02.06.2012

Ein Hauch von Amphitheater

POLONIA SLUBICE: Auch Slubice, die frühere Frankfurter Dammvorstadt, besitzt ein Olympiastadion - Polonia spielt in der dritthöchsten Liga des Landes.

Auf der Zufahrtsstraße ist viel los. Einweiser deuten gestikulierend auf die freien Parkbuchten, ein paar Meter weiter gibt es einen umzäunten Parkplatz, der sehr gut mit deutschen Autos gefüllt ist. Viele tragen das „B“, aber auch fast alle anderen Kennzeichen aus der Gegend zwischen Berlin und Frankfurt/Oder sind vertreten. Direkt gegenüber liegt das Stadion Olimpijski (ehemals Ostmarkstadion), die Heimstätte von MKS Polonia Slubice – diesen Weg schlägt jedoch niemand ein. Alle laufen nach rechts zum „Basar“, in Deutschland als Polen-Markt bekannt.

Anfang der 90er Jahre eröffnet, 2007 abgebrannt, danach wieder aufgebaut, ist der Markt kurz hinter der Grenze immer noch ein Anziehungspunkt. Zigaretten, Alkohol, Lebensmittel, DVDs und so weiter, es gibt wenig, was es nicht gibt. Sogar Hunde-Welpen und kleine Katzen werden angeboten. Eine Tatsache, die deutschen Tierschützern seit Jahren ein Dorn im Auge ist. Viele Kunden scheinen öfter hier zu sein, „ach kiek ma, Helmut is ja ooch wieder da“, sagt ein älterer, mit mehreren Plastiktüten bepackter Herr zu seiner Frau. Die Leute schieben sich durch die engen Gänge, hier wird eingekauft, was die Tüten halten.

Ein kurzer Sprung, knapp 150 Meter die Straße hoch. Noch 45 Minuten bis zum Anpfiff des Drittliga-Spiels von Polonia Slubice gegen Miedz Legnica (Liegnitz). Am Eingang stehen zwei Ordner, eine Frau sitzt im Kassenhäuschen, eine andere an einem Tisch. Auf dem Friedhof gegenüber schlendert ein Mann mit Gießkanne zu einem Grab. Die Hektik des Marktes ist verschwunden.

Wir sind die ersten Gäste, legen 16 Zloty für zwei Tickets hin (umgerechnet vier Euro) und werden aufgefordert, ein Dokument bereitzuhalten. Wir kapieren nicht viel, tun aber wie uns geheißen, holen den Personalausweis raus und gehen drei Schritte weiter. Die junge Frau am Tisch schreibt unsere Vornamen und das Geburtsdatum auf die Karte. Warum? Sie zuckt die Schultern, sagt auf deutsch „keine Ahnung“ und lacht.

Es gibt in Europa Stadien, die kennt jeder. Anfield Road, Camp Nou, Giuseppe-Meazza… Sie sind groß, beeindruckend, atmen Geschichte. Und dann gibt es die kleinen Schmuckstücke. Unbekanntere Stadien, die auf ihre Art außergewöhnlich schön sind. Die Hohe Warte des First Vienna FC in Wien mit der Naturtribüne ist zum Beispiel so eins, und ganz sicher auch das Olimpijski. Warum? Dafür reicht direkt hinter dem Eingang ein Blick nach rechts. Hinter den neun Reihen mit blauen Schalensitzen erheben sich imposante Arkaden. Rundbögen, die einen Hauch von Akropolis und Amphitheater nah an die deutsch-polnische Grenze wehen. Direkt gegenüber am eigentlichen, nicht mehr geöffneten Haupteingang würden die Zuschauer durch ein großes Tor über eine Brücke ins Stadion gelangen und genau auf die Arkaden schauen. Interessant präsentiert sich auch die Gegengerade: Wo anderswo eine Tribüne oder zumindest ein paar Stufen sind, befindet sich wenige Meter hinter den Trainerbänken ein Schwimmbad.

Um das von 1914 mit Unterbrechungen bis 1927 erbaute Stadion in Slubice (die Stadt war bis 1945 ein Teil von Frankfurt/Oder und hieß Dammvorstadt), wo heute noch Fahnen mit den fünf Olympischen Ringen angebracht sind, ranken sich einige Mythen. So heißt es in manchen Quellen, dass es für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin errichtet worden sei. Es soll als Trainingsstätte für Athleten und Spielort für das Fußball-Turnier gedient haben. Eine Nachfrage beim Sportmuseum in Frankfurt/Oder, wo die Unterlagen archiviert sind, bringt Klarheit: Stimmt alles nicht, heißt es dort. Slubice habe nichts mit Olympia zu tun gehabt. Richtig sei aber, dass viele polnische Spitzensportler dort heute trainieren.

In der Kategorie „Stadion“ liegt Polonia Slubice in der drittklassigen II. Liga gruppa zachodnia (Gruppe West), und nicht nur da, weit vorn, in Sachen Zuschauergunst und – auch nicht unwichtig – Tabellensituation sehr weit hinten. Während die ehemaligen Erstligisten Zaglebie Sosnowiec (Sosnowitz, viermal polnischer Pokalsieger) und Zawisza Bydgoszcz (Bromberg, nach andauernden finanziellen Turbulenzen mehrfach aufgelöst und neu gegründet) mitunter vor 3000 Zuschauern spielen und andere Vereine zumindest solide dreistellige Kulissen haben, schafft es Slubice meist gerade noch so über die 100. Gegen die Gäste aus Niederschlesien gelingt dies nur aufgrund der abgezählten 39 Miedz-Fans.

Die Mannschaft betreibt zudem wenig Werbung in eigener Sache. In der ersten Halbzeit gelingt den Gastgebern einfach mal gar nichts, es steht 0:1. Danach wird es etwas weniger schlecht. Ein Tor will aber auch dann nicht fallen, als der Ball einem Stürmer zwei Meter vor der Linie vor die Füße fällt. Die meisten Zuschauer streben bereits mehrere Minuten vor dem Abpfiff dem Ausgang zu, verharren dort aber. Vielleicht passiert ja doch noch etwas. In der Tat, allerdings nicht so wie von den meisten Besuchern erhofft: In der 96. Minute fällt durch einen herrlichen Freistoß aus 25 Metern das zweite Tor für Liegnitz. Dass der Schiedsrichter den Ball zwar noch einmal zum Mittelkreis tragen lässt, aber nicht mehr anpfeift, bekommen fast nur noch die Gäste-Anhänger mit, der Rest ist schnellen Schrittes von dannen gezogen. Etwas gemächlicher laufen auch wir zu unserem Auto – und schaffen es gerade noch vor der Schließung des nun leeren Parkplatzes. Wir sind die letzten, die die Ausfahrt passieren. Um 17 Uhr wird dicht gemacht, denn der Markt hat inzwischen zu.

Sebastian Schlichting

Anlaufstelle für Brasilianer

Bebeto, mit komplettem Namen Carlos Alberto Almeida da Mota Oliveira, steht im Kader, Ailton ist dagegen nach der vergangenen Saison gegangen. Andere Brasilianer auch, dafür sind neue gekommen. Polonia Slubice, obwohl nur drittklassig am Ball, ist seit einigen Jahren eine häufig genutzte Anlaufstelle für junge Südamerikaner, die zum Teil die Namen berühmter Fußballer tragen. Sie kommen in der Hoffnung, den Sprung zu höherklassigen Klubs zu schaffen.

Polonia Slubice hat aber auch einige Spieler im Kader, die tatsächlich schon weiter oben gespielt haben: Zum Beispiel Torhüter Tomasz Laskowski (Gornik Zabrze), Ireneusz Marcinkowski (Polonia Beuthen) und Adam Wieckowski (Pogon Stettin). Trainiert wurde die Mannschaft bis Ende der Saison 2009/10, in der sie den zwölften Platz belegte, von Tomasz Wichniarek, einem Cousin des früheren Hertha-Profis Artur Wichniarek, der inzwischen wieder bei Lech Posen spielt.

Seit der Gründung 1945 hat der Verein, der stets in unteren Ligen beheimatet war, zahlreiche Namen getragen. Los ging es als Kotwica (übersetzt Anker) Slubice, danach kamen unter anderem Gwardia, KS Odra und MLKS. Seit 1997 heißt der Klub Miejski KS Polonia Slubice.

Jerzy Chwalek/Sebastian Schlichting

Anfahrt mit dem Regional-Express

Slubice war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Teil von Frankfurt/Oder und hat heute gut 17.000 Einwohner. Das Collegium Polonicum, ein polnisch-deutsches Wissenschaftszentrum, ist dort beheimatet, es gehört zur Europa-Universität Viadrina. Mit der Bahn (RE 1) geht es von Berlin nach Frankfurt/Oder, die Fahrtzeit vom Hauptbahnhof beträgt zirka 70 Minuten. In Frankfurt über die Brücke laufen und dann entweder ein Taxi nehmen oder einen etwa drei Kilometer langen Spaziergang machen. Mit dem Auto nimmt man die A12, fährt hinter der Grenze die erste Ausfahrt raus und folgt der Route 29. Das Stadion liegt nach rund vier Kilometern rechter Hand. Im Stadion selbst werden keine Speisen oder Getränke angeboten, dafür aber günstig im Hotel direkt daneben. In der kleinen Bar stehen etwa 200 Pokale, und jede Menge Wimpel hängen an der Wand (u.a. vom Lichtenrader BC, Warta Posen und dem niederländischen Fußball-Verband). Snacks aller Art gibt es auf dem Markt in der Nähe des Stadions.

Kommentieren

Vermarktung: