesliga passiert. Frauen-Länderspiele werden zudem öfter im Fernsehen gezeigt, da ist Erfolg von Vorteil.“

Können Sie sich vorstellen, zurück in den Männerbereich zu wechseln?

Rudolph: „Fußball ist ein so schnelllebiges Geschäft, was irgendwann in der Zukunft sein wird, darüber zerbreche ich mir jetzt nicht den Kopf.“

Aber den Lehrerberuf hängen Sie nicht an den Nagel?

Rudolph: „Lehrer bleibe ich zu einhundert Prozent.“

Interview: Alex Heinen

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