Mein Fußball-Woche

13.03.2013

Die tiefen Wunden der verlorenen Endspiele

Sheffield United zählt zu den großen Traditionsklubs in England, doch in den entscheidenen Momenten siegen seit Jahren fast immer die anderen

Es ist kalt an diesem Dienstagabend. Und das Spiel kann die fröstelnden 16.540 Zuschauer nicht erwärmen. Sheffield, Nordengland, Ende Februar: In League One, die nicht – wie der Name suggeriert – die erste, sondern nur die dritthöchste Liga des Landes ist, trennen sich Sheffield United und Leyton Orient in einer Partie mit geringem Unterhaltungswert 0:0. Die Gäste aus London haben massiv und geschickt verteidigt, der favorisierten Heimmannschaft fehlten – nicht zum ersten Mal in dieser Saison vor eigenem Publikum – die Ideen und die Klasse, um das Bollwerk zu überwinden.

Sheffield United büßt an diesem Abend die Tabellenführung an den Nachbarn Doncaster Rovers ein. Die Chance auf einen der beiden Direkt-Aufstiegsplätze besitzt der Klub aus der Grafschaft Yorkshire aber nach wie vor. Das zweite Jahr schon müssen sich die Blades (deutsch: Klingen) aus der Steel City, der einstigen Stahlmetropole, in der League One herumschlagen. Anderen großen Klubs in England erging es in der jüngeren Vergangenheit nicht besser: Leeds United, Birmingham, Nottingham Forest, Stoke, Manchester City und auch Uniteds „Erbfeind“ Sheffield Wednesday – sie alle stürzten schon in die Drittklassigkeit und nicht jeder von ihnen kam sofort wieder hoch.

Ältestes Stadion der Welt

Vor sechs Jahren spielte Sheffield United noch in der Premier League, war der Klub endlich dort wieder angekommen, wo er nach seinem Selbstverständnis auch hingehört. 60 Spielzeiten verbrachten die Blades seit 1893 in der höchsten englischen Liga. Was sein Potenzial anbelangt, gilt der Verein in England als „big club“. Ein „Großer“ ist auch Lokalrivale Wednesday. Beide Klubs brachten es in der vergangenen Saison in der drittklassigen League One zusammen auf einen Zuschauerschnitt von 40.037. Woran zu erkennen ist, wie fußballverrückt das auf sieben Hügeln errichtete Sheffield ist. Hier hat der Fußball seine Wurzeln, wurde 1857 mit dem Sheffield FC der erste Fußballklub der Welt gegründet. Und hier steht in der Innenstadt die älteste, professionell genutzte Fußball-Arena der Welt. In dem von den Fans liebevoll „Beautiful Downtown Bramall Lane“ genannten Stadion spielt der Sheffield United FC seit 1889. Bis 1973 bildete ein Cricket Pavillon die Südseite des Stadions, in dem auch der „Yorkshire County Cricket Club“ beheimatet war. Er gründete 1889 auch den SUFC.

Uniteds erfolgreichste Zeiten liegen lange zurück, der bis heute letzte große Titel war der Gewinn des FA Cup, des englischen Pokals, 1925. Seit dem Abstieg aus der alten First Division 1976 sind die Erstliga-Jahre der Blades an einer Hand abzuzählen: Genau fünf waren es, darunter drei in der Premier League. Deren erstes Tor überhaupt schoss am 15. August 1992 Brian Deane für SheffU beim 2:1-Sieg gegen Manchester United.

Der Günter Netzer von Sheffield

„Dino“ galt jahrelang als der Publikumsliebling an der Bramall Lane, gefeiert wie einst Tony Currie, das legendäre Idol der Blades in den 70er Jahren. Currie war der Günter Netzer von Sheffield: Ein offensiver Mittelfeldspieler mit schulterlangen, wehenden blonden Haaren, mit exzellenter Ballkontrolle und der bei ihm locker anmutenden Gabe, den kurzen oder langen tödlichen Pass zu spielen. Currie, dem nachgesagt wurde, er strenge sich im Training zu wenig an und er würde ungern Anweisungen befolgen, war der Star der Aufstiegsmannschaft von 1971, die in der First Division mit 18:2 Punkten aus den ersten zehn ungeschlagenen Spielen für Furore sorgte und bis in den Oktober hinein an der Spitze stand.

Der vorerst letzte Aufenthalt der Blades in der Beletage des englischen Fußballs 2006/07 währte dagegen nur eine Saison. Denn am letzten Spieltag stieg United auf ähnlich grausame Weise aus der Top-Liga ab wie schon beim Saisonfinale 1993/94. In entscheidenden Momenten auf tragische Weise zu scheitern, ist in den zurückliegenden 20 Jahren wohl keinem englischen Profiklub so oft passiert wie Sheffield United. Pech, Fremdbetrug und eigenes Versagen: Alles war mit im Spiel, hat den Klub sportlich und wirtschaftlich weit zurückgeworfen.

Abstiege am letzten Spieltag

Rückblende, 7. Mai 1994, ein sonniger Samstag: Der letzte Spieltag der Premier League steht ganz im Zeichen des Abstiegskampfs. Gesucht wird der dritte Absteiger neben Swindon Town und Oldham Athletic, das mit 39 Punkten nur noch eine klitzekleine Chance auf den Klassenerhalt hat. Vier Klubs davor müssen bangen: Everton (41 Punkte), Ipswich Town, Sheffield United und Southampton (alle 42).

Der Nachmittag wird zum traumatischen Erlebnis für die United-Fans. Zunächst läuft alles bestens. Eine Viertelstunde vor Schluss führt United an der Stamford Bridge beim FC Chelsea 2:1. Ein Resultat, das in jedem Fall reichen würde. Und die anderen Zwischenstände scheinen den Blades in die Hände zu spielen. So führt Wimbledon beim FC Everton, dem der erste Abstieg seit 40 Jahren droht, nach 20 Minuten 2:0. Erst ein Elfmeter, den die inoffizielle Everton-Homepage „Followtonians“ als einen der dubiosesten, aber willkommensten der 135-jährigen Vereinshistorie bezeichnet, bringt den Liverpooler Klub auf 1:2 heran. In der 67. Minute fällt der Ausgleich im Goodison Park. Er reicht Everton aber noch nicht.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. 77. Minute: Mark Stein gleicht für Chelsea zum 2:2 gegen SheffU aus. 81. Minute: 3:2 für Everton, weil Wimbledon-Keeper Hans Segers einen harmlos anmutenden Ball passieren lässt. Zwei Jahre später spielt diese Szene eine Rolle, als der Niederländer im Zentrum der Ermittlungen wegen Wettmanipulationen steht. Beweisen lässt sich nichts, Segers wird vor Gericht freigesprochen.

Aufgrund des schlechteren Torverhältnisses steht nun plötzlich Ipswich (0:0 in Blackburn) auf dem dritten Abstiegsplatz. Sheffield United reicht das Unentschieden bei Chelsea. Es läuft die Nachspielzeit. Von der Bank bekommen die United-Spieler die Fehlinformation, dass sie ein Siegtor benötigen, weil alle Konkurrenten in Führung liegen würden. United drängt nach vorn – und läuft in einen Konter. 3:2 für Chelsea durch Mark Stein.

Die Blades sind abgestiegen. „Wenn du russisches Roulette spielst, bekommst du auch mal die Kugel“, sagt Trainer Dave Bassett. Er hatte den Verein 1989 und 1990 zu zwei Aufstiegen in Folge geführt und war drei Erstliga-Spielzeiten hintereinander in spektakulären Aufholjagden dem Abstieg entkommen.

1994 kann niemand ahnen, dass die Blades zwölf Jahre zur Rückkehr in die Premier League benötigen werden. Zweimal erreichen sie in diesem Zeitraum das Finale der Aufstiegs-Play-offs. Es passt zu United, dass das 97er Endspiel in Wembley gegen Crystal Palace in letzter Sekunde 0:1 verloren geht. 2003 heißt es in Cardiff 0:3 gegen Wolverhampton. Drei Jahre später gelingt dann endlich unter dem in Sheffield geborenen, bekennenden United-Fan Neil Warnock (jetzt Trainer in Leeds) der Aufstieg. In der Premier League sieht es für den Neuling nach dem 2:1 gegen Tottenham am 7. Februar 2007 gut aus. Zehn Punkte Vorsprung hat United (30) gegenüber der Abstiegszone mit West Ham United, Charlton Athletic (beide 20) und Watford (18). Doch der Vorsprung schmilzt und alles scheint sich wieder gegen den rot-weiß-gestreiften Männer aus South Yorkshire verschworen zu haben. So rettet sich Fulham am vorletzten Spieltag auch deshalb, weil beim 1:0 gegen Liverpool der Gegner mit Blick auf das Champions-League-Finale ein B-Team auf den Rasen schickt.

Dennoch hat United den Klassenerhalt am letzten Spieltag in der eigenen Hand. Im Heimspiel gegen Wigan (35 Punkte) reicht den Blades (38) bereits ein Remis. Und selbst eine Niederlage wäre zu verkraften, wenn West Ham (ebenfalls 38, aber schlechtere Tordifferenz) erwartungsgemäß beim zu Hause während der gesamten Saison unbesiegten Meister Manchester United verlieren würde. All das aber tritt nicht ein. United verspielt seinen Premier-League-Status auf unfassbare Weise. 0:1 liegen die Blades hinten, gleichen aus, geraten durch einen Elfmeter ihres ehemaligen, während der laufenden Saison nach Wigan gewechselten Spielers David Unsworth erneut in Rückstand, treffen den Innenpfosten, spielen in der letzten Viertelstunde gegen zehn Mann, treffen noch einmal die Latte – und gehen als Absteiger vom Platz.

Auch weil sich in Manchester zeitgleich eine Sensation abspielt. Der Argentinier Carlos Tévez schießt den Siegtreffer für West Ham im Old Trafford. Doch die Sache bekommt einen faden Beigeschmack. Wie sich herausstellt, stand Tévez bei West Ham gar nicht unter Vertrag. Die Transferrechte lagen bei einer Investmentgesellschaft, der Verein hatte lediglich das Gehalt übernommen. Dieser illegale Verstoß – Dritte dürfen bei Transfers nicht mitkassieren – müsste von der Premier League normalerweise mit einem Punktabzug bestraft werden, die Liga beschränkt sich jedoch auf ein Bußgeld in Höhe von umgerechnet rund acht Mio. Euro. Und die böse Geschichte bekommt noch ihre üble Pointe: Wochen später wechselt Tévez von West Ham zu – man mag's kaum glauben – ManU.

Der Absteiger aus Sheffield klagt vergeblich auf Wiederaufnahme in die Premier League, einigt sich aber mit West Ham 2009 auf eine Entschädigungszahlung in Höhe von umgerechnet zirka 30 Mio. Euro, was einem Schuldeingeständnis der Londoner gleichkommt. In die Premier League ist Sheffield United bis heute nicht zurückgekehrt. 2009 geht auch das dritte Play-off-Finale in Wembley 0:1 gegen den Außenseiter Burnley verloren, 2011 folgt der Abstieg in die League One. Und was sich dort in den letzten Wochen der Saison 2011/12 abspielt, ist für Sheffield United fast noch niederschmetternder als die Abstiege von 1994 und 2007.

Aus im Elfmeterschießen

In die letzten drei Runden geht United mit vier Punkten Vorsprung vor dem Erzrivalen Wednesday und der um 13 Treffer besseren Tordifferenz. Dann passiert der Super-GAU. Top-Torjäger Ched Evans (bis dahin 29 Tore in 36 Pflichtspielen) wird von einem Gericht in Wales wegen Vergewaltigung zu fünf Jahren Gefängnis
verurteilt. Der walisische Nationalspieler soll sich während des Urlaubs in seiner Heimat im Mai 2011 in einem Hotel an einer angetrunkenen Frau sexuell vergangen haben. Der mitangeklagte Profi Clayton McDonald (Port Vale) wird freigesprochen.

Ohne Evans und beeinträchtigt von den Vorgängen um den Teamkollegen, schafft United in den letzten drei Saisonspielen nur noch zwei Unentschieden und wird ausgerechnet durch Wednesday (drei Siege) von Platz zwei verdrängt. Trotzdem erreichen die Blades in den Play-offs das Finale. Doch es gibt kein Happyend in Wembley. Dem 0:0 nach Verlängerung gegen Huddersfield Town folgt ein dramatisches Elfmeterschießen, bei dem am Ende die Torhüter ran müssen. Beim Stand von 7:8 scheitert United-Keeper Steve Simonsen. Die Wunden dieser verkorksten Saison schmerzen bis heute. Nur ein Aufstieg im Mai könnte sie heilen.

Sheffield United: Zahlen und Namen

Englischer Meister: 1898. Vize-Meister: 1897, 1900.

FA Cup-Gewinner (englischer Pokalsieger): 1899, 1902, 1915, 1925. Finalist: 1901, 1936. Halbfinal-Teilnahmen: 13, zuletzt 1993 (1:2 nach Verlängerung gegen Sheffield Wednesday in Wembley), 1998 (0:1 gegen Newcastle United) und 2003 (0:1 gegen Arsenal, beide in Old Trafford).

Jahre in der 1. Liga (First Division, ab 1992 Premier League): 1893–1934, 1946–1949, 1953–1956, 1961–1968, 1971– 1976, 1990–1994, 2006/07.

Prominente Spieler: Billy Gillespie (1911–1931, 448 Liga-Einsätze für United), Fred Tunstall (1920–1932, 437 Liga-Einsätze), Joe Shaw (1945–1966, 632 Liga-Einsätze), Graham Shaw (1952–1967, 439 Liga-Einsätze), Alan Hodgkinson (Torhüter, 1954–1971, 576 Liga-Einsätze), Len Badger (1962–1976, 458 Liga-Einsätze), Alan Woodward (1964– 1978, 538 Liga-Einsätze), Tony Currie (1968– 1976, 313 Liga-Einsätze), Keith Edwards (1975–1978 und 1981–1986, 261 Liga-Einsätze, 143 Tore), Tony Agana (1988– 1991, 118 Liga-Einsätze, 42 Tore), Brian Deane (1988– 1993, 1997/98 und 2006, 221 Liga-Einsätze, 93 Tore).

Andere bekannte Spieler seit 1990: Vinnie Jones (1990–1991), Alan Kelly (1992–1999), Roger Nilsen (1993–1999), Jan-Aage Fjörtoft (1997–1998), Phil Jagielka (2000-2007), Nick Montgomery (2000-2012), Michael Tonge (2001-2008), Chris Morgan (2003-2012).

Prominente Trainer: John Nicholson (1899– 1932), Ted Davison (1932–1952), Joe Mercer (1955–1958), Johnny Harris (1959–1973), Martin Peters (1981), Dave Bassett (1988– 1995), Howard Kendall (1995-1997), Steve Bruce (1998–1999), Neil Warnock (1999– 2007), Bryan Robson (2007–2008), Gary Speed (2010), Danny Wilson (seit Mai 2011).

Spielstätte: Bramall Lane (seit 1889 – 32.500 Plätze). Rekordbesuch: 68.287 Zuschauer gegen Leeds United, 5. Runde FA Cup, 15. Februar 1936.

Pub-Empfehlung vor Heimspielen: Sheaf House Hotel, 329 Bramall Lane, Highfield, Sheffield, S2 4RH. Traditionslokal, freundliche Atmosphäre, 200 Meter vom Stadion.

Internet-Adresse: www.sufc.co.uk
Online-Shop: www.sufcdirect.co.uk

Von Horst Bläsig

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