13.12.2014

Der Verein von den Kalkbergen

Fußball hat in Rüdersdorf einen hohen Stellenwert – Zurzeit kämpft der MSV in seinem schönen Stadion aber gegen den Abstieg

Wenn der Fußball des MSV Rüdersdorf momentan auch nur halb so gut wäre wie der Ausblick von dem Hügel hinter dem Stadion „Glück auf“, das Team würde wohl an der Spitze der Landesliga stehen. Etwa zehn Meter erhöht lässt sich das Geschehen auf dem Rasen aus beeindruckender Perspektive verfolgen.

Unter einem liegen die Trainerbänke mit der durch Hütchen abgegrenzten Coaching-Zone auf der Aschenbahn und die schon deutlich verblichenen roten Schalensitze aus der Alten Försterei. Links windet sich ein Wiesenweg, gesäumt von herbstlich schimmernden Bäumen und Sträuchern, den Anstieg hinauf. Und hinter dem Spielfeld ragt das erst vor zwei Jahren fertiggestellte Funktionsgebäude weiß hervor. Auf der Terrasse stehen etwa 25 Zuschauer unter drei orangenen Sonnenschirmen, von denen gelegentlich ein vereinzeltes „MSV“ auf den Platz gebrüllt wird. Die Sonne strahlt an diesem milden Novembersonnabend und mit dem tollen Ausblick, den herbstlichen Farben und den in taktischer Formation auf dem grünen Rasen hin und her laufenden Spielern in Weiß und Weinrot wirkt die Szenerie nahezu idyllisch. Selbst die Autobahn, die nur wenige Meter rechts an den zwei Fußballplätzen vorbeiführt, stört den Eindruck kaum. Das stetige Vorbeizischen der Fahrzeuge auf der A 10 ist zwar nicht zu überhören, fällt nach wenigen Minuten aber kaum noch auf.

Wie bei vielen Vereinen im Berliner Umland ist die Anlage des MSV Rüdersdorf ein echtes Schmuckstück. Zwei Rasenplätze, akkurat gepflegt von Urgerstein Peter Vandrey (siehe Interview rechts), bieten den Kickern des Landesligisten beste Trainingsmöglichkeiten. Die Kabinen sind ebenso modern wie sauber und die Gaststätte lässt mit einem Billardtisch, Live-Übertragungen der Bundesliga sowie einem vielfältigen Getränkeangebot kaum Wünsche offen. Für die ganz Kleinen steht am Rande der Aschenbahn zwischen den zwei Rasenplätzen ein Minispielfeld mit Kunstrasenbelag und Banden. Fußballerherz, was willst du mehr?

Sparkurs trägt Früchte

Nur die sportliche Situation kann mit der hervorragenden Infrastruktur nicht mithalten. Das Spiel gegen das Spitzenteam von Dynamo Eisenhüttenstadt Anfang November geht sang- und klanglos 0:4 verloren. Eine echte Torchance spielen sich die Rüdersdorfer dabei nicht heraus. Das spiegelt sich auch in der Tabelle wider, wo die Mannschaft von Trainer Bodo Blumentritt mitten im Abstiegskampf steckt. „Vor der Saison haben uns viele Leistungsträger verlassen“, erklärt der 1. Vorsitzende, James Kellner, der auch die Gaststätte „Stadionblick“ führt.

Nach dem Vorstandswechsel Ende 2013 habe der Verein einen Sparkurs einschlagen müssen. „Der alte Vorstand hatte eine andere Wirtschaftspolitik, hat den Spielern viel Geld versprochen, das aber nicht immer eingehalten“, so Kellner. Durch dieses finanzielle Risiko hielt das Team aus dem Landkreis Märkisch-Oderland seit dem Aufstieg 2002 zwar fast immer in der Spitzengruppe mit und verpasste den Aufstieg in die Verbands-, später Brandenburg-Liga als Zweiter dreimal nur knapp, wirtschaftlich kam der Club aber in eine gefährliche Schieflage. „Wir haben eine Verantwortung für die Jugend und können das Vereinsleben nicht für kurzfristigen Erfolg aufs Spiel setzen“, erläutert der 50-Jährige die Kurskorrektur.

Die Altlasten seien nun zwar zu großen Teilen abgetragen und der Verein auf bestem Weg zur finanziellen Gesundung, die Situation der ersten Mannschaft hat darunter aber gelitten. Das Team besteht in dieser Saison fast nur aus Spielern der letztjährigen Zweiten. Dass der Sprung aus der Kreisliga in die Landesliga nicht einfach ist, zeigt sich beinahe an jedem Spieltag. „Wir wussten, dass dieses Jahr ganz schwierig werden wird, konnten aber nicht wie vorher weitermachen“, sagt der 1. Vorsitzende. Geld werde nun höchstens bei der Übernahme von Tankrechnungen gezahlt und lieber in den Zusammenhalt investiert. So gibt es regelmäßig Mannschaftsabende, um die familiäre Atmosphäre zu pflegen.

Fokus auf die Jugend

Kellner möchte im Verein gerne das Motto „We are family“ vorleben und erhofft sich dadurch weiteren Zulauf. Seit die „Söldner“, wie er sagt, weg sind, sei die Stimmung besser und persönlicher geworden. Viele Spieler haben schon in der Jugend für den MSV gespielt und man kennt sich. Auch wenn die finanzielle Lage und der Zusammenhalt Priorität genießen, soll der Abstieg möglichst verhindert werden. In dem 15.000 Einwohner-Städtchen östlich von Berlin hat der Fußball eine große Bedeutung. In der Jugendabteilung sind bis auf die C-Jugend alle Altersstufen mindestens einfach besetzt. Perspektivisch sollen jedes Jahr einige Spieler aus dem eigenen Nachwuchs an die erste Mannschaft herangeführt werden.

Um die Position in der Region noch weiter zu stärken, könnte sich Kellner auch Fusionen mit Nachbarvereinen vorstellen. „Das wäre sicherlich sinnvoll und wir haben auch schon das Gespräch mit ein paar Vereinen gesucht“, sagt Kellner. Solch ein Schritt braucht aber viel Zeit und einige Überzeugungskraft. Auch der Vereinsname könnte in solch einem Fall zum dann vierten Mal geändert werden. Gegründet als SC Kalkberge von Arbeitern des nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Kalkbergbaus im Jahr 1919 wurde der Verein zu DDR-Zeiten zweimal umbenannt. Erst wurde aus Kalkberge die BSG Chemie Rüdersdorf, dann Aufbau Rüdersdorf. Erst nach der Wende bekam der Club den heutigen Namen, Märkischer Sportverein 19 Rüdersdorf. Ob es in den kommenden Jahren bei diesem Namen bleibt oder nicht, der Fußball in Rüdersdorf scheint auf einem nachhaltigen Weg zu sein. Der Kampf gegen den Abstieg der ersten Mannschaft wird zwar keine einfache Angelegenheit, allein schon wegen der allemal Landesliga-tauglichen Arena wird der MSV aber alles daran setzen, den Klassenerhalt zu sichern.

„Das ist ein Fulltimejob“

Peter Vandrey ist beim MSV Greenkeeper, Schiedsrichter und gute Seele zugleich
Ohne Peter Vandrey geht beim MSV Rüdersdorf gar nichts. Der 68-Jährige ist bei dem Landesligisten die gute Seele des Vereins und verbringt wahrscheinlich mehr Zeit auf dem Sportgelände als sonst jemand. Für sein Engagement rund um den Fußball in Rüdersdorf und den MSV wurde er in diesem Jahr mit dem Ehrenamtspreis des Kreises Märkisch-Oderland geehrt und am 14. November als einer von drei Brandenburger Vertretern in den „DFB-Club 100“ aufgenommen. Vandrey ist seit 1955 Mitglied im Verein (damals noch Aufbau Rüdersdorf), war Mittelstürmer der ersten Mannschaft und hat sich nach Ende der aktiven Karriere vor allem um den Ausbau und die Pflege der Sportanlage verdient gemacht. Als Schiedsrichter pfeift das Rüdersdorfer Urgestein noch in der Kreisliga und mit seinem Expertenwissen über die Rasenpflege ist er auch bei den umliegenden Vereinen ein gefragter Mann. Im Interview spricht der 68-Jährige über den Ausbau der Anlage, Stunden auf dem Rasenmäher und die Abstiegsgefahr.

FuWo: Herr Vandrey, Sie sind seit fast 60 Jahren Vereinsmitglied und haben die Entwicklung maßgeblich mitbestimmt. Was hat sich seit ihren Anfängen hier verändert?

Peter Vandrey: „Damals haben wir noch auf einer anderen Anlage gespielt. Das heutige Stadion wurde erst 1972 auf einer ehemaligen Abfallhalde errichtet. Und den zweiten Rasenplatz haben wir erst vor fünf Jahren umgebaut, davor war das nur ein Bolzplatz. Das haben wir fast alles alleine gemacht, war aber sehr wichtig für den Verein.“

Sie sind in erster Linie für die Sportanlage zuständig. Was für Aufgaben fallen dabei an?

Vandrey: „Da kommt allerhand zusammen. Wir kümmern uns zu dritt um alles – Sauberkeit des Funktionsgebäudes, Sicherheit, Ordnung. Ich verbringe die meiste Zeit mit der Pflege des Rasens. Den muss ich ungefähr drei Mal in der Woche mähen und das dauert jeweils sechs Stunden. Das ist ein Fulltimejob.“

Woher nehmen Sie die Kraft dafür?

Vandrey: „Solange man noch fit ist und nicht krank wird, geht das schon. Meine Frau kennt es nicht anders und so vergehen dann die Jahre. Außerdem bekommen wir von der Gemeinde nicht so viel Unterstützung, da geht es nur mit Ehrenamtlichen.“

Wie sehen Sie denn insgesamt die Entwicklung des Vereins?

Vandrey: „An sich ist die sehr positiv. Mit dem neuen Vorstand geht es aufwärts, das neue Funktionsgebäude hat auch seinen Beitrag geleistet. Es ist nur schade, dass es sportlich nicht läuft. Ich habe in 60 Jahren noch keinen Abstieg erlebt, hoffentlich bleibt das auch so.“

Märkischer Sportverein 19 Rüdersdorf

Adresse: Puschkinstraße 65, 15562 Rüdersdorf, Tel. (03 36 38) 22 53
Sportanlage: Stadion „Glück auf“ in der Puschkinstraße
Homepage: msv-kicker.de
Gegründet: 1919 als SC Kalkberge, spätere Namen waren Chemie Rüdersdorf, Aufbau Rüdersdorf und seit der Wende MSV Rüdersdorf
Mitglieder: ca. 200 Mannschaften: 10 (1 Herren, 1 Senioren, 1 Frauen, 7 Jugend)
Spielklasse der 1. Mannschaft: Landesliga Süd
Größte Erfolge: Berliner Bezirksmeister 1952/53, Aufstieg in die Landesliga 2002, Vizemeister der Landesliga 2006, 2007 und 2013.

Von Julian Graeber

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