12.03.2018

Fortschrittlicher als der DFB

BFV: Politik der kleinen Schritte bei Transgender-Fragen

Gemeinsam am Runden Tisch (v.l.): BFV-Präsident Bernd Schultz, Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, Yasmine Werder und Christian Rudolph (beide Lesben- und Schwulenverband). Foto: Toebs

Platz für Denkanstöße geben – das versucht seit 2011 der „Runde Tisch gegen Homophobie“. Es ist eine Zusammenarbeit des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) mit dem Lesben-und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Ziel der Kampagne bleibt eine noch bessere gemeinsame Strategie gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität zu entwickeln.

Mehr als 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dabei auch Vertreter des dritten Geschlechts, wollten am vergangenen Montag zum 5. Mal im Haus des BFV mehr erfahren und – vor allem – den Austausch fördern. Eine weiterhin einmalige Sache. Der BFV bleibt also ein fortschrittlicher Verband und ist damit auch beispielgebend für andere. In Detailfragen ist Berlins größer Sportverband sogar weiter als der DFB. Darin sind sich Gerd Liesegang, seit Jahren Fachmann für Sozialthemen, BFV-Präsident Bernd Schultz und Christian Rudolph vom Projekt „Soccer Sound“ einig. Die Fußballvereine der Region können sich solidarisieren, indem sie kostenfrei Pakete, die auch eine Regenbogen-Kapitänsbinde und Regenbogen-Schnürsenkel enthalten, beim ­LSVD-Projekt „Soccer Sound“ bestellen.

Ergreifen dazu einflussreiche Fürsprecher das Wort, erfährt alles noch eine zusätzliche Wertschätzung. Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, referierte hier über ihre Sicht auf Minderheiten. „Ich habe allgemein den Eindruck, dass Gewaltbereitschaft ebenso wie fehlende Menschenfreundlichkeit zunehmen“, sagte sie. Es sei ihr auch schon ein Kollege untergekommen, der sein Geschlecht wechselte und sie musste versuchen, darauf angemessen zu reagieren. Ihr Optimismus sei aber gedämpft, wenn es um Fortschritte gehe. Konservative Geschlechtsbilder seien im Bundestag weiter auch außerhalb der AFD-Fraktion verbreitet. Bis zur diskriminierungsfreien Teilhabe von Transgender werde es wohl noch dauern.

Auch wenn nicht so viele Vereinsvertreter wie ersehnt der Einladung gefolgt waren, gab es zumindest den Pressesprecher der Eisbären, Daniel Goldstein, der sich auf das nächste Lesbisch-Schwule-Stadtfest freut. Hier haben alle großen Berliner Sportvereine die Absicht, sich gemeinsam mit einem Stand zu präsentieren. „Man muss in kleinen Schritten bei den Fans Aufmerksamkeit bekommen, dann kann man die Themen platzieren“, meinte Goldstein und fand allgemein Zustimmung.

Die einzige Vertretung eines Amateurvereins war Yasmin Romanowski. Sie berichtete von einer Mitspielerin in ihrem Klub Stern 1900, die nach dem Entschluss, eine Geschlechtsumwandlung durchzustehen, sehr unsicher gewesen sei. „Mit Fußball war bei ihm dann Schluss.“

Für die meisten mag alles, in einer weiter von männlichen Ritualen geprägten Realität auf den Sportplätzen, keine Rolle spielen. Es gibt aber Minderheiten, die auf noch mehr Aufmerksamkeit pochen. Zu ihnen zählen Transmenschen, die lange für die Entscheidungsfindung benötigen, welche öffentliche Toilette und welche Umkleidekabine die geeignete ist. Noch bleibt es dabei, dass ein dritter Platz für ein weiteres Geschlecht nicht nur bei der Toilettenfrage („All-Gender Toilet“) fast überall weiter verhandelt werden muss.

Dass es dabei auch Rückschritte geben kann, wurde durch zwei Beispiele belegt. Johannes Blankenstein war einer der Aktivisten, als bei Tennis Borussia plötzlich die Regenbogenfahne nicht mehr geduldet werden sollte. „An sich wollen wir als Fans völlig frei von Gewalt agieren. In diesem Fall haben wir uns aber passiv gewehrt und haben nicht zugelassen, dass man uns unsere Embleme und die Fahne im Stadion wegnehmen wollte“, sagte Blankenstein (die FuWo berichtete).

Eine zweite Instanz des BFV-Sportgerichts war nötig, als es um die Frage ging, wie sich ein Mann verhalten muss, der nach einer Umwandlung keiner mehr ist und in einem Frauenteam Fußball spielen will. Die Verbandsgerichtsbarkeit entschied in diesem Fall, dass ein Eintrag in amtliche Dokumente, die das Geschlecht belegen, ausreicht, um eine Spielgenehmigung zu erhalten.

Darauf, dass nicht nur Scheingefechte geführt werden, wies Bernd Schultz in seinem Schlusswort hin: „Der Bewusstseinswandel ist auch bei Sponsoren enorm, wenn es um soziale Themen geht.“

Frank Toebs

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