07.07.2012

Derby ohne Gästefans

Im oberschlesischen Revier hat der Fußball eine lange Tradition - Eine (Zeit-)Reise in die Kicker-Hochburg Beuthen

Der Songtext von Herbert Grönemeyers Hymne auf seine Heimatstadt Bochum lässt sich 1:1 übertragen. „Du bist keine Schönheit, vor Arbeit ganz grau! Liebst dich ohne Schminke; bist 'ne ehrliche Haut; leider total verbaut, aber gerade das macht dich aus!“

Ankunft in Beuthen, das auf Polnisch Bytom heißt. Tief im Westen wie Bochum liegt die Stadt aus Berliner Sicht nicht. Eher tief im Osten, mitten im oberschlesischen Kohle- und Industrierevier, das so viele Ähnlichkeiten und historische Verbindungen mit dem Ruhrgebiet aufweist. Hier kommen sie her, die Vorfahren von Bundesliga-Profis der ersten Jahre wie Hans Cieslarczyk (Karlsruher SC) oder Willi Koslowski (Schalke 04) – „deutsche“ und „polnische“ Oberschlesier, die einst in den westdeutschen Kohlenpott abwanderten, um dort zu arbeiten.

Schlote und Fördertürme prägen das Landschaftsbild, obwohl auch in Oberschlesien die Montanindustrie ihre Blütezeit hinter sich hat. Zwanzig Zechen wurden allein zwischen 1998 und 2002 geschlossen, zirka 100.000 Bergarbeiter dabei entlassen. Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie haben sich hier dennoch behauptet. Vom Strukturwandel, den das Ruhrgebiet längst vollzogen hat, bleibt Oberschlesien indes nicht verschont.

Wo die Zechen stehen, sind Taubenzüchter und Fußballer nicht weit. Das ist in Zabrze, Gleiwitz, Beuthen und Kattowitz, den größten Städten im oberschlesischen Ballungsraum, nicht anders als in Grönemeyers Heimat. „Du bist das Himmelbett für Tauben! Und ständig auf Koks! Hast im Schrebergarten deine Laube. Machst mit dem Doppelpass jeden Gegner nass, du und dein VfL!“ Was den Bochumern der VfL bedeutet, ist in Bytom Polonia, in Zabrze Gornik und in Chorzow Ruch. In Oberschlesien wird Fußball gelebt – keine Spur von Schickeria und Eventpublikum.

An diesem Abend aber ist nicht mehr alles so, wie es immer war. Ein Derby steht in der Ekstraklasa, Polens Topliga, auf dem Programm, Polonia gegen Gornik, das Duell der beiden direkt ineinander übergehenden Nachbarstädte. Die Gästefans hätten es nicht weit. Doch der Zutritt zum Stadion ist ihnen diesmal untersagt. Nach den schweren Ausschreitungen beim Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Lech Posen hat der polnische Verband die Notbremse gezogen und ein landesweites Verbot für Gästefans verhängt. Die Sorge, dass Polen ein Jahr vor der Euro 2012 durch Hooligans (noch stärker) in Verruf geraten könnte, ist groß.

Polonias Anhang bleibt deshalb unter sich. In blau-roten Schals machen sich die Fans auf den Weg die Luzycka-Straße hinauf zum Stadion, vorbei am großen Grubengelände, das hier schon stand, als das 1929 eingeweihte Stadion noch den Namen des früheren deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg trug. Heute ist es nach dem ehemaligen, 1990 verstorbenen polnischen Nationaltorhüter Edward Szymkowiak benannt, der zwölf Jahre bei Polonia Bytom spielte und mit dem Klub 1962 Landesmeister wurde. Es war Polonias bislang erfolgreichste Zeit: Meister 1954 und 1962, Zweiter 1952, 1958, 1959, 1961, Dritter 1966. 60.000 Zuschauer sahen 1964/65 in Beuthen den 6:0-Sieg von Polonia im Intertoto- Cup gegen Schalke 04.

Beuthen und Schalke, das passt. Denn auch die einst liebevoll „Klein-Wien“ genannte Stadt in Oberschlesien ist eine Fußball-Hochburg mit großer Tradition. Nicht ganz so legendär und ruhmreich wie die Königsblauen, aber eine der führenden Adressen im Südostdeutschen Fußball- Verband, als Beuthen (bis 1945) noch zu Deutschland gehörte. Der Spiel- und Sport-Verein (SuSV) Beuthen 09 spielte sechsmal in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, war neben Vorwärts-Rasensport Gleiwitz das Aushängeschild in der deutschen Hälfte des 1922 geteilten Oberschlesiens. Hertha BSC, der Hamburger SV, 1860 München und Viktoria 89 zählten damals zu den Endrundengegnern der Weiß-Gelben, die ihren Punktspiel-Alltag bis 1939 auf dem Sportplatz An der Heinitzgrube bestritten. Richard Malik, der mit seinem Bruder Paul bei Beuthen 09 spielte, brachte es sogar auf zwei Länderspieleinsätze 1932 gegen Ungarn und 1933 gegen Italien. Bei der 2:3-Niederlage im Achtelfinale um die Deutsche Meisterschaft gegen Hertha BSC am 18. Mai 1930 im Poststadion schoss er das 1:1. Im Januar 1945 fiel Richard Malik an der Ostfront.

Die deutsche Nationalmannschaft bestritt während des Zweiten Weltkriegs im Beuthener Hindenburg-Stadion eines ihrer besten Spiele. Am 16. August 1942 wurde Rumänien 7:0 besiegt, drei Treffer steuerte der spätere Weltmeister Fritz Walter vor 55.000 Zuschauern bei. Ein Treffer gelang Walters Sturmpartner Ernst „Ezi“ Willimowski, dessen Vita beispielhaft für die wechsel- und leidvolle Geschichte Oberschlesiens ist. Im damals noch deutschen Kattowitz 1916 geboren, begann er beim (heute in Polen wieder existierenden) 1. FC Kattowitz, dem Klub der deutschen Minderheit. Mit Ruch Wielkie Hajduki, dem Vorläufer von Ruch Chorzow, wurde er als 18-Jähriger erstmals polnischer Meister, schoss für den Klub in 86 Spielen sagenhafte 112 (!) Tore und kam vor dem Krieg 22-mal für Polen (21 Tore) zum Einsatz. Im WM-Achtelfinale 1938 in Straßburg schoss er vier Tore gegen Brasilien (Endstand 5:6 n.V.). Nach dem deutschen Überfall auf Polen erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft zurück und spielte danach noch achtmal für Deutschland (13 Tore).

Oberschlesische Fußball-Historie, die die heutigen Bewohner Beuthens zunehmend für sich erschließen. Eine Freizeitmannschaft in Bytom trägt wieder den Namen Beuthen 09. Und für die Fußball-Geschichte der Stadt interessieren sich zunehmend auch Anhänger von Polonia und dem tief gestürzten Lokalrivalen Szombierki aus dem gleichnamigen Stadtteil (deutsch: Schomberg).
„Halleluja, halleluja, halleluja, Polonia“, singen die Fans fast pausenlos beim Derby gegen Gornik. Polonia ist überlegen, spielt sich beste Chancen heraus, gerät aber nach gut einer Stunde in Rückstand. Ein von Mateusz Zytko verwandelter Elfmeter bringt den Ausgleich (80.). Doch am Ende herrscht blankes Entsetzen bei den 4500 Zuschauern. Als Polonia in der Nachspielzeit beim Stand von 1:1 alles nach vorn wirft und hinten nicht mehr absichert, läuft die vom Abstieg aus der Ekstraklasa bedrohte Mannschaft ganz klassisch in einen Konter – 1:2 durch den slowakischen Nationalspieler Robert Jez (90.+5), Abpfiff.
Polonia droht nun der Sturz in die Zweitklassigkeit. Zumal die Mannschaft am Sonnabend im Abstiegsduell bei Arka Gdingen erneut mit 1:2 verlor und zwei Spieltage vor Saisonende auf den vorletzten Platz zurückgefallen ist.

Nach der bitteren Derby-Niederlage gegen Gornik Zabrze gehen die Blicke der Zuschauer ins Leere, Pfiffe oder Aggressionen aber bleiben aus. Die eigene Elf hat gut gekämpft und alles gegeben. Das zählt in der Fußball-Hochburg Oberschlesien genauso wie in Bochum. „Hier wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld!“ Glück auf!

Horst Bläsig

Die großen Klubs in Oberschlesien

Ruch Chorzów (früher Königshütte/Królewska Huta) - Polnischer Meister (14 Titel): 1933, 1934, 1935, 1936, 1938, 1951, 1952, 1953, 1960, 1968, 1974, 1975, 1979, 1989. Polnischer Pokalsieger (3): 1951, 1974, 1996. Spielzeiten 1. Liga: 71 – Aktuell: 1. Liga. Viertelfinale Europapokal Landesmeister: 1974/75 – 3:2, 0:2 gegen AS St. Etienne. Viertelfinale UEFA-Cup: 1973/74 – 1:1, 1:3 n.V. gegen Feyenoord Rotterdam. Finalist UEFA Intertoto-Cup: 1999 – 0:1, 0:2 gegen FC Bologna.

Górnik Zabrze (fr. Hindenburg) - Polnischer Meister (14): 1957, 1959, 1961, 1963, 1964, 1965, 1966, 1967, 1971, 1972, 1985, 1986, 1987, 1988. Polnischer Pokalsieger (6): 1965, 1968, 1969, 1970, 1971, 1972. Spielzeiten 1. Liga: 54 – Aktuell: 1. Liga. Europacupfinalist der Pokalsieger: 1970 – 1:2 gegen Manchester City in Wien.

Polonia Bytom (Beuthen) - Polnischer Meister (2): 1954, 1962. Polnischer Pokalsieger: –. Spielzeiten 1. Liga: 35 – Aktuell: 1. Liga.

GKS Katowice (Kattowitz) - Polnischer Meister: – . Polnischer Pokalsieger (3): 1986, 1991, 1993. Spielzeiten 1. Liga: 30 (dazu zwei von Eiche Kattowitz/Dab Katowice, das 1968 in der Fusion zu GKS aufging) – Aktuell: 2. Liga.

Szombierki (Schomberg) Bytom (Beuthen) - Polnischer Meister (1): 1980. Polnischer Pokalsieger: – . Spielzeiten 1. Liga: 25 – Aktuell: 6. Liga.

Odra Opole (Oppeln) – jetzt Oderka Opole - Polnischer Meister: – . Polnischer Pokalsieger: – . Spielzeiten 1. Liga: 22 – Aktuell: 4. Liga.

Odra Wodzislaw Slaski (Loslau) - Polnischer Meister: – . Polnischer Pokalsieger: – . Spielzeiten 1. Liga: 14 – Aktuell: 2. Liga.

VfR/FV Germania Königshütte/AKS Królewska Huta/AKS Chorzów - Gaumeister Oberschlesien/Deutschland (3): 1942, 1943, 1944. Polnischer Vize-Meister (1): 1937. Polnischer Pokalsieger: – . Spielzeiten 1. Liga Polen: 10 – Aktuell: 5. Liga (als Wyzwolenie Chorzów).

1. FC Kattowitz - Meister Oberschlesien/Deutschland (5, als FC Preußen 05 Kattowitz): 1907, 1908, 1909, 1913, 1922. Polnischer Vize-Meister (1): 1927. Polnischer Pokalsieger: – . Spielzeiten 1. Liga Polen: 3 – Aktuell: 7. Liga (Frauen 1. Liga).

Piast Gliwice (Gleiwitz) - Polnischer Meister: – . Polnischer Pokalfinalist (2): 1978, 1983. Spielzeiten 1. Liga: 2 – Aktuell: 2. Liga.

Deutschland vor 1945

Vorwärts-Rasensport Gleiwitz - Meister SOFV-Bezirk Oberschlesien (4): 1924, 1927, 1932, 1933. Gaumeister Schlesien (6): 1935, 1936, 1938, 1939, 1940, 1941.

Beuthen 09 (Beuthener Spiel- und Sportverein 09) - Meister SOFV-Bezirk Oberschlesien (6): 1914, 1920, 1921, 1923, 1925, 1929. Meister Südostdeutschland (4): 1930 (Achtelfinale um die Deutsche Meisterschaft 2:3 gegen Hertha BSC), 1931, 1932, 1933. Gaumeister Schlesien (2): 1934, 1937.

Preußen Zaborze (Stadtteil von Hindenburg) - Meister Südostdeutschland (1): 1929 (Achtelfinale um die Deutsche Meisterschaft 1:8 gegen Hertha BSC). Meister SOFV-Bezirk Oberschlesien (3): 1928, 1930, 1931.

Sportvereinigung Ratibor 03 - Gründungsmitglied des Bezirks Oberschlesien im Südostdeutschen Fußball-Verband (SOFV) – Gauliga (5 Jahre): 1933-1937, 1938/39.

Weitere Meister – Oberschlesien: 1910, 1911 Germania Kattowitz, 1912 Diana Kattowitz, 1926 VfB Gleiwitz.

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