Mein Fußball-Woche

13.02.2015

Die „Griffelmacher“ als Königsmörder

Vergessene Erstligisten des Ostens: Motor Steinach, der freche Aufsteiger von 1963, Fortschritt Weißenfels und Wismut Gera

Was soll diese Mannschaft nur in der Oberliga? Gut 8000 Seelen zählt das Örtchen Steinach tief in der thüringischen Provinz, einen Steinwurf nur von der Grenze zu Franken hin. Schnell aber werden die Spötter kleinlaut. Denn in Schdänich, wie die Einheimischen in ihrer Mundart sagen, geht die Post ab.

Auch bei Titelverteidiger Motor Jena schielen sie etwas pikiert in die Berge. Den Spielern von Trainer Georg Buschner, gerade zum ersten Mal DDR-Meister geworden, fliegen in Thüringen die Fan-Herzen zu. Doch gleich in ihrem ersten Auswärtsspiel der neuen Saison 1963/64 müssen sie ins Fellberg-Stadion. Und sie trauen auf ihrer Anfahrt ihren Augen nicht. Ganze Ortschaften scheinen sich auf die Socken gemacht zu haben, um die Oberliga-Heimpremiere des krassen Außenseiters mit eigenen Sinnen zu erleben. 25.000 größtenteils hellauf begeisterte, teils aber auch bitter enttäuschte Fans (am Ende eben die Jenenser) schieben sich auf diesen Sportplatz und erleben eine der größten Sensationen der Saison. Die, die für den Gastgeber sind, bringen die Berge zum Beben. 2:1 gewinnt der Aufsteiger und ist nach seinem 2:0-Auftakt-Auswärtssieg beim SC Dynamo Berlin in der Runde zuvor nun Sensationszweiter!

Ein wenig abwertend werden die Steinacher andernorts Griffelmacher genannt, weil sie seit Menschengedenken in ihrem Städtchen die Schiefergriffel herstellten (und in alle Welt verschickten), mit denen auf Schiefertafeln geschrieben wurde. Aber auch mit den Füßen sind sie geschickt. Lediglich ein Heimspiel (0:1 gegen Karl-Marx-Stadt) verlieren sie, außer Jena besiegen sie zu Hause auch Rostock und den ASK Vorwärts jeweils 1:0, dem SC Dynamo (4:1) und dem SC Chemie Halle (6:2) geben sie sogar Packungen mit. Letztlich erweisen sich die „Griffelmacher“ sogar als Königsmörder, denn auch im Rückspiel im heimischen „Paradies“ erleben die Männer um Roland und Peter Ducke die Hölle, verlieren diesmal mit 0:1.

Linß wird sogar Nationalspieler

Der Kopf des Steinacher Spiels ist neben Trainer Heinz Leib der Halbstürmer Werner Linß. Er schafft es vom Nobody sogar zum Nationalspieler, fühlt sich dort aber nicht wohl. Nicht dass er fußballerisch schlecht sei, nein, Linß leidet an Heimweh nach dem beschaulichen Ort. Auf Reisen steht er meist am Hotelfenster und sieht in die Ferne, ob da nicht irgendwo der heimische Kirchturm zu sehen sei.

Am Ende der Saison ist der Aufsteiger Tabellensiebter, nur einen Punkt hinter dem Titelverteidiger. Doch in der kommenden Saison ist es wieder vorbei mit dem Höhenflug. Als Letzter muss Steinach absteigen. Doch die Legende der damaligen Elf lebt weiter, immer weiter. Das bekommt sogar Andreas Stauch zu spüren, 1. Vorsitzender des SV 08 Steinach, in dem sieben (!) Sportarten zu Hause sind, darunter viele Wintersportler, obwohl die Zahl der Einwohner auf unter 5000 zurückgegangen ist. „Ich bin Jena-Fan und muss mir immer wieder diese Geschichte anhören“, sagt Stauch fast gequält, „andererseits freue ich mich, dass damit die Tradition in unserem Ort hochgehalten wird.“

Um die Aufarbeitung dieser Tradition bemüht sich ein Steinacher, der einst selbst in Jena gespielt hat, später dann, als dieser Verein schon FC Carl Zeiss hieß: Thomas Roß. Er bereitet eine ständige Ausstellung vor, fast schon ein Museum, in der die Steinacher Fußballer gewürdigt werden sollen. „Wir sind ein kleines Städtchen, haben wenig Industrie, aber wir sind sehr stolz auf unsere Nachwuchsarbeit“, sagt Roß. Und der Männermannschaft drückt er natürlich auch beide Daumen. Die ist in der Landesklasse aktuell nur Vorletzter, hat auf einen Nichtabstiegsplatz drei Punkte Rückstand. „Wir spielen keinen schlechten Fußball“, versichert er, „schießen aber zu wenig Tore.“ Es ist aber nicht so, dass Roß und seine Mitstreiter keine Träume hätten: „Es wäre schön, wenn wir es in die höchste Thüringer Spielklasse schaffen könnten. Das ist unsere Vision.“ Das würde eine weitere Abteilung für das Fußball-Museum bedeuten.

Weißenfels: Basketball dominiert

Davon können die Verantwortlichen in Weißenfels nicht einmal im Ansatz träumen. Fortschritt, schon in den 50er Jahren in der DDR-Oberliga, backt nunmehr als 1. FC Weißenfels viel kleinere Brötchen. Die 1. Mannschaft spielt in Sachsen-Anhalt in der Landesklasse Süd, ist dort als Vorjahrszweiter derzeit auf den vorletzten Platz abgerutscht. „Vor fünf Jahren hatten wir einen großen Umbruch“, sagt der 1. Vorsitzende Lars Brzyk, „und sind gerade dabei, uns mit einer ganz, ganz jungen Mannschaft zu finden.“

Brzyk schätzt die Lage überaus realistisch ein und wähnt seinen Verein auf dem richtigen Weg. „Wir durchleben eine Phase, die ganz normal ist im Fußball. In den vergangenen Monaten haben wir uns schwer getan, aber ich denke, wir kommen da wieder raus.“ Der Chef ist auch deswegen vorsichtig optimistisch, weil sie auf den eigenen Nachwuchs bauen. Und auch wenn es derzeit etwas holprig läuft, bleibt er total entspannt: „Die Situation ist, wie sie ist. Wir schieben deshalb keine Panik.“

Sie haben es auch deshalb schwer in Weißenfels, weil die Geldgeber – wie nahezu überall – fehlen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie in ihrer Stadt mit dem MBC Weißenfels einen Basketball-Bundesligisten haben, der ihnen ziemlich das Wasser, sprich die Kohle, abgräbt. Natürlich gibt es noch immer eine ansehnliche Schuhfabrik in Weißenfels, doch der Hauptsitz liegt woanders und dort wandern auch die Gewinne hin. Ebenso in der Fleischverarbeitung. „Wir haben hier das zweitgrößte Fleischwerk Deutschlands, aber davon sehen wir als Verein nichts“, so Brzyk. Wenn man weiß, wem dieses Fleischwerk gehört, dann weiß man zugleich, wohin die Gewinne fließen: Clemens Tönnies, der starke Mann von Schalke 04.

Den Spagat zwischen dem Gestern und dem Heute schaffen sie irgendwie aber doch, „auch wenn die Helden von einst zum Großteil nicht mehr leben oder beträchtlich in die Jahre gekommen sind“, so Brzyk. Einem von damals erzählen sie dabei immer wieder mal, wie sie sich ihr Morgen vorstellen: Franz Straube, der für Fortschritt in 48 Oberligaspielen drei Tore erzielte. „Wir haben das Zeug dazu, in den nächsten Jahren den Schritt in die Verbandsliga zu machen“, glaubt Brzyk. Zugleich aber weiß er, dass sie sich sputen müssen, damit Straube möglichst lange was davon hat. Er ist fit und durchweg auf der Höhe, feiert aber am 15. März immerhin schon seinen 95. Geburtstag.

Gera: Wismuts Oberliga-Träume

In Gera hätten sie ein viel jüngeres Vorbild, einen Helden von heute sozusagen: Tobias Werner, der bei ihnen mit dem Fußball begann und über den FC Carl Zeiss Jena 2008 zum FC Augsburg kam, für den er bald sein 100. Bundesligaspiel bestreiten wird. Nur lässt der sich in seiner Heimat kaum noch blicken. Dafür drückt ihnen ein Mann von altem Schrot und Korn noch immer kräftig die Daumen. Es ist Manfred Kaiser, 1963 (da spielte der gebürtige Geraer allerdings für Wismut Aue) erster Fußballer des Jahres in der DDR. „Manni ist Anfang Januar 86 geworden, aber zu unseren Heimspielen kommt er noch immer und nimmt auch sonst regen Anteil“, sagt Frank Neuhaus, im Vorstand von Wismut Gera für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Die „Großwetterlage“ indes ist nicht gerade rosig. Neuhaus, der sich als Mitglied der neuen Führungsmannschaft Mitte März nach nur einem Jahr Neuwahlen stellen muss, gibt zu: „Wismut stand ja auf der Kippe. Weil niemand wusste, wie es weitergeht, haben wir uns nur für ein Jahr wählen lassen.“ Doch schon vorher hatten sie im Ostthüringischen zu tun, den Verein am Leben zu halten.

Die BSG Wismut aus der Vergangenheit, die einige Jahre erstklassig war und ihre talentiertesten Spieler zum FC Carl Zeiss Jena schicken musste, gibt es schon lange nicht mehr. Sie ging nach der Wende in den 1. SV Gera über, der aber auch nicht vom Glück begünstigt war und 2007 mit zwei weiteren Klubs zum FV Gera Süd fusionierte. Der heißt seit 2009 wieder BSG Wismut, wenn auch nicht als Betriebs-, sondern als Ballsportgemeinschaft.

Im Stadion der Freundschaft

Trotz aller Beschwerlichkeiten sind Neuhaus und seine Mitstreiter vorsichtig optimistisch. Nicht nur was die sportliche Qualität der 1. Mannschaft betrifft. Darauf kann und darf Neuhaus durchaus stolz sein: „Die haben wir radikal verjüngt, haben fünf A-Junioren eingebaut und wurden von manchem als Abstiegskandidat Nummer eins angesehen. Doch wir haben es allen gezeigt.“

Aktuell liegt die BSG Wismut Gera in der Thüringenliga als Tabellendritter nur zwei Punkte hinter Spitzenreiter Wacker Nordhausen II und schnuppert Aufstiegsluft. „In vielleicht drei Jahren wollen wir in der Oberliga spielen“, nennt Neuhaus den anspruchsvollen Plan. Der ist andererseits realistisch, denn: „Erst jüngst haben wir zwei neue Großsponsoren gewonnen, finanziell steht es auf stabilen Füßen.“ Und auch der Nachwuchs macht sich wieder, sechs Mannschaften sind aktuell dabei.

Ein gewaltiges Problem haben die Männer aus Ostthüringen aber doch: Ihr Stadion am Steg ist regelrecht abgesoffen. „Es ist hochwassergeschädigt“, sagt Neuhaus, „und muss komplett abgerissen werden.“ Bis ein neues gebaut ist, ziehen die Fußballer ins „Stadion der Freundschaft“, in dem Wismut einst auch als DDR-Erstligist spielte. Womöglich ist das sogar ein gutes Omen, denn sie träumen „von der Oberliga und auch von der Regionalliga“, wie Neuhaus versichert. Es könnte ein spannendes Rennen werden, wer sein Ziel eher erreicht: Stadt und Land mit dem neuen Stadion oder tatsächlich Wismut mit dem Aufstieg?

Motor Steinach in Zahlen

Heutiger Name: SV 08 Steinach
Größte Erfolge: Oberliga-Aufstieg 1963
Oberliga-Zugehörigkeit: 1963 bis 1965
Nationalspieler: Werner Linß (2 Länderspiele)
Rekord-Oberligaspieler: Werner Luthardt, 52 Spiele
Rekord-Oberligatorjäger: Günther Queck, 17 Tore
Aktuelle Spielklasse: Landesklasse Thüringen, Staffel 3, Platz 15

Fortschritt Weißenfels in Zahlen

Heutiger Name: 1. FC Weißenfels
Größte Erfolge: Oberliga-Aufstieg 1956
Oberliga-Zugehörigkeit: 1956 bis 1960
Nationalspieler: Alfred Reinhardt (1 Länderspiel)
Rekord-Oberligaspieler: Horst Meyer, 121 Spiele
Rekord-Oberligatorjäger: Horst Meyer, 41 Tore
Aktuelle Spielklasse: Landesliga Sachsen-Anhalt, Staffel Süd, Platz 14

Wismut Gera in Zahlen

Heutiger Name: BSG Wismut Gera (wieder seit 2009)
Größte Erfolge: Pokalfinalist 1949 (0:1 gegen Waggonbau Dessau)
Oberliga-Zugehörigkeit: 1949 (noch als BSG Gera Süd, danach Mechanik und Motor Gera, ab 1952 Wismut Gera) bis 1953, 1966/67 und 1977/78
Nationalspieler: keiner
Rekord-Oberligaspieler: Manfred Kaiser (1950 bis 53) 96 Spiele
Rekord-Oberligatorjäger: Herbert Pätzold (1950 bis 53) 34 Tore
Aktuelle Spielklasse: Verbandsliga Thüringen, Platz 3

Von Robert Klein

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