Mein Fußball-Woche

25.04.2014

Die unabsteigbaren Kronprinzen

Der frühere Europacupsieger FC Aberdeen hat sich zu Schottlands Nummer zwei entwickelt

Zur Millenniumswende hatten sie in Aberdeen schon befürchtet, es sei vorbei mit ihrem stolzen Fußballklub. Sportlich und wirtschaftlich lag der Aberdeen FC völlig am Boden. Drohte zu zerbrechen an einer unerquicklichen Mischung aus selbstgemachten Problemen, strukturellen Umbrüchen in der einstigen Industrienation Schottland sowie einer Übermacht durch die beiden führenden Klubs Glasgow Rangers und Glasgow Celtic, in deren Schatten jeder andere ambitionierte Verein in Atemnot geriet. In Schottland kämpften die Klubs abseits der „Old Firm“ seinerzeit nicht um die Meisterschaft, sondern um Platz drei nach Rangers/Celtic – und das war selbst den bekannt stoisch treuen schottischen Fans nicht wirklich zu vermitteln.

Steigen wir hinab in die Geschichte und machen uns auf die Suche nach den goldenen Tagen eines Klubs, der phasenweise Schottlands internationales Aushängeschild war. Aberdeen ist die nördlichste Erstligastadt Großbritanniens und zugleich die Ölmetropole des Vereinigten Königreiches. 1881 entstand dort ein Aberdeen FC genannter Verein, der sich am 14. April 1903 mit zwei weiteren Mannschaften vereinte und 1904 der schottischen Fußballliga beitrat. Die war bereits 1890 gegründet worden und deckte vor allem den hochindustrialisierten Großraum Glasgow, Edinburgh und Dundee ab.

Erster Landesmeistertitel 1955

Seit 1903 im bis heute genutzten Pittodrie Stadium ansässig, kamen „the Dons“ bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs nicht über eine Mitläuferrolle im schottischen Oberhaus hinaus. Zugleich sind sie seitdem aber auch fester Bestandteil der höchsten Spielklasse, aus der sie niemals abstiegen – das gelang in Schottland sonst nur Celtic! Nach dem Zweiten Weltkrieg drangen die Rot-Weißen dann in die absolute Elite vor. 1947 sicherte sich Aberdeen unter seinem langjährigen Trainer Dave Halliday mit einem 2:1 im Pokalfinale gegen Hibernian Edinburgh erstmals den schottischen Landespokal und durchbrach 1955 die Phalanx der führenden Teams Celtic, Rangers und Hibs, um sich erstmals die Landesmeisterschaft in den Trophäenschrank stellen zu dürfen. Zentraler Leistungsträger war der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von Queen‘s Park Glasgow nach Aberdeen gewechselte George Hamilton, der bis heute einen Ehrenplatz in der Geschichte der Dons einnimmt.

Verzicht auf den Europapokal

Aberdeens Pittordie Stadium wurde seinerzeit als „Fortress Pittordie“ bezeichnet, denn im Verlauf der Meistersaison hatte das Halliday-Team lediglich eine Heimniederlage bezogen. Ausgesprochen tragisch aus heutiger Sicht die Entscheidung der Klubführung, 1955 als Landesmeister nicht am erstmals ausgespielten Europapokal der Landesmeister teilzunehmen, weil man den Wettbewerb als nicht attraktiv genug befand. Statt Aberdeen nahm Hibernians teil und traf in der ersten Runde auf den damaligen Deutschen Meister Rot-Weiss Essen.

Der Titelgewinn entpuppte sich jedoch als Eintagsfliege. Mit Trainer Halliday und George Hamilton verließen zwei Eckpfeiler des Erfolges den Klub nach Ende der Meistersaison. Unter Halliday-Nachfolger Davie Shaw gewann Aberdeen zwar 1956 den Ligapokal und drang 1959 erneut ins Pokalfinale vor (1:3 gegen St. Mirren), es sollte jedoch bis 1967 dauern, ehe ein erneuter Pokalfinalauftritt den Fokus abermals auf Aberdeen lenkte.

Drei Jahre nach der damaligen 0:2-Finalniederlage gegen die „Lisbon Lions“ von Celtic Glasgow durften the Dons dann 1970 endlich auch wieder ihren Trophäenschrank öffnen, als man sich unter Trainer Eddie Turnbull mit einem 3:1-Finalsieg über Celtic zum zweiten Mal den Landespokal sicherte. Neben Torjäger Joe Harper trugen seinerzeit Größen wie Martin Buchan und der Ungar und frühere Herthaner Zoltán Varga das rote Jersey der Nordschotten.

Goldene Zeiten mit Alex Ferguson

1978 übernahm ein junger und weitgehend unbekannter Trainer die Übungsleitung im zeitgleich in das erste „all seater-Stadion“ von Großbritannien verwandeltes Pittordie. Sein Name: Alex Ferguson. Gleich im ersten Jahr führte Ferguson the Dons ins Ligapokalfinale (1:2 gegen Rangers), ehe er 1980 zum zweiten Mal die Landesmeisterschaft nach Aberdeen holte. Ferguson hatte ein Team zusammengestellt, das Geschichte schreiben sollte. Jim Leighton, Willie Miller, Alex McLeish und Gordon Strachon bildeten das Gerüst eines Teams, das die 1980er Jahre im schottischen Fußball prägte und neben zwei weiteren Landesmeisterschaften 1984 und 1985 sowie drei Pokalsiegen in Folge (1982–84) im Europapokalwettbewerb der Pokalsieger 1982/83 seinen Zenit erreichen sollte.

Triumphe über Bayern und Real

Über den FC Sion, Dinamo Tirana und Lech Posen drang die Ferguson-Elf bis ins Viertelfinale vor, wo sie auf den deutschen Cupsieger Bayern München traf. Nach einem torlosen Unentschieden in München kämpfte sich Aberdeen mit einem rassigen 3:2 auf eigenem Platz ins Halbfinale, wo man auf den belgischen Vertreter Thor Waterschei traf und beim 5:1-Hinspielerfolg einen perfekten Tag erwischte. Im Finale am 11. Mai 1983 schlugen the Dons dann durch Treffer von Eric Black und John Hewitt selbst die Königlichen von Real Madrid und holten mit ihrem 2:1-Sieg zum dritten Mal eine europäische Vereinstrophäe nach Schottland. Gekrönt wurde die Erfolgssaison mit einem Sieg im europäischen Supercupfinale über den Landesmeistersieger Hamburger SV, wodurch Aberdeen endgültig auf eine Ebene mit Celtic (Landesmeisterpokalsieger 1967) und Rangers (Pokalsiegergewinner 1972) kletterte.

1984 errangen the Dons als bis heute einziges Team außerhalb von Glasgow das schottische Double und drangen im Landesmeisterwettbewerb bis ins Halbfinale vor, wo sie am FC Porto scheiterten. Als 1986 mit einem 3:0-Finalsieg über Hearts of Midlothian zum sechsten Mal der Pokal ins Pittordie Stadium ging, war dies der letzte Triumph unter Alex Ferguson. Der eigenwillige Schotte hatte sich durch die Erfolge auf die Wunschliste diverser namhafter englischer Vereine gebracht. Als er im November 1986 zu Manchester United wechselte, kehrte in Aberdeen wieder der Alltag ein. Mit Nachfolger Ian Porterfield, wie dereinst Ferguson ein junger und weithin unbekannter Coach, begann eine Reihe von Trainerwechseln, denen eins gemein war: relative Erfolglosigkeit.

Rettung im Entscheidungsspiel

1989/90 schien das Trainerduo Alex Smith und Jocky Scott die Wende zu bringen. Angeführt von den beiden Niederländern Theo Snelders und Hans Gillhaus gewann Aberdeen sowohl den Pokal als auch den Ligapokal, ehe man sich 1990/91 ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen um die Landesmeisterschaft mit den Rangers lieferte, das unglücklich verloren ging. 1992 übernahm Willi Miller das Team, stand zweimal in Folge abermals kurz vor dem Titelgewinn, ehe er 1995 gehen musste, nachdem die in den Abstiegsstrudel geratenen Dons erst im Entscheidungsspiel gegen Dunfermline Athletic ihren Erstligastatus gewahrt hatten.

Inzwischen waren über dem Pittordie Stadium dunkle Wolken aufgezogen. Vor allem der Bau der großen Hintertortribüne riss ein Loch in die Kasse. Das hatte auch sportliche Folgen. 1999/2000 erreichte Aberdeen zwar sowohl Pokal- als auch Ligapokalfinale, landete in der Liga jedoch auf dem letzten Platz und schien dem ersten Abstieg der Klubgeschichte geweiht. Doch weil die Liga auf zwölf Klubs aufgestockt wurde, durfte man gegen Zweitligist Falkirk um den Erstligastatus spielen. Weil Falkirk wegen Stadionproblemen gar nicht erst antrat, war Aberdeen gerettet.

0:9-Pleite gegen Celtic

Erst 2006/07 zeigten sich the Dons unter Trainer Jimmy Calderwood allmählich etwas erholt und qualifizierten sich als Dritter für den UEFA-Cup, wo man zunächst Dnipro Dnipropetrovsk und den FC Kopenhagen ausschaltete, ehe gegen Bayern München das Aus kam. Wenige Stunden, nachdem Calderwood Aberdeen 2009 dann mit Platz vier erneut in den UEFA-Cup geführt hatte, wurde er jedoch überraschend entlassen. Unter Nachfolger Mark McGhee, einst als Spieler gescheiterter Hoffnungsträger beim HSV, geriet Aberdeen abermals in die Krise. Tiefpunkt war die 0:9-Pleite gegen Celtic am 6. November 2010. Vier Wochen später musste McGhee gehen. Erst unter seinem Nachfolger Craig Brown stabilisierte sich der Klub wieder, und als die insolventen Rangers 2012 aus der ersten Liga ausscheiden mussten, wurden die Karten in Schottlands Topliga gänzlich neu gemischt. Unter Derek McInnes ist Aberdeen nunmehr zumindest wieder Kronprinz hinter Celtic – mehr ist wohl nicht drin.

Die größten Erfolge des FC Aberdeen

Europacupsieger der Pokalsieger: 1983.
Europäischer Supercup-Sieger: 1983.
Schottischer Landesmeister: 1955, 1980, 1984, 1985.
Schottischer Pokalsieger: 1947, 1970, 1982, 1983, 1984, 1986, 1990.
Schottischer Ligapokalsieger: 1956, 1977, 1986, 1990, 1996.

Von Hardy Grüne

.

Kommentieren

Vermarktung: