Mein Fußball-Woche

23.06.2012

Ein Schluck auf den späten Ausgleich

ENERGETYK GRYFINO: In Greifenhagen an der deutschen Grenze lockt der Triumphmarsch aus „Aida“ die Zuschauer zu den Heimspielen des Sportklubs Energetyk.

Junge Frauen und Männer schieben Kinderwagen über den Bürgersteig. Touristen mit Sonnenbrillen im Haar und Stadtplan in der Hand sind ohne Eile unterwegs. Bei Gina M., einer Boutique mit Café, trinken die ersten ihren Latte Macchiato draußen. Schräg gegenüber in der Nordring Bierbar, einer der wenigen verbliebenen Eckkneipen in dieser Gegend, werden die Getränke drinnen serviert. Ein ganz normaler Montagmittag im Prenzlauer Berg, wo sich Greifenhagener und Stargarder Straße an der Gethsemanekirche treffen.

Exakt 140 Kilometer weiter nordöstlich, zwei Tage vorher. In der Straße Sportowa treffen sich Greifenhagen (auf polnisch Gryfino) und Stargard (Stargard Szczecinski) ebenfalls, in der III. Liga Grupa pomorsko-zachodniopomorska (Pommern/Westpommern – vierthöchste, achtgleisige polnische Spielklasse) empfängt Energetyk Gryfino die Gäste von Blekitni Stargard Szczecinski. Es ist die erste Partie nach über vier Monaten Winterpause. Die Orte liegen zwar nicht so nah beieinander wie die beiden Straßen in Prenzlauer Berg, aber auch nur knapp 60 Kilometer auseinander. Gemessen an anderen Entfernungen in dieser auch „Baltycka“ (Baltisch) genannten Staffel also ein Nachbarschaftsduell.

Eine Stunde vor Spielbeginn sind die gut 40 Fans aus Stargard schon da, beobachtet von einer fast ebenso großen Zahl an Ordnern und Polizisten. Aus den Lautsprechern erklingt der Triumphmarsch aus Giuseppe Verdis Oper „Aida“ und „The cup of life“ von Ricky Martin, das zur Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich mal ein großer Hit war. Notiz nimmt davon kaum jemand, die Leute sind mit Großeinkäufen im nur wenige Meter entfernten Supermarkt beschäftigt.

Die gesamte Anlage des Stadion Miejski, übersetzt „Städtisches Stadion“, macht einen sehr gepflegten Eindruck. Es gibt drei Fußballplätze, von denen einer von Kindern zum Bolzen genutzt wird, einen Parcours für Skateboarder und BMX-Fahrer und hinter einem Hügel liegen mehrere Tennisplätze. Viele alte Bäume sowie zum Teil in den Vereinsfarben rot-blau gestrichene Bänke lassen das ganze Areal wie eine Parkanlage wirken. Das Stadion verfügt über einige Reihen Schalensitze auf beiden Seiten und eine kleine Anzeigetafel. Aber etwas Entscheidendes fehlt – die Tornetze. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier wohl heute nichts passieren wird. Der Platz ist gesperrt, sagt ein Ordner, zu viel Regen in den letzten Wochen.

Keine gute Nachricht, aber besser ein Spiel auf einem Nebenplatz als gar kein Spiel. Der Kunstrasen ist komplett von einem sehr hohen grünen Zaun umgeben. An einer Seite gibt es Sitzplätze, die allesamt im „Sektor Gosci“ liegen und daher von den Gäste-Fans eingenommen werden.

Die anderen Zuschauer stehen an den drei übrigen Seiten (oder sitzen auf dem auf einem Hügel angebrachten Geländer), wobei sich einige hinter dem zur Straße gelegenen Tor – und damit schon außerhalb des Stadiongeländes – eingefunden haben. Eine Sparmaßnahme? Nein, der Eintritt auf dem Ausweichplatz ist ohnehin frei. Diese Position hat allerdings den Vorteil, dass man bei einer Auswechslung oder Verletzungsunterbrechung schnell fünf Schritte über die Straße machen und bei einem kleinem Marktstand Duschgel oder Waschmittel kaufen kann. Die Gefahr, etwas zu verpassen, ist gering, da der Platzsprecher nicht nur die üblichen Dinge wie Torschützen ansagt, sondern auch bei fast jedem Foulspiel den Übeltäter beim Namen nennt und die Absender von Schüssen mitteilt, die knapp an der Eckfahne vorbeifliegen.

Insgesamt sind 300 Interessierte da, Tendenz schwankend. Da die Sonne scheint, der Kunstrasen an einem beliebten Fußgängerweg liegt und die Anlage insgesamt sehr grün ist, schauen öfter Spaziergänger vorbei, die einige Minuten stehen bleiben. Aber dann entscheiden, dass das Zuschauen bei einem Viertliga-Spiel eher doch nicht ihre bevorzugte Wochenend-Beschäftigung ist.

Die angereisten Stargarder Fans, hinter zwei blau-weißen Zaunfahnen postiert, sind die gesamte Spielzeit über akustisch gut zu vernehmen. Die einheimischen Zuschauer beschränken sich dagegen auf vereinzelte „Pogon Szczecin“-Rufe, quasi eine Einstimmung für das am späteren Nachmittag im nicht weit entfernten Stettin stattfindende Zweitliga-Derby zwischen Pogon und Flota Swinemünde.

Stargard steht auf Tabellenplatz zwei, während die Gastgeber Abstiegssorgen haben. Diesen Fakten angemessen sind die Gäste in einem recht ordentlichen Spiel besser und gehen kurz vor der Pause durch einen sehenswerten Freistoß aus 25 Metern in Führung. In der zweiten Halbzeit sind die Chancen für die Tore zwei bis sechs da, aber Stargards Stürmer treffen mit beeindruckender Ausdauer vor dem Kasten die falsche Entscheidung. Das hätte normalerweise trotzdem zum Auswärtssieg gereicht, wenn nicht die eigene Abwehr die Arbeit etwas zu zeitig eingestellt hätte. Mit einem der wenigen ernstzunehmenden Angriffe gelingt Energetyk in der 87. Minute noch der Ausgleich.

Was drei ältere Herren auf der Längsseite so erfreut, dass sie sich erst einmal ausgiebig abklatschen und anschließend auf dieses unerwartete Ereignis einen ordentlichen Schluck aus der mitgebrachten Flasche mit hochprozentigem Inhalt nehmen.

Hochprozentiges gibt es auch in der Nordring Bierbar an der Ecke Greifenhagener/Stargarder Straße in Prenzlauer Berg, zum Beispiel „Molle & Korn nur 2,20“. Ansonsten ist die trendige Gegend rund um die Gethsemanekirche gefühlt weit mehr als nur 140 Kilometer entfernt von der Straße Sportowa in Greifenhagen.

Sebastian Schlichting

Kraftwerk als Namensgeber

Gryfino (deutsch: Greifenhagen) ist eine am östlichen Mündungsarm der Oder gelegene Kreisstadt in Pommern. Sie liegt unweit der deutschen Grenze, nur drei Kilometer vom deutschen Nachbarort Mescherin entfernt. Greifenhagen hat zirka 22.000 Einwohner und liegt an der Bahnstrecke Küstrin-Stettin. In die Stettiner Innenstadt sind es nur knapp 20 Kilometer.

Der örtliche Klub wurde 1945 unter dem Namen Polonia Gryfino gegründet. Mit der Einweihung des Kohlekraftwerks Untere Oder (Dolna Odra Power Plant) wurde der Klub 1974 in Energetyk umbenannt. Das Kraftwerk war fortan der Hauptsponsor und prägte die beste Phase der Vereinsgeschichte. Dazu gehörten Aufstiege in die dritthöchste Liga Polens 1973 (bis 1976) und 1984 (bis 1988). In dieser zweiten erfolgreichen Zeit belegte Energetyk in der aus 14 Mannschaften bestehenden Staffel Wielkopolska „Großpolen“ die Plätze 9, 6, 8 und 11.

In den 80er Jahren kooperierte Energetyk mit Pogon Stettin, damals einer der Topklubs in Polen. Viele Spieler, die es bei Pogon nicht in das Erstliga-Team schafften, wurden an Energetyk ausgeliehen. So spielte in der Saison 1986/87 das Stürmertalent Jan Daniec in Greifenhagen. 1993 wechselte er zum 1. FC Magdeburg, für den er in der NOFV-Oberliga in zwei Jahren in 51 Punktspielen insgesamt 15 Tore schoss. Daniec spielte später u.a. noch in Rathenow und Altlüdersdorf, wanderte dann in die USA aus, wo er an Heiligabend 2007 im Alter von nur 39 Jahren einem Herzversagen erlag.

Zu Beginn ihrer Karriere machten auch einige andere spätere Profis wie Bartosz Fabiniak (Pogon), Maciej Mysiak (GKS Belchatów) und Pawel Drumlak (Pogon, Zaglebie Lubin, Cracovia Krakau) in Greifenhagen Station. Drumlak wurde kürzlich im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal im polnischen Fußball verhaftet.

Im Zuge der politischen Wende in Osteuropa begann für Energetyk eine schwere Zeit, weil das Kraftwerk sein Sponsoring praktisch einstellte. Aktuell wird der Klub von der Stadt und einigen kleineren Sponsoren gestützt. Seit 2009 spielt Greifenhagen wieder in der – nach der Strukturreform im polnischen Fußball – nur noch viertklassigen III. Liga. Im Vorjahr belegte der Klub Platz zehn in der Staffel Pommern/Westpommern. Trainer der Mannschaft ist Andrzej Miazek, ein früherer Pogon-Spieler (1983–1997).

Seit Jahren nimmt Energetyk regelmäßig am Turnier um den Pomerania Cup teil. Vertreten sind jeweils vier Mannschaften aus Polen und Deutschland. Bei der neunten Auflage waren im Vorjahr Gastgeber und Turniersieger Torgelower SV Greif, die Verbandsligisten 1. FC Neubrandenburg und Greifswalder SV, Landesligist Penkuner SV Rot-Weiß, Arkona Stettin, Swit Stettin, Ehrle Dobra und Energetyk Greifenhagen am Ball – ein schönes Stück Annäherung in der pommerschen Grenzregion.

Jerzy Chwalek/Horst Bläsig

An Hertha Mescherin vorbei zum Stadion

Mitte des vergangenen Jahrzehnts rückte Gryfino in Deutschland weit über die direkt angrenzenden Orte ins öffentliche Interesse. Grund waren die polnischen Pläne, ein Atomkraftwerk in unmittelbarer Nähe zur Grenze (und damit zum Naturpark Unteres Odertal) zu errichten. Die Idee hielt sich über Jahre, erst Mitte 2010 hieß es dann aus Polen, das Thema sei vom Tisch. Die Stadt ist von Berlin aus am besten über die A11 erreichbar. Die Ausfahrt Penkun nehmen, links abbiegen und der B113 folgen. Der Grenzübergang kommt kurz hinter dem Sportplatz von Hertha Mescherin (linke Seite). In Greifenhagen liegt das Stadion Miejski kurz hinter dem Ortseingang rechts. Alternativ zur rund 90-minütigen Fahrt ist der Trip auch mit der Bahn machbar, für Hin- und Rückfahrt plus Spielbesuch sind dann gut elf Stunden zu veranschlagen. Diverse Imbisse befinden sich auf der Straße zwischen dem Stadion und der katholischen Pfarrkirche Mariä Geburt und rund um den dortigen Platz. Direkt auf dem Gelände von Energetyk ist dank der Gaststätte mit dem schlichten Namen „Stadion“ ebenfalls für Verpflegung gesorgt. Dort gibt es Pizza ab umgerechnet gut 2 Euro sowie Hot Dogs und Burger schon ab 75 Cent (3 Zloty). Wenn auf Kunstrasen gespielt wird, ist der Eintritt frei, aber auch sonst ist man für unter 2 Euro dabei.

SeS

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