23.11.2017

Eisrevue und Einkaufsbummel

In dieser Woche vor 55 Jahren

Die Titelseite der Fußball-Woche vom 26. November 1962: Von dem viertägigen Aufenthalt des FC Barcelona in Berlin berichtete die FuWo auf sieben Seiten.

Die Schneeschicht im Poststadion war zehn Zentimeter hoch. Doch das störte die Spieler des FC Barcelona (damals CF Barcelona geschrieben) nicht. Sie veranstalteten im Training eine Schneeballschlacht und Torwart Juan Antonio Celdran türmte den Schnee auf der Linie auf. Mit der Bemerkung, dieser solle ihm im Spiel gegen die Berliner Stadtauswahl die Arbeit abnehmen.

Die Spanier hatten trotz der für sie ungewohnten äußeren Bedingungen ihren Spaß rund um das „Internationale Repräsentativ-Spiel“, in Kurzform schlicht Städtespiel genannt, am 25. November 1962. Der FC Barcelona, bei dem schon Profis unter Vertrag standen, war vom katalanischen Verband als Auswahlmannschaft entsandt worden. Das Spiel fand an einem Sonntag statt, die Gäste kamen bereits Donnerstag. 

Wie Schulbuben

Sie unternahmen einiges in West-Berlin: Es gab ein Bankett des Senats, eine Einladung zum spanischen Generalkonsul, den Besuch einer Eisrevue mit der bekannten österreichischen Eiskunstläuferin Ingrid Wendl und einen ausführlichen Einkaufsbummel. „Die Wünsche erstreckten sich keinesfalls nur auf Andenken, das in allen Arten große Angebot der Berliner Geschäftshäuser verlockte zu größeren Einkäufen. Unbekümmert wie Schulbuben spielte man im KaDeWe mit Miniaturflugzeugen und anderen Dingen“, schrieb die Fußball-Woche. 


Eine Stadtrundfahrt stand ebenfalls auf dem Programm, inklusive Brandenburger Tor und Bernauer Straße. „Wie alle Besucher Berlins standen auch unsere spanischen Fußballfreunde erschüttert vor dem frevelhaften Bauwerk“, notierte die FuWo zur Reaktion an der 15 Monate vorher errichteten Mauer. 

Am Spieltag präsentierte sich der Himmel grau, doch der Rasen des Poststadions war wieder grün. Stadionverwalter Gustav Schulz und seine Helfer hatten den Schnee komplett beseitigt. „Das habt ihr fein gemacht“, rief Barcelonas Trainer Laszlo Kubala begeistert. 12.606 Zuschauer zahlten Eintritt, der Preis lag bei 2,50 bis 6 DM, Schüler mussten nur eine Mark entrichten. In den Kurven und auf den Sitzplätzen waren deutliche Lücken zu erkennen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln war das Poststadion übrigens außer mit der U-Bahn bis Turmstraße auch mit den Omnibus-Linien A16, 24, 70, 72 und 99 sowie der Straßenbahn (Linie 2 und 44 ) zu erreichen. 

Barcelona hatte bereits über 20 nationale Titel gesammelt und zweimal den Messestädte-Pokal gewonnen, einen Wettbewerb, der zwischen 1955 und 1971 ausgetragen wurde und die Bekanntheit internationaler Handelsmessen steigern sollte. Zudem stand man 1961/62 im Finale des Pokals (Niederlage gegen den FC Valencia) und hatte auf dem Weg dorthin in der ersten Runde gegen Berlin triumphiert (0:1 im Olympiastadion, 3:0 zu Hause). 

Nun also eine Neuauflage, mit Barcelona als großem Favoriten. Doch die Berliner Auswahl, die ab 1899 über 70 Jahre lang existierte und sich stets großer Beliebtheit erfreute, hielt bestens mit. In der Startelf standen insgesamt sieben Spieler von Hertha BSC. Die Abwehr zeigte gegen Sandor Kocsis (aus der ungarischen Wunderelf der 50er Jahre) und seine Nebenleute eine starke Vorstellung, im Angriff tat man sich dagegen schwer. 1:2 hieß es am Ende aus Sicht der Auswahl, für die Herthas Günter Schüler, Spitzname Teddy, sein 50. Spiel bestritt und dafür vor Anpfiff einen Blumenstrauß bekam. Im Spielbericht wird er wegen seines Doktortitels stets „Dr. Schüler“ genannt. 

Ramon Villaverde erzielte in der 37. Minute die Führung für Barca. Nach der Pause verschoss Alcides Silveira einen Elfmeter, Hans-Joachim Altendorff machte es besser und glich per Strafstoß aus (61.). Vier Minuten später nahm Eladio Silvestre einen Ball volley und traf zum Endstand. Der Ausgleich wäre bei Chancen von Hans „Gustav“ Eder oder Helmut Faeder ebenso möglich gewesen wie weitere Gegentore bei Gelegenheiten für Barcelona. 

„Die Spanier spielten brillanten Fußball, sie spielten, wie wir es erwarteten, schnell und zügig. Es war eine Schau, die die Spieler des CF Barcelona im Poststadion zu bieten hatten. Es war Klassefußball, wie wir ihn lange nicht sahen“, bilanzierte die FuWo. Auch für die Gastgeber fanden sich lobende Worte: Die Mannschaft habe sich „gegen einen Weltklassegegner großartig geschlagen“. Herthas Lutz Steinert hatte einen gravierenden Wettbewerbsnachteil für sein Team festgestellt: „Man merkte, daß Profis gegen uns spielen. Die können doch den ganzen Tag trainieren.“ Von spanischer Seite lautete das keiner bestimmten Person zugeordnete Fazit der kalten, aber ereignisreichen Tage in Berlin: „Es war schön. Nur die Mauer, diese Mauer.“ 

„Hasta Luego Amigos“

Die FuWo verabschiedete die prominenten Gäste mit einem Text in spanischer Sprache, überschrieben mit „Muchas Gracias queridos Amigos de Barcelona“ („Vielen Dank liebe Freunde aus Barcelona“), beendet mit „Hasta Luego Amigos“ („Bis bald Freunde“). Dazwischen wird erwähnt, dass es ein Fußball-Fest war, welches die Freundschaft zwischen den Verbänden Kataloniens und Berlins gefestigt habe. Auf der sechsten von sieben Seiten zum Spiel gab es sogar Gereimtes, diesmal auf Berlinerisch. Eine Kostprobe: „Beim Fußballspiel der Caballjeros – Is jeder einzelne een Heros. Det wurde jedem Menschen klar – Der in de Lehrter Straße war.“ 


Berlin spielte mit: Tillich (Hertha BSC); Bäsler (Tasmania 1900), Schimmöller (Hertha BSC); Clausen (Tennis Borussia), Schüler, Eder (beide Hertha); Beekmann (Viktoria 89), Faeder, Altendorff, Steinert (alle Hertha BSC), Kube (Spandauer SV, ab 62. Foit/Tennis Borussia).  

Von Sebastian Schlichting

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