Mein Fußball-Woche

13.06.2012

Ein Stück Europa auf engstem Raum

Ein deutscher Investor und ein deutscher Trainer wollen die KAS Eupen zurück in die 1. belgische Liga führen.

Eupen, Ende Mai 2010. In der kleinen Stadt im deutschsprachigen Teil Belgiens knallen die Knorken. KAS Eupen hat erstmals in der Vereinsgeschichte den Aufstieg in die erste Liga geschafft. Zehn Jahre zuvor war man schon einmal knapp davor, doch jetzt ist es endlich so weit: Im Eupener Kehrweg-Stadion wird Erstliga-Fußball gespielt.

Drehen wir den Scheinwerfer rund zwölf Monate weiter, ist von Glanz und Gloria des Aufstiegs nicht mehr viel übrig. Das Team belegt in der Saison 2010/11 nur den vorletzten Platz und muss in die Relegation. Das bittere Ende: Der Eupener Fahrstuhl fährt nach unten in die 2. Division. Aber – und das ist noch verheerender – der Club gerät finanziell in Schieflage. Die Folge: Die Vereinsührung verabschiedet sich. Doch schon wenig später herrscht in Eupen erneut Euphorie.

Aufstiege 1969 und 1970

Am 9. Juli 1945 fusionieren Jugend Eupen und der FC Eupen zur KAS Eupen. Die Königliche Allgemeine Sportvereinigung Eupen, so der vollständige Vereinsname, startet in der Provinzialklasse und spielt sich langsam nach oben. 1969 steigt der Verein erstmals in die 3. Division auf, ein Jahr später spielt der Club dann in der 2. Division. 2010 folgt mit dem Erstligaaufstieg der Gipfel der bisherigen Vereinsgeschichte. KAS Eupen ist der erfolgreichste Verein der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

Nach dem Abstieg gilt es, sich neu zu sortieren. Ein Investor aus Deutschland zeigt Interesse und will in Eupen etwas bewegen. Neue Strukturen, eine Nachwuchsakademie und ein neues Stadion direkt an der Autobahn – das sind die Schlagworte des neuen Sportdirektors Ingo Klein. Die Verbindung Klein-Eupen ist im Zuge eines Spielertransfers entstanden. Ingo Klein holt Wolfgang Frank als Trainer nach Eupen.

Das Stadion auf dem Berg

Oben auf dem Berg, da wo die Stadt Eupen zu Ende ist, thront das Kehrweg-Stadion. Es ist ein kleines Schmuckstück. Rund 8.000 Zuschauer passen in das Viereck. Es macht Spaß, hier Fußball zu erleben. Bei vollem Haus brennt der Rasen. Die Zuschauer sind dicht am Spielfeld, so etwas ist der Atmosphäre immer förderlich.

Den oberen Teil der Haupttribüne schmückt eine lange Fassade aus getöntem Glas: die Business-Lounge. Hinter diesen Glasscheiben werden die VIPs und ihre Gäste versorgt, während unten die Spieler kämpfen und grätschen.

Mehrsprachige Pressekonferenz

Die Region Eupen-Malmedy blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Vor allem die letzten 100 Jahre haben es in sich: Bis zum Ersten Weltkrieg gehört man zum Deutschen Reich. Danach fällt das Gebiet an Belgien, im Zweiten Weltkrieg gehört die Region kurzfristig wieder zu Deutschland und nach 1945 dann wieder zu Belgien.

Im Presseraum herrscht nach dem Spiel hektische Betriebsamkeit: deutsch, flämisch und französisch schwirren durcheinander. Auf dem Podium erklärt Wolfgang Frank in deutsch, warum er an diesem Tag mit seinem Team nicht zufrieden ist. Der Moderator übersetzt Franks Kommentar ins Französische und Flämische. Die Journalisten schreiben eifrig mit, stellen Fragen. Alles mehrsprachig – ein Stück Europa auf engstem Raum.

Mittelfristiges Ziel Europa

Das Projekt „KAS Eupen“ ist auf drei bis vier Jahre angelegt und am Ende steht das Ziel „Europa“. Bevor man sich verwundert die Augen über die Visionen eines aktuellen belgischen Zweitligisten reibt, muss man wissen, dass die internationalen Startplätze für die Europa League in Belgien anders als in Deutschland vergeben werden. Zählt hierzulande eine Platzierung unter den ersten fünf oder sechs, werden die Teilnehmer in Belgien mittels Play-offs ausgespielt. Ein Platz im Mittelfeld und die eine oder andere Sternstunde in den Ausscheidungsspielen genügen, um nach Europa einzuziehen.

Verhaftung des Investors

Erst drei Monate ist es her, der erlebt der Verein einen herben Rückschlag. Sportdirektor und Investor Ingo Klein wird verhaftet. Der Vorwurf: Kapitalanlagebetrug in Millionenhöhe. Die vermeintlichen Taten liegen angeblich schon Jahre zurück und haben mit KAS Eupen nichts zu tun, wie der Verein mitteilt. Die Fans zeigen sich mit Klein solidarisch und bringen dies auf Transparenten zum Ausdruck.

Aus sportlicher Sicht läuft in Eupen weiterhin alles glatt. Der Verein führt aktuell die Tabelle der 2. Division an und scheint den Betriebsunfall „Abstieg“ im Handumdrehen ausbügeln zu können. In naher Zukunft wird in Eupen viel davon abhängen, ob und wie sich die Probleme neben dem Platz klären lassen.

Die größten Erfolge

Aufstieg in die 1. Division: 2010

Erreichen der Endrunde: 1974, 2003 (2. Platz), 2010 (Sieger)

Aufstieg in die 2. Division: 1970, 1976, 2002

Aufstieg in die 3. Division: 1969, 1982, 1995

Berühmte Spieler

Horst Heese, spielte u.a. bei Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV

Michael Goossens, 14-facher Nationalspieler, spielte u.a. bei Schalke 04, FC Genua, Standard Lüttich

Mark Hendrikx, 15-facher belgischer Nationalspieler, spielte u.a. bei Anderlecht, Lokeren, Germinal Beerschot

Kristoffer Andersen, derzeit Ingolstadt 04, spielte u.a. beim MSV Duisburg, VfL Osnabrück, VfR Aalen, Sohn von Henrik Andersen (ehemals 1. FC Köln und Europameister von 1992)

Frédéric Pierre, 8-facher belgischer Nationalspieler, spielte u.a. bei Anderlecht und Standard Lüttich

Gulillaime Gillet, 14 facher belgischer Nationalspieler, spielte u.a. für Gent und Anderlecht

Bachirou Salou, Nationalspieler von Togo, spielte u.a. bei Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, MSV Duisburg

W. Weber

Kommentieren

Vermarktung: