Mein Fußball-Woche

06.08.2017

Eiserne legen famos los

Kaum ist mit Hans-Jürgen Dörner der neue Fußballer des Jahres gewählt, kaum hat Dynamo Dresden, der Titelverteidiger, mit einem 4:1 (4:1)-Auftakterfolg über Wismut Aue zum Beginn der 30. DDR-Meisterschaft bereits wieder die Spitze übernommen, ist auch der 1. FC Union in seinem zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg in aller Munde. Die Wuhlheider starten spektakulär ins neue Spieljahr. Bei Vizemeister 1. FC Magdeburg legen die Eisernen ganz famos los und landen einen nahezu sensationellen 2:1 (1:1)-Auswärtssieg.

„Ich glaube, unsere Mannschaft hat ihre gewachsene spielerische Fähigkeit nachgewiesen“, staunt selbst Heinz Werner. Am meisten zeigt sich Unions Trainer davon beeindruckt, „dass unsere Abwehrspieler gegen ihre namhaften Kontrahenten in den Zweikämpfen mithalten konnten“. Joachim Streich, Jürgen Sparwasser und Martin Hoffmann, die es zusammen auf 130 Länderspiele bringen, sind bei ihren Gegenspielern Lutz Möckel, Rolf Weber und Bernd Vogel in bester Obhut. Nachdem Joachim Sigusch Union mit 1:0 in Führung bringt (18.), gelingt Streich zwar der Ausgleich (28.), doch dann mühen sich die Magdeburger vergeblich, das rot-weiße Bollwerk noch einmal zu knacken. Vor allem Wolfgang Matthies, der prächtig aufgelegte Schlussmann, zieht den Magdeburgern mit seinen grandiosen Paraden den Zahn. Und als Werner mit der Einwechslung von Ulrich Netz auch noch ein goldenes Händchen beweist, weil der Joker nach klasse Pass von Möckel das 2:1 erzielt (79.), wissen die Gastgeber keine passende Antwort mehr.


„Dieser Sieg wird Auftrieb geben“, ist sich Werner sicher, zumal der Trainer auf die körperliche Fitness seiner Spieler bauen kann. Die zeigen sich im Verlauf der von den Magdeburgern leicht dominierten 90 Minuten voll auf der Höhe, gehen jedes Tempo mit und haben auch in den Zweikämpfen keinerlei Nachteile. Selbst FCM-Trainer Klaus Urbanczyk erkennt neidlos an: „Die Zielstrebigkeit Unions hätte ich auch meiner Mannschaft gewünscht.“

Weit weniger zufriedene Gesichter gibt es bei Unions Stadtrivalem BFC Dynamo. Die Männer aus Hohenschönhausen führen gegen den HFC Chemie zwar durch Wolf-Rüdiger Netz schnell 1:0 (3.), kassieren aber durch Manfred Vogel den Ausgleich (28.). Auch die zweite Führung, erneut durch Netz erzielt (65.), hat keinen Bestand, weil Werner Peter eine eigentlich total ungefährliche Situation zum 2:2-Endstand nutzt (79.). Noch in der Kabine schüttelt Schlussmann Hans-Gustav Creydt, der sein 200. Spiel für den BFC bestreitet, ungläubig den Kopf: „Dass aus einer so harmlosen Gelegenheit der Ausgleich fällt, kann ich nicht begreifen.“ Weil Lutz Eigendorf und Bernhard Jonelat sich bei der Abwehr nicht einig sind, kommen die Hallenser zu ihrem zweiten Tor und hätten um ein Haar sogar noch den Siegtreffer erzielt, doch Sekunden vor dem Abpfiff ist Creydt bei einem platzierten Kopfball von Frank Enke zur Stelle und lenkt die Kugel zur Ecke.

Erstaunlich ist, dass der Gast rationeller spielt, zwar nicht so oft am Ball ist, trotzdem aber die geradlinigeren Angriffe vorträgt. Das hat seinen Grund auch darin, dass Hans-Jürgen Riediger seine Frühform aus der Vorbereitung nicht mit in die Saison zu nehmen vermag und Frank Terletzki zwar läuferisch überzeugt, mit seinen Pässen in die Tiefe aber sparsam umgeht, sodass sich die Torgefahr für das Hallenser Gehäuse in Grenzen hält. „Dass unsere Stürmer nicht so in Erscheinung getreten sind, wie ich mir das gewünscht habe, liegt am fehlenden Selbstvertrauen“, legt Jürgen Bogs den Finger in die Wunde. Der Trainer, Nachfolger des eher glücklosen Harry Nippert, ist nach seinem Oberligadebüt ganz und gar nicht zufrieden. „Das Ausgleichstor zum 2:2 war förmlich ein Geschenk an die Hallenser, keine Frage. Aber im Verhalten unserer Abwehr gab es nicht nur bei diesem Gegentor Mängel.“

Da steht die Verteidigung der Gäste deutlich sicherer, obwohl sie einen ihrer größten Strategen verloren hat: Bernd Bransch, 72-maliger Nationalspieler, Olympiasieger 1976, WM-Teilnehmer 1974, in 50 Länderspielen Kapitän und 1968 sowie 1974 Fußballer des Jahres, beendet knapp 33-jährig seine sportliche Laufbahn und nimmt nun sein letztes Studienjahr zum Ingenieur-Ökonom in Angriff.

Von Robert Klein

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