Mein Fußball-Woche

17.01.2014

Elegant, raffiniert und launisch

Beuthen 09 entwickelte sich in den 1920er Jahren mit den Brüdern Paul und Richard Malik zu einer der besten Adressen im deutschen Fußball

Schlesien hat viele große Fußballvereine hervorgebracht, doch der Beuthener Spiel- und Sportverein von 1909 gehörte zweifelsohne zu den größten. Vor allem zwischen 1930 und 1937 dominierten die Gelb-Weißen aus der Industriestadt im oberschlesischen Hüttenrevier die Region und sicherten sich viermal den Titel des Südostmeisters sowie zweimal den des Gaumeisters von Schlesien. Dabei lag Beuthen seinerzeit am südöstlichsten Zipfel von Deutschland unmittelbar an der Grenze zu Polen und eine gute Tagesreise von Hamburg entfernt.

Am 15. Juni 1909 als SV Britannia gegründet, ruhte der Klub in bildungsbürgerlichen Kreisen und rekrutierte seine Mitglieder vor allem unter den örtlichen Gymnasiasten. Darunter waren mit Juretzka, Flatzek und Eidam drei ausgewiesene Fußballtalente, die den ab 1911 schlicht Beuthener SuSV 1909 – kurz Beuthen 09 - genannten Klub schon vor dem Ersten Weltkrieg in die regionale Spitze schossen. 1913/14 qualifizierten sich die Gelb-Weißen mit einem 7:3 über Diana Kattowitz erstmals für die Endrunde um die Südostdeutsche Meisterschaft, in der die Breslauer Sportfreunde jedoch knapp mit 3:2 die Oberhand behielten.

Überdachte Holztribüne

Zu verdanken war der Aufschwung nicht zuletzt Vermessungsdirektor Martin, der den Verein Überlieferungen zufolge „mit seinen starken, wenn auch vielleicht manchmal etwas eigenwilligen Händen“ führte und unter dem die Nullneuner zu einem führenden Repräsentanten in Schlesien aufstiegen. Nur wenige Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs eröffnete man an der Heinitzgrube einen repräsentativen Sportplatz, dessen ganzer Stolz eine überdachte Holztribüne mit rund 800 Sitzplätzen war. Damit stand Beuthen 09 der Zugang zu den „besseren Kreisen“ der Stadt – und damit zu Sponsorengeldern – offen.

Sportlich hatte man im Krieg allerdings einen herben Rückschlag erlitten. Zahlreiche Stammspieler waren auf den Schlachtfeldern geblieben, und die politischen Wirren um das Schicksal des zwischen Polen und Deutschland umstrittenen schlesischen Hüttenreviers sorgten für weitere Verunsicherung.

Während die 09-Leichtathleten zu den erfolgreichsten Oberschlesiens aufstiegen, vermochten die Fußballer nur zögerlich an alte Erfolge anzuknüpfen. Dabei half eine intensive Verbindung mit der Wehrmacht – erwähnter Leistungsträger Flatzek war als Offizier in Beuthen stationiert –, die den Gelb-Weißen den Beinamen „Offizierself“ einbrachte. Der erhoffte Durchbruch blieb dennoch zunächst aus, und namentlich die Klubs aus Breslau erwiesen sich als spielstärker. Beuthen 09 vertraute unterdessen auf die Nachwuchsarbeit, für die mit Erwin Lewin ein aufopferungsvoll arbeitender Jugendleiter stand, der später unter den Nazis aufgrund seiner jüdischen Herkunft ausscheiden musste.

Nachdem das verteidigende Brüderpaar Peter und Theo Strzewitzek von Lokalrivale Wacker losgeeist worden war, konnte der Aufstieg in die regionale Elite Mitte der 1920er Jahre beginnen. Mit den Brüdern Malik, Przybilla und Kurpanek standen seinerzeit noch drei weitere Brüderpaare in jener Nullneun-Elf, die in die deutsche Elite strebte. Davor stand jedoch eine schwere Führungskrise. Auslöser waren Bestrebungen, hinter dem Beuthener Stadtpark ein großes Stadion zu errichten. Der Streit darüber führte fast zur Vereinsspaltung und endete mit dem Ausscheiden des umstrittenen Vorsitzenden Martin.

Sein Nachfolger wurde mit Oskar Wylezol ein Großkaufmann, der zuvor als 2. Vorsitzender tätig gewesen war. Unter seiner Ägide avancierte Beuthen 09 zu einem wirtschaftlich potenten Verein. Wylezols Erfolgsrezept waren lukrative Freundschaftsspiele gegen namhafte Gegner aus Polen, der Tschechoslowakei, Österreich sowie dem restlichen Reichsgebiet. Damit wurde das lokale Interesse am Fußball erheblich ausgeweitet, was sich in sprunghaft ansteigenden Zuschauerzahlen an der Heinitzgrube widerspiegelte.

Real Madrid an der Heinitzgrube

Zudem konnte die Beuthener Elf um Spielführer Paul Malik erste sportliche Erfolge feiern. 1923 wurde sogar Real Madrid in einem Freundschaftsspiel mit 2:1 bezwungen, und 1923 sowie 1925 qualifizierte man sich jeweils für die südostdeutsche Endrunde. Als Beuthener Leistungsträger galt neben dem „Motor ohne Schnaufpause“, Paul Malik, der unverwüstliche Josef Hoffmann, der technisch versierte Taktiker Wuttke, Allroundspieler Mokrski sowie Sturmführer Sabiwalski. In den ausklingenden 1920er Jahren wurde das Team systematisch verstärkt. Für den abgewanderten Mokrski kam Henn von Vorwärts-Rasensport Gleiwitz, der wieselflinke Wyglendatz rückte in die Verteidigung und Peter Strzewitz füllte die vakante Position zwischen den Pfosten. Als nächster Eckpunkt im Beuthener Fußballaufschwung gilt der Auftritt des 1. FC Nürnberg im Sommer 1928. Der Sportplatz an der Heinitzgrube war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Träg, Stuhlfauth, Kalb und Co. bei brütendem Sonnenschein ihre liebe Mühe und Not mit den kampfstarken Oberschlesiern hatten. Am Ende fuhr der Club zwar mit einem 1:0-Erfolg heim, zeigte sich aber sichtlich beeindruckt von der Leistung des Gegners.

Als Mann des Tages wurde Paul Maliks jüngerer Bruder Richard gefeiert, der heute wie kein Zweiter mit der Geschichte von Beuthen 09 verbunden ist. Malik war direkt aus der Jugendelf in die Ligamannschaft gewechselt und verfügte über in Beuthen nie zuvor erlebte technische Fertigkeiten. Neben ihm rückten mit Linksaußen Pryssok sowie Torhüter Hannes Kurpanek noch zwei weitere Nachwuchsspieler aus der 09-Jugend auf. Darüber hinaus profitierte Beuthen 09 von seiner Nähe zur Hohenzollerngrube, denn mit Verteidiger Urbainski (zuvor Amatorski Chorzów/Königshütte) sowie Peter Scheliga (von Naprzod Lipine) konnte man zwei Akteure verpflichten, die dort als Steiger arbeiteten.

Starker Auftritt im Poststadion

1929/30 errangen die Gelb-Weißen erstmals die Südostdeutsche Meisterschaft und trafen in der Endrunde um die „Deutsche“ auf Hertha BSC. Im gut gefüllten Poststadion staunten die Berliner nicht schlecht über die Kicker aus der Provinz, die nach 45 Minuten ein 2:2 mit in die Kabine nahmen und am Ende nur unglücklich mit 2:3 unterlagen. Ein Jahr später traf 09 in der Endrunde auf Nordmeister Hamburger SV, der sich gegen die ersatzgeschwächten Oberschlesier mit 2:0 durchsetzte.

Als 1932 der Wiener „Guggi“ Wieser das Training übernahm, die Elf gezielt verstärkte und professionelle Strukturen einführte, feierte man an der Heinitzgrube den Durchbruch. Passenderweise stand mit dem 1928 eröffneten Beuthener Stadion inzwischen eine mit kommunalen Mitteln gebaute Großarena zur Verfügung, die den weiteren Aufschwung begünstigen sollte. Zum freundschaftlichen Vergleich mit dem FC Schalke 04 beispielsweise war die Arena 1934 erstmals prall gefüllt.

Ein Jahr zuvor hatte Beuthen 09 zu den Gründungsmitgliedern der Gauliga Schlesien gezählt, der man schon im ersten Spieljahr 1933/34 seinen Stempel aufzudrücken vermochte. Als souveräner Gaumeister erreichten die Gelb-Weißen um den zwischenzeitlich zum Nationalspieler aufgestiegenen Richard Malik die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, in der man sich in sechs Spielen lediglich dem späteren Gruppensieger Viktoria 89 Berlin beugen musste.

Erzrivale Vorwärts-Rasensport

Gemeinsam mit Nachbar und Erzrivale Vorwärts-Rasensport Gleiwitz dominierte Beuthen 09 anschließend für Jahre den schlesischen Spitzenfußball. Während die Gleiwitzer mit urwüchsiger Kraft und Powerfußball zum Erfolg kamen, bestachen die Nullneuner vor allem durch spielerische Klasse. Elegantes Kombinationsspiel, technische Raffinessen sowie taktische Schachzüge – Beuthen 09 spielte unter „Guggi“ Wieser geradezu „wienerisch“. Zugleich trug man allerdings auch das eher unschöne Label einer „launischen“ Mannschaft. „So hat man schon ganz große Spiele von Beuthen 09 gesehen, hat erlebt, wie berühmte Gegner den Kürzeren zogen, um dann vielleicht acht Tage später dabeizusein, wie die gleiche 09-Mannschaft einem weit unterlegenen Partner sang- und klanglos den Sieg überließ“, schrieb das Fachblatt „Kicker“ 1937.

In jenem Jahr standen die GelbWeißen abermals in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, wo sie auf den Hamburger SV, den BC Hartha und Hindenburg Allenstein trafen. Doch diesmal hatte das Malik-Team Pech. Nachdem schon das Auftaktspiel gegen den HSV mit 0:6 verloren gegangen war, setzte es auch im ersten Heimspiel gegen den BC Hartha eine Niederlage (2:4), womit die Halbfinalträume vorzeitig geplatzt waren.

Nachdem Stammspieler wie Malik, Kurpanek, Dlugosch, Brychzy, Jesella, Nowak und Przybilla ihren Zenit überschritten hatten, folgte ein nie zuvor erlebter Absturz, denn nur ein Jahr später musste Beuthen 09 nach einer 2:3-Niederlage beim SV Klettendorf aus der Gauliga absteigen. Zwar gelang 1939 die Rückkehr, über Mittelmaß kam man aber nicht mehr hinaus. 1945 war Schluss. Auswahlspieler und Vereinslegende Malik war bereits im Januar 1945 „gefallen“, als Beuthen nach der Kapitulation zu Bytom wurde und der Sportplatz an der Heinitzgrube seine Pforten schloss.

Endrunden-Teilnahmen des SuSV Beuthen 09 um die Deutsche Meisterschaft

1930: Hertha BSC – Beuthen 09 3:2 (Achtelfinale; 16.000 Zuschauer im Poststadion).
1931: Beuthen 09 – Hamburger SV 0:2 (Achtelfinale).
1932: Polizei Chemnitz – Beuthen 09 5:1 (Achtelfinale).
1933: Beuthen 09 – Prussia Samland Königsberg 7:1 (Achtelfinale), 1860 München – Beuthen 09 3:0 (Viertelfinale).
1934: Viktoria 89 Berlin – Beuthen 09 5:2 und 4:1, Beuthen 09 – Viktoria Stolp 1:1 und 2:1, Beuthen 09 – Preußen Danzig 2:1 und 4:1 (alles Gruppenspiele).
1937: Hamburger SV – Beuthen 09 6:0 und 4:1, BC Hartha – Beuthen 09 2:6 und 4:2, Hindenburg Allenstein – Beuthen 09 2:1 und 2:2 (alles Gruppenspiele).

DFB-Länderspiel in Beuthen

16. August 1942: Deutschland – Rumänien 7:0 (Torschützen Fritz Walter/1. FC Kaiserslautern/3, Herbert Burdenski/Schalke 04, Karl Decker/First Vienna FC, Ernst Willimowski/1860 München, August Klingler/FV Daxlanden).

Meistertitel des SuSV Beuthen 09

SOFV-Bezirk Oberschlesien (6): 1914, 1920, 1921, 1923, 1925, 1929.
SOFV-Meister (Südostdeutschland – 4): 1930, 1931, 1932, 1933.
Nationalspieler: Richard Malik (zwei Länderspiele/ein Tor – 1932 in Budapest gegen Ungarn/1:2 mit Malik als Torschützen und 1933 in Bologna gegen Italien/1:3).

Anmerkung:

Im heutigen Bytom/Polen trägt eine Freizeitmannschaft wieder den Namen Beuthen 09 http://www.beuthen.futbolowo.pl

Von Hardy Grüne

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Hinweis

Auszug aus einer 2014 erscheinenden Publikation über den deutschen Fußball in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland. Weitere Infos: unter www.hardy-gruene.de

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