Mein Fußball-Woche

14.01.2013

Die Urzelle des schwedischen Fußballs

Die fetten Jahre sind für Örgryte Göteborg schon lange vorbei, doch der größte Traditionsklub des Landes hat sich aufgerappelt

Die DVD ist noch beim Fanklub Balders Hage im Online-Shop erhältlich. Für 300 Kronen, was zirka 35 Euro entspricht. Zu sehen ist der bis dato größte Triumph von Örgryte Göteborg – der Gewinn der schwedischen Meisterschaft 1985. Ein Titel, der die Rot-Blauen schon für sich allein mit Stolz erfüllt. In besonders schöner Erinnerung ist die Meisterschaft aber noch aus einem anderen Grund. Denn ÖIS, wie der Klub abgekürzt genannt wird (Idrottssällskap = Sportgesellschaft oder auch Sportverein), errang sie im direkten Duell mit IFK Göteborg, dem großen Rivalen in der westschwedischen Hafenstadt. 4:2 siegte Örgryte im Final-Hinspiel der Meisterschafts-Play-offs, was im Rückspiel (3:2 für IFK) reichte. Insgesamt verfolgten 69.000 Zuschauer die beiden dramatischen Endspiele im Nya Ullevi, der WM-Arena von 1958.

Neubeginn nach Konkurs

Von solchen großen Fußballtagen sind die Rot-Blauen zurzeit weit entfernt. Die Erfolge fallen bescheidener aus, seit der Klub (besser: die Aktiengesellschaft) 2011 in Konkurs ging und ÖIS in die Drittklassigkeit (zwangs-)absteigen musste. Immerhin konnte in diesem Jahr endlich wieder gefeiert werden: Als Tabellenerster der Divison 1 Södra (Süd) schaffte der nach dem Göteborger Stadtteil Örgryte benannte Klub im zweiten Anlauf die Rückkehr in die 2. Liga, die Superettan. Ein Aufstieg, den Fußball-Schweden mit Wohlwollen begleitete. Denn Örgryte ist nicht irgendein Verein im Land der Tre Kronor (Drei Kronen), sondern der Verein schlechthin, gewissermaßen die Urzelle des schwedischen Fußballs – und für nicht wenige Fans, so sie denn nicht selbst eingefleischte Örgryte-Anhänger sind, so etwas wie der sympathische Zweit-Verein. Liebling Örgryte.

Erster Fußballklub Schwedens

Mehr Tradition geht nicht im Fußball der sportbegeisterten Nation. Vor mehr als 125 Jahren (am 4. Dezember 1887) gegründet, bestritt Örgryte am 22. Mai 1892 das erste nach den offiziellen Regeln durchgeführte Fußballspiel in Schweden und gewann es 1:0 gegen Lyckans Soldater. Es war der Auftakt einer beispiellos erfolgreichen Ära: ÖIS dominierte die Frühzeit des schwedischen Fußballs, war eine Klasse für sich. „Röd-blått“ (Rot-Blau) gewann die ersten vier der seit 1896 im Cup-Modus ausgespielten Landesmeisterschaften und holte bis 1912 elf der ersten 16 nationalen Titel. Kurios und bezeichnend zugleich: Im Endspiel 1897 standen sich ÖIS I und ÖIS II gegenüber. Drei weitere Meisterschaften folgten nach Gründung der gesamt-schwedischen Liga Allsvenskan (1926, 1928, 1985).

Bis 1908 spielten die Rot-Blauen in Göteborg auf dem Sportplatz Balders Hage, nach dem die offizielle und größte Fanvereinigung Örgrytes benannt ist. In diesem Jahr wird sie 62 Jahre alt – außergewöhnlich für einen Fanklub. Auf Tradition wird bei ÖIS großer Wert gelegt. Denn bei Örgryte fing alles an: Der Sportplatz Balders Hage war Austragungsstätte des ersten Länderspiels der schwedischen Nationalmannschaft. Norwegen wurde dort am 12. Juli 1908 mit 11:3 bezwungen. Örgrytes Mitgründer und Vorsitzender (bis 1924) Wilhelm Friberg leitete als Chef von 1908 bis 1917 auch den schwedischen Fußball-Verband.

Aktuell (Stand 29. Dezember 2012) sind bei Balders Hage 1102 Mitglieder organisiert. Zweitgrößte Fanorganisation ist die Ultra-Gruppierung „Inferno Örgryte“. Im Gegensatz zu den Lokalrivalen IFK und GAIS ist Örgryte – zumindest historisch gesehen – kein Arbeiterverein, sondern eher der Klub der betuchten Leute. Was die Popularität anbelangt, steht ÖIS seit mehr als drei Jahrzehnten im Schatten von IFK, dem zweimaligen UEFA-Cup-Sieger (1982, 1987) und Champions-League-Viertelfinalisten (1994/95).

Zuschauerboom in den 50er Jahren

Dennoch genießen die Rot-Blauen in Göteborg und in ganz Schweden ein hohes Ansehen. Über ÖIS wird mit Respekt gesprochen, in der jüngsten Vergangenheit vielleicht auch mal mit Bedauern oder Mitleid, aber ohne Häme. Örgryte hat zu viel Charme, um als Feindbild zu taugen. Und in der Blütezeit des schwedischen Fußballs von Ende der 40er bis Anfang der 60er Jahre (Goldmedaille bei Olympia 1948 in London, Vize-Weltmeister 1958 im eigenen Land) konnte sich ÖIS über massenhaften Zulauf freuen, war in der Zuschauergunst die Nummer eins im Land.
Aus dieser Zeit stammen Örgrytes sagenhafte Zuschauerrekorde. 31.597 Fans im Zweitliga-Duell mit Elfsborg Borås stellten 1957 den Besucherrekord im Gamla (Alten) Ullevi auf. 46.405 sahen am 11. Oktober 1958 im Nya Ullevi das Aufstiegsspiel zur Allsvenskan (1. Liga) gegen Landskrona BoIS (5:0, Rückspiel 1:0), 52.194 Zuschauer im Jahr darauf das Erstliga-Derby gegen IFK. Eine Legende meldete sich nach 19 Jahren zurück: Erstmals seit dem Abstieg 1940 gehörten die Rot-Blauen wieder zur Eliteklasse des Landes. Und die Göteborger rannten dem von Schwedens Fußball-Ikone Gunnar Gren trainierten Klub die Bude ein. Gren, beim legendären 3:1 gegen Deutschland im WM-Halbfinale 1958 Schütze des 2:1, kam bei den Rot-Blauen sporadisch auch als Spielertrainer zum Einsatz. In der auf das Kalenderjahr umgestellten Saison 1959 betrug Örgrytes Besucherschnitt bei den Heimspielen 25.490 – bis heute Schwedens Rekordmarke, die ÖIS nicht annähernd wieder erreichte. Zum Vergleich: Als der Klub 2000 zum ersten und bislang einzigen Mal den schwedischen Landespokal im Finale gegen AIK Solna gewann (2:0 in Stockholm, 0:1 im Rückspiel in Göteborg), waren nur noch 5013 Fans Augenzeugen des Triumphes.

Allbäck – Mitglied schon als Kind

Örgryte steht nicht nur für Tradition, sondern auch für eine familiäre Klubatmosphäre (mit dem idyllisch außerhalb der Stadt gelegenen Trainingszentrum ÖIS-gården) sowie für eine enge Bindung von Spielern und Trainern an den Klub. Bestes Beispiel dafür ist der frühere Bundesliga-Profi Marcus Allbäck, der 2004/05 für Hansa Rostock spielte. Der 1973 in Göteborg geborene Stürmer (schwedischer Torschützenkönig 1999) ist seit seiner Kindheit Mitglied von Örgryte, schon sein Vater spielte für ÖIS. Sohn Marcus schoss von 1992 bis 1997 in 139 Spielen insgesamt 52 Tore für die Rot-Blauen und kehrte zweimal zu ihnen für jeweils zwei Saisons zurück: von 1999 bis 2000 (64 Einsätze, 34 Tore, Pokalsieg) und von 2008 bis 2009 (30 Einsätze, acht Tore). Mit Allbäck schaffte Örgryte 2008 die Rückkehr in die Allsvenskan. Eine schwere Knieverletzung des Kapitäns im Frühjahr 2009 war dann jedoch mitentscheidend für den sofortigen Abstieg der Göteborger, von dem sie sich bis heute nur mühsam erholen.

Gute Jahre unter Erik Hamrén

Allbäck (73 Länderspiele, 30 Tore) arbeitet heute im Stab des schwedischen Nationaltrainers Erik Hamrén, den er aus gemeinsamen Zeiten bei ÖIS bestens kennt. Hamrén war von 1998 bis 2003 Trainer von Örgryte, führte den Klub in dieser Zeit zum Pokalsieg 2000, in die Spitzengruppe der Allsvenskan, zu Platz drei in der Meisterschaft 2002 (Besucherschnitt 8750) sowie zu Rang vier 1999 und 2003. Örgryte war in diesen Jahren die Nummer eins im Göteborger Fußball und sanierte sich am Ende der Saison 2000 durch die Transfers der Topstars Marcus Allbäck und Johan Elmander.
Zu der spielstarken, mit attraktivem Offensivfußball begeisternden Mannschaft gehörte ab 2002 Afonso Alves. Der spätere schwedische Meister (2004 mit Malmö FF) und brasilianische Nationalspieler brachte es in seiner ersten Saison bei Örgryte auf die stolze Quote von 13 Treffern in 18 Punktspielen. Highlight des Jahres waren die überfallartigen Angriffe, mit denen Stadtrivale IFK überrannt wurde – Endstand 5:2.

Gegen BFC Dynamo und HSV

Der letzte große internationale Auftritt der Rot-Blauen liegt mittlerweile mehr als zwölf Jahre zurück. Allerdings scheiterte Örgryte 2000/01 nach erfolgreicher Qualifikation gegen den FC Coleraine aus Nordirland schon in der 1. Runde des UEFA-Pokals an Rapid Wien. Nicht besser war es den Schweden 1986/87 im Europapokal der Landesmeister gegen den BFC Dynamo (2:3, 1:4) und 1989/90 im UEFA-Cup gegen den Hamburger SV (1:2, 1:5) ergangen. Es dürfte noch eine Weile dauern, ehe Örgryte erneut Klubs aus Europa zu Pflichstspielen empfängt. Aber immerhin kommen in der am 8. April beginnenden Saison 2013 wieder prominentere Gegner wie Hammarby, Landskrona, Örebro und Halmstad ins Gamla Ullevi, dessen Neubau 2009 eröffnet wurde. Und es gibt am 6. Mai sogar ein kleines Göteborger Derby mit Allsvenskan-Absteiger GAIS. Wem das nicht reicht, der muss dann doch noch einmal die DVD von Balders Hage einlegen…

Örgryte IS: Zahlen und Namen

Schwedischer Meister: 1896, 1897, 1898, 1899, 1902, 1904, 1905, 1906, 1907, 1909, 1913, 1926, 1928, 1985.

Schwedischer Pokalsieger: 2000.

Jahre in der 1. Liga (Allsvenskan): 1924– 1940, 1959–1968, 1970–1973, 1975/76, 1981–1990, 1993, 1995–2006, 2009.

Prominente Spieler: Carl-Erik Holmberg (schwedischer Torschützenkönig 1925/26, 1927/28, 1931/32), Rune Börjesson (schwedischer Torschützenkönig 1959 und 1960), Agne Simonsson (bei Örgryte von 1959 bis 1960 und von 1963 bis 1970), Sören Börjesson (schwedischer Mit-Torschützenkönig 1985), Anders Limpar (bei Örgryte von 1986 bis 1988), Marcus Allbäck (schwedischer Torschützenkönig 1999), Afonso Alves (bei Örgryte von 2002 bis 2003).

Prominente Trainer: Herbert Chapman (1933), Gunnar Gren (1956–1959), Karl Adamek (1960), Agne Simonsson (1983–1986), Torbjörn Nilsson (1991–1993), Erik Hamrén (1998–2003).

Prominenter Leichtathlet: Patrik Sjöberg (Hochsprung-Weltmeister 1987).

Spielstätte: Gamla Ullevi (18.800 Plätze).

Fan-Treff vor den Heimspielen: „The Flying Scotsman" (Pub und Restaurant, Storgatan 45, Stadtzentrum, täglich ab 16 Uhr geöffnet, sonntags geschlossen).

Internet-Adresse: www.ois.se

Fanklub Balders Hage: www.oissupporter.se

Von Horst Bläsig

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