11.05.2012

Ein Katzensprung vom Ostseestrand

FLOTA SWINEMÜNDE: Swinemünde hat sich für den Tourismus ordentlich herausgeputzt - Der Profifußball steckt dagegen noch in den Kinderschuhen

Den Redaktionsauftrag, nach Usedom zum polnischen Zweitliga-Spiel zwischen Flota Swinemünde und GKS Kattowitz zu fahren, habe ich gern angenommen. Und ich gebe zu: Als Allgäuer war ich zuvor noch nie in Polen, ja noch nicht einmal an der Ostsee gewesen. Es wurde also ohnehin mal Zeit.

Vier Stunden dauert die Fahrt mit der Bahn vom Berliner Hauptbahnhof. Etwas langatmig erweist sich die letzte Etappe mit der Usedomer Bäderbahn (UBB): Zirka 30 Kilometer Luftlinie sind es von Züssow nach Swinemünde; die UBB hält an sage und schreibe 21 Bahnsteigen und braucht dafür anderthalb Stunden. Für Feriengäste mag die Bummelbahn der richtige und bequeme Einstieg in den Urlaub sein. Mein Kollege und ich dagegen werden beim x-ten Stopp an einem verwaisten Bahnsteig etwas hibbelig. Denn der Anpfiff in Swinemünde (polnisch Swinoujscie) rückt näher. Nun ist so ein Grenzübertritt nicht mehr das, was er früher einmal war – wobei dies bitte nicht als Plädoyer für streng bewachte Kontrollen verstanden werden sollte. Aber gleich woanders, in einem anderen Land zu sein – dieses Gefühl macht sich innerhalb der EU nun wirklich nicht breit. Wer zum Beispiel mit dem Zug die deutsch-polnische Grenze in Ahlbeck passiert, der nimmt davon höchstens Notiz, indem ihm via SMS mitgeteilt wird, nun auf einen polnischen Telekommunikationsanbieter Zugriff zu haben.

Und auch in Swinemünde angekommen, ändert sich an diesem Gefühl kaum etwas. Es wird viel deutsch gesprochen. Man muss wissen: Die 40.000-Einwohner-Stadt ist attraktiv geworden für den großen Nachbarn. Swinemünde hat sich in den letzten Jahren ordentlich herausgeputzt. Investiert wurde in die Anlagen in unmittelbarer Nähe zum Strand. Schmucke, renovierte Altbauten links und rechts zieren den Weg in Richtung Ostsee. Der Ort ist auch deshalb interessant für deutsche Urlauber, weil es hier preiswerter ist als im angrenzenden deutschen Teil der Insel. An diesem Mai-Nachmittag jedenfalls sind die Deutschen am Swinemünder Ostseestrand klar in der Überzahl, was sich während der polnischen Sommerferien ändern wird. Heute aber ist die Promenade fest in der Hand der Tagestouristen aus dem westlichen Teil von Usedom.

Im nicht einmal einen Kilometer entfernten Miejski-Stadion sieht es dagegen ganz anders aus. Fast surreal mutet die Veränderung der Kulisse innerhalb weniger Gehminuten an. Vom Eldorado deutscher Strandurlauber ist nichts mehr übriggeblieben. Hier wird noch polnisch gesprochen. Die Sportstätte, inmitten eines kleinen Waldstückes, wirkt wie eine Zuflucht vor dem ausländischen Tagesrentnertourismus. Ein für eine Partie mit zirka 1500 Zuschauern beachtliches Polizeiaufgebot wacht über das kleine Stadion. Die Mixtur aus Abgeschiedenheit und massiver Polizeipräsenz ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Zumal viele der mitgereisten Anhänger aus Kattowitz in ihrer Erscheinung dem Bild gewaltbereiter polnischer Fans entsprechen, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es in den Medien überzeichnet wird.

Der Eintritt kostet gerade einmal 20 Zloty, was umgerechnet knapp fünf Euro sind. Freilich ist die 2. Liga in Polen nicht mit der in Deutschland vergleichbar. Es ist alles um mehrere Nummern kleiner. Gerade in Swinemünde, wo erst seit 2008 professionell Fußball gespielt wird. Das Stadion schrammt gerade noch an der Bezeichnung „Sportplatz“ vorbei. Immerhin gibt es auf beiden Geraden eine Tribüne mit bis zu zehn Rängen. Ansonsten erinnert das Ganze eher an einen Besuch in der Ober- oder Berlin-Liga: Es gibt einen kleinen Grillstand; in der einen Kurve ist, nun ja, nichts, und in der anderen hat sich die örtliche Feuerwehr auf dem Dach ihres Fahrzeuges versammelt.

Für etwas Stimmung sorgen die eingepferchten Fans aus Kattowitz. Ansonsten geht es ruhig zu. Lediglich der Stadionsprecher erweist sich vor der Partie als bemerkenswert geschwätzig. Eine halbe Stunde plappert er ohne Pause ins Mikrofon. Uns stellt sich die Frage, was es so Wichtiges zu erzählen gibt. Die Begegnung gibt zumindest tabellarisch nicht viel her, da sich beide Mannschaften zu diesem Zeitpunkt (26. Mai) im gesicherten Mittelfeld befinden. Anpfiff der Partie ist um 17 Uhr – eine ungewöhnliche Ansetzung für einen Mittwoch, wie ich finde. Ein weitgehend ermüdendes Spiel endet schließlich 1:0 für die Swinemünder. Flotas Bester, ein erst 19-Jähriger Nigerianer namens Charles Nwaogo Uchenna, markiert den entscheidenden Treffer.

Wir machen uns auf den Rückweg. Was bleibt übrig von diesem Tag? Für mich wohl vor allem, mal in Polen gewesen zu sein. Und auch wenn es ein lausiges Spiel war: Dank Flota gegen Kattowitz wurde mir das für den Fremdenverkehr hübsch hergerichtete Hafenstädtchen Swinemünde überhaupt erst bewusst. Besonders reizvoll: Wer in den deutschen Ostseebädern auf Usedom Urlaub macht, der kann polnischen Zweitliga-Fußball sogar per Fahrrad oder zu Fuß erkunden.

Martin Einsiedler

Ein Tscheche bringt den Erfolg

Jerzy Chwalek (50) ist Redakteur der Tageszeitung Super Express, lebt in Szczecin und stellt die westpolnischen Klubs in der FuWo vor.

Der Miejski Klub Sportowy (MKS) „Flota“ Swinoujscie spielte im polnischen Fußball lange Zeit eine völ-lig untergeordnete Rolle. Am 17. April 1957 gegründet, hielt sich der Klub jahrzehntelang in unteren Ligen auf, ohne überregional große Bedeutung zu erlangen. Das änderte sich erst nach der Jahrtausendwende, als Flota (deutsch: Flotte) zweimal hintereinander aufstieg und sich 2008, begünstigt durch eine Reorganisation des polnischen Fußballs, plötzlich sogar in der zweithöchsten Spielklasse des Landes wiederfand.

Dabei waren die Insulaner (Swinemünde liegt größtenteils auf der Insel Usedom) erst 2006 aus der mehrgleisigen 3. Liga abgestiegen, der sie mit einigen Unterbrechungen (eine Klasse tiefer in der 4. Liga) seit 1976 angehört hatten. Es folgten der sofortige Wiederaufstieg 2007/08 und nur ein Jahr später – als Staffelsieger der 3. Liga – die Qualifikation für die neue (zweitklassige) 1. Liga.

In der Premierensaison spielten die Blau-Weißen unter ihrem tschechischen Trainer Petr Nemec (fünf Länderspiele für die ehemalige CSSR, seit 1. Juli 2007 bei Flota im Amt) anfangs in der 1. Liga ganz oben mit, belegten am Ende einen respektablen 7. Platz. Die vergleichsweise bescheidenen finanziellen Möglichkeiten (Saisonetat knapp 650.000 Euro) führten dann allerdings zum Weggang etlicher Leistungsträger.

Torjäger Piotr Dziuba, Verteidiger Krzysztof Hrymowicz und Mittelfeldspieler Przemyslaw Pietruszka wechselten zu Pogon Stettin, Stürmer Pawel Buskiewicz in die Ekstraklasa zu Korona Kielce. Ein halbes Jahr später ging auch Innenverteidiger Omar Jarun. Er wurde in Kuwait geboren, wuchs in den USA auf und spielte später für die Nationalmannschaft Palästinas, der Heimat seines Vaters.

Dass Flota trotz der personellen Einschnitte auch in der gerade abgelaufenen Saison mit einer stark verjüngten Mannschaft eine gute Rolle spielte (wieder 7. Platz), spricht nicht zuletzt für die Qualität von Trainer Nemec. In einem furiosen Endspurt wurde der Klassenerhalt gesichert. Umso fader war der Beigeschmack, der dem 0:3 beim Saisonfinale zu Hause gegen Podbeskidzie Bielsko-Biala anhaftete. Das Team aus der Wojewodschaft Schlesien verhinderte dadurch den Abstieg.

Jerzy Chwalek/Horst Bläsig

Berlin-Swinemünde in nur vier Stunden

Swinemünde (polnisch Swinoujscie) war vor dem Zweiten Weltkrieg nach Kühlungsborn und Kolberg das drittgrößte deutsche Ostseebad und galt wie die gesamte Insel Usedom als die „Badewanne“ der Berliner. Seit 1945 gehört die Hafenstadt zu Polen und ist heute eine kreisfreie Stadt in der Wojewodschaft Westpommern. Der Großteil des Stadtgebietes liegt auf Usedom, der kleinere Teil östlich der Swine auf der Insel Wollin. Swinemünde ist bequem mit dem Auto (Bundesstraßen 110 und 111) oder mit dem Zug (Gesamtfahrtzeit ab Berlin gut vier Stunden) über den deutschen Nachbarort Ahlbeck zu erreichen. Wer mit IC oder Regionalzug aus Berlin kommt, kann in Züssow umsteigen. Von dort fährt die Usedomer Bäderbahn (UBB) bis Swinemünde durch. Auch zu Fuß oder per Fahrrad kann die Grenze von Ahlbeck aus passiert werden. Alternativ ist auch eine Anreise mit dem Auto (Fernverkehrsstraße) oder Zug über Stettin m

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