Mein Fußball-Woche

22.02.2014

Die Wiedergeburt einer Fußball-Legende

In Frankreich hat der lothringische Traditionsklub FC Metz zum Durchmarsch in die Ligue 1 angesetzt

Auch wenn der Klub in seiner Historie bislang noch keine einzige Landesmeisterschaft hat erringen können, genießt er in ganz Frankreich Respekt und wird zu den stolzesten Fußballklubs der Grande Nation gezählt: der FC Metz, das Fußball-Aushängeschild der politisch so lange umstrittenen Region Lothringen im Nordosten Frankreichs. Ein Verein, der auch schon am Spielbetrieb des Deutschen Fußball-Bundes teilgenommen hat. Das war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und während des Zweiten Weltkriegs, als Lothringen zum Deutschen Reich gehörte. In den 1940er Jahren galten die Lothringer sogar als ärgster Rivale des 1. FC Kaiserslautern, dem es in drei gemeinsamen Gauliga-Spielzeiten nicht gelang, die „Grenats“ („Granatroten“) zu bezwingen.

Gezerre zwischen zwei Nationen

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs litt der Metzer Fußball erheblich unter dem politischen Gezerre um Lothringen. 1912 als „deutsche“ SpVgg Metz gegründet, wurde man nach dem Ersten Weltkrieg zum „französischen“ CA Messin Metz, dessen Fußballabteilung 1932 nach Gründung der französischen Profiliga als FC Metz eigenständig wurde und von 1936 bis 1939 erstklassig war. Nach der Okkupation Lothringens durch die deutsche Wehrmacht musste das Profistatut abgelegt werden und die Messins liefen bis Kriegsende als „deutscher“ FV Metz auf.

Nach der Befreiung nahm man noch 1944 wieder den Namen FC Metz an und gehörte 1945/46 zur Startbesetzung der wiederbelebten französischen Profiliga. Seitdem tragen „les granats“ auch das Wappen mit dem lothringischen Kreuz auf der einen und dem Drachen Graoully auf der anderen Seite. Der Drache lebte der Legende zufolge einst in den Ruinen des römischen Amphitheaters in Metz, ehe er im 3. Jahrhundert vertrieben wurde, was als Sieg des Christentums gefeiert wurde. Anfangs hatten die Lothringer arge Probleme, sportlich mit den großen Klubs in Frankreich mithalten zu können und stiegen 1950 in die Zweitklassigkeit ab. Anschließend entstand ein Team um den jungen Torhüter François Remetter, das nicht nur im ersten Anlauf ins Oberhaus zurückkehrte sondern im Pokal zudem die ruhmreiche Mannschaft von Stade de Reims ausschaltete. Doch erneut reichte es nicht zur Etablierung im französischen Fußball-Oberhaus. 1957/58 kam der erneute Abstieg, und bei einem weiteren Erstligaausflug 1961/62 kassierte der FC Metz beim 2:11 gegen Racing Paris sogar die höchste Niederlage seiner Geschichte.

1969 erstmals im Europapokal

Erst 1967 sollten „les granats“ in die 1. Liga zurückkehren. Es war ein kurioser Aufstieg. Nach einer Niederlage im entscheidenden Match gegen Chaumont war man eigentlich bereits aus dem Aufstiegsrennen ausgeschieden, als herauskam, dass der gegnerische Torhüter nicht spielberechtigt gewesen war. Metz bekam daraufhin die Punkte und feierte den Aufstieg. Im Oberhaus übernahm mit Charles Molinari ein junger Industrieller die Führung über einen Verein, der mit aller Macht die Etablierung in der höchsten Spielklasse anstrebte. Und diesmal klappte es! Nach Platz sechs im Aufstiegsjahr 1967/68 heuerte Molinari mit Georges Zvunka, Gilbert Le Chenadec, Robert Szczepaniak, dem Luxemburger Johny Léonard, Gérard Hausser und Richard Krawczyk gleich sechs Ausnahmespieler an, mit denen der FC Metz 1968/69 Dritter wurde und sich erstmals für den Europapokal qualifizierte.

1971 lotste Molinari mit Nestor Combi einen weiteren Klassespieler nach Metz. Trotz der illustren Namen kamen „les granats“ jedoch nicht über Platzierungen im gehobenen Mittelfeld hinaus und verfehlten die angestrebte Etablierung in der Spitze des französischen Fußballs. Molinari setzte daher neben seiner Rekrutierungspolitik (u.a. kamen der Luxemburger Nico Braun aus Schalke und der Argentinier Hugo Curioni aus Nantes) auch auf eine verstärkte Nachwuchsarbeit, aus der mit Patrick Battiston, Joël Muller und Bernard Zénier drei Ausnahmetalente hervorgingen. Unter Trainer Georges Huart blieben die Messins daraufhin 1974/75 14 Spiele in Folge ungeschlagen und erreichten das Viertelfinale im Pokal, ehe sie 1975/76 sogar ins Halbfinale einzogen (0:2 gegen Lyon) und Huart zum Trainer der Saison gewählt wurde. Metz stand damals für spektakulären Angriffsfußball, der vor allem vom Sturmduo Braun/Curioni getragen wurde.

Angriff auf die Spitze

In der Liga blieb es dennoch bei Mittelfeldplätzen, stand man weiterhin im Schatten der benachbarten Erzrivalen Racing Straßburg und AS Nancy, wo seinerzeit ein junger Mittelfeldspieler namens Michel Platini für Furore sorgte. 1978 wurde Präsident Molinari von Aimé Dumartin abgelöst. Als Wirtschaftschef der Region verfügte er über viele Kontakte und verpflichtete mit dem Niederländer Wim Suurbier, Henryk Kasperczak und Christian Synaeghel aus Saint-Étienne sowie dem angehenden Nationalspieler Philippe Mahut vier weitere Ausnahmekönner, worauf im Stade Saint-Symphorien erstmals Meisterträume aufkamen. Platz fünf unter Trainer Marc Rastoll schürte 1978/79 zwar die Hoffnung, die jedoch abermals enttäuscht wurde, denn trotz aller Anstrengungen kam der FC Metz einfach nicht über die Rolle eines Mitläufers hinaus.

Erste nationale Trophäe

Dafür stand der Klub Anfang der 1980er Jahre vor dem Scherbenhaufen seiner kostspieligen Verpflichtungspolitik. Carlo Molinari kehrte zurück auf den Präsidentensessel des hochverschuldeten Vereins, der notgedrungen auf den eigenen Nachwuchs setzte. Und plötzlich den Durchbruch schaffte! 1984 drangen „les granats“ über Stade Laval und den FC Nantes bis ins Pokalfinale vor, wo sie den AS Monaco mit 2:0 bezwangen. Endlich konnte man seine erste nationale Trophäe in den Schrank stellen, schenkte der FC Metz der ganzen Region Lothringen landesweiten Fußballstolz.

Das Wunder von Barcelona

Unter Trainer Marcel Husson bog der Klub anschließend in die erfolgreichste Epoche seiner Historie ein. Im Oktober 1984 traf er im Europapokal der Pokalsieger auf den FC Barcelona um Bernd Schuster, der den Zweitrundeneinzug nach seinem 4:2-Hinspielsieg in Metz bereits mehr oder weniger im Sack zu haben schien. Doch am 10. Oktober 1984 sorgte der FC Metz für ein Wunder. Zwar ging Barça vor eigenem Publikum in Führung, danach aber spielten nur noch die Granatroten. Herausragend Toni Kurbos, der beim sensationellen 4:1-Erfolg der Lothringer im Camp Nou gleich dreimal traf. In der zweiten Runde scheiterten die Messins dann an Dynamo Dresden.

Es folgten die erfolgreichsten Spielzeiten der Klubgeschichte. 1984/85 Fünfter, anschließend zweimal Sechster, 1987/88 Achter und abermals Pokalsieger nach einem 5:4 im Elfmeterschießen gegen den FC Sochaux. Mit dem Senegalesen Jules Bocandé agierte seinerzeit einer der bis heute populärsten Spieler im Angriffszentrum der Messins, an dessen Seite Didier Six stürmte. Metz war endlich „oben“ angekommen.

Ganz dicht am ersten Meistertitel

Der zweite Pokalsieg markierte aber auch das Ende der großen Epoche. 1988/89 rutschten „les granats“ auf Platz 15 zurück und verharrten anschließend erneut im Mittelmaß. Mitte der 1990er Jahre blitzte der alte Glanz noch einmal auf, qualifizierte man sich zwischen 1996 und 1998 dreimal in Folge für den UEFA-Cup oder die Champions League. 1997/98 waren die Messins sogar ganz nah am Titeltraum, doch in der Schlussabrechnung hatte Racing Lens aufgrund des Torverhältnisses die Nase vorn.

Junger Angreifer namens Ribéry

2002 dann der Schock, als nach 35 Jahren in der Division 1 der Abstieg kam. Anschließend pendelte der FC Metz, für den 2004/05 ein junger Angreifer namens Franck Ribéry auflief, zunächst noch ein paar Jahre zwischen zweiter und erster Liga (Abstiege 2006 und 2008), ehe er 2011 mit einer vor allem aus eigenen Nachwuchsspielern bestehenden Elf selbst in der 2. Liga erstmals um den Klassenerhalt zittern musste. Ein Jahr nachdem 24.000 Fans ein den Klassenerhalt sicherndes 3:0 gegen Nîmes gefeiert hatten, war es soweit. Nach einer katastrophalen Rückrunde waren „les granatas“ mit einer 2:5-Heimniederlage gegen Guingamp am drittletzten Spieltag erneut auf einen Abstiegsplatz gerutscht, als das Unfassbare am 11. Mai 2002 nach dem 0:1 in Arles-Avignon feststand: der FC Metz war nur noch drittklassig!

Als Vizemeister gelang 2012/13 die von einer enormen Euphorie begleitete direkte Rückkehr in die Ligue 2, wo sich das mit vielen eigenen Nachwuchsspielern bestückte Team gegenwärtig große Hoffnungen machen darf, einen Durchmarsch in die Ligue 1 hinzulegen. Es wäre die wohl in ganz Frankreich begrüßte Wiedergeburt einer Fußball-Legende.

Die größten Erfolge des FC Metz

Französischer Pokalsieger: 1984, 1988.
Französischer Pokalfinalist: 1938.
Französischer Vize-Meister: 1998.
Französischer Ligapokalsieger: 1996.
Gründungsmitglied der französischen Profiliga 1932.
Längste ununterbrochene Erstligazugehörigkeit: 1967 bis 2002.

Die prominentesten ehemaligen Spieler

Henri Baillot (Torjäger und Nationalspieler – zweite Hälfte der 40er Jahre); Jules Bocandé (Torjäger und Nationalspieler Senegal); Nico Braun (Nationalspieler Luxemburg, einer der besten Torschützen der Vereinsgeschichte); Philippe Gaillot (423 Ligaeinsätze für den FC Metz; Sylvain Kastendeuch (Liga-Rekordspieler des Vereins mit 440 Erstligaeinsätzen; Nationalspieler); Ignace Kowalczyk (Spielmacher vor und nach dem Zweiten Weltkrieg; Nationalspieler); „Tony“ Kurbos (Rekordtorschütze in einem Spiel – sechs Treffer – der Division 1); Robert Pirès (französischer Nationalspieler; Weltmeister 1998 und Europameister 2000); François Remetter (französischer Nationaltorhüter bei den Weltmeisterschaften 1954 und 1958); Franck Ribéry (französischer Nationalspieler); Jeff Strasser (Rekordnationalspieler Luxemburgs) sowie u.a. Emmanuel Adebayor, Anthony Baffoe, Papiss Demba Cissé, Louis Saha, Rigobert Song, Edmund Weiskopf.

Das Stadion

Der FC Metz trägt seine Heimspiele im 1923 eröffneten, zurzeit 26.700 Zuschauer fassenden Stade Saint-Symphorien im Vorort Longeville-lès-Metz aus.

Von Hardy Grüne

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