Mein Fußball-Woche

28.06.2013

Der „schlafende Riese“ hat mal kurz geblinzelt

Mit Jürgen Röber als Trainer sorgte Hertha BSC nicht nur in der Bundesliga, sondern sogar in Europas Königsklasse für Furore

Alles kann man Hertha BSC in der Bundesliga-Historie nachsagen. Dass die Blau-Weißen für Skandale und Skandälchen gesorgt haben. Dass sie zu den Gründungsmitgliedern gehörten. Dass sie mit sechs Ab- und nunmehr auch sechs Aufstiegen eine der Fahrstuhlmannschaften sind.

Nur ein Etikett ließ sich die „alte Dame“, die vor Jahrzehnten unter Legende Erich Beer mit zweiten Plätzen, mit dem Erreichen des DFB-Pokalfinales und dem Vordringen ins Halbfinale des UEFA-Cups dahergestöckelt kam, nie an ihre Kleider heften: dass auf sie immer Verlass war. Und doch blickt sie auf eine Phase zurück, die sogar noch ziemlich junge Anhänger in Erinnerung haben, die Zeit unter Trainer Jürgen Röber. Da hat der „schlafende Riese“, als den Franz Beckenbauer den Verein einst bezeichnet hatte, kurz mal geblinzelt.

Viel hat Jürgen Röber erlebt. Als Spieler bei Werder Bremen, Bayern München, bei den Calgary Bloomers in Kanada und bei Nottingham Forest in England. Erst recht als Trainer. Da will es schon was heißen, wenn einer wie er sagt: „Berlin und Hertha BSC – das war meine schönste Zeit, auch wenn ich jedes Jahr ein- oder zweimal entlassen worden bin.“ Nicht Rot-Weiss Essen und VfB Stuttgart wecken in ihm die nachhaltigsten Erinnerungen, nicht der VfL Wolfsburg und Partizan Belgard in Serbien, auch nicht Borussia Dortmund und erst recht nicht das russische Saturn Ramenskoje sowie das türkische Ankaraspor. Berlin, ausgerechnet Berlin.

3000 Leute im Olympiastadion

Die Stadt, die sich mit ihrem großen Herz rühmt, bellt den Trainer aber erst einmal nur mit ihrer kodderigen Schnauze an. Sportlich gerät er in tristes Mittelmaß. „Wie habe ich denn angefangen?“, sagt Röber, „da waren im Olympiastadion 3000 Leute.“ Zunächst winkt nicht der Auf-, sondern droht der Abstieg. „Aber schon da habe ich zu meinem Assistenten Bernd Storck gesagt: ,Wenn wir diese Hütte mal vollkriegen, dann haben wir es geschafft.‘“

Es beginnt ein Stück, das noch immer das Zeug dazu hat, als sei es fürs Theater oder das Kino inszeniert. Es wird ganz großes Kino. Es ist die Zeit, da Manager Dieter Hoeneß, der Röber ein paar Monate später in die Hauptstadt folgt, immer lieber hört, dass an den Vereinsnamen Hertha BSC auch Berlin angehängt wird, obwohl er darin bereits enthalten ist. Seine Begründung, von Ur-Herthanern zumindest mit dem Hochziehen der Augenbauen quittiert: „Mit Hertha BSC wissen in Europa nicht alle etwas anzufangen, mit Berlin schon.“

Was niemand für möglich hält, tritt doch in kürzester Zeit ein. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit meinen Eindrücken und wo aufhören“, sagt Röber, „da war der Aufstieg in Unterhaching und ein paar Wochen zuvor das Zweitligaspiel gegen Kaiserslautern vor vollem Haus, da war ein 6:1 gegen den HSV, mit dem wir Dritter geworden sind, da war das Erreichen der Champions League und das Spiel beim FC Chelsea, das wir zwar verloren, das uns aber trotzdem in die Zwischenrunde gebracht hat, und es gab die vielen verrückten Typen, die einem irgendwie doch ans Herz gewachsen sind.“

Mit Röber, mit Hoeneß und mit vielen erstklassigen Spielern rockt Hertha BSC plötzlich doch Europa. „Es war irgendwie irre“, so noch einmal Röber, „wir wollten alle nicht mehr nach Meppen, und da spielten wir nun gegen Galatasaray Istanbul und AC Mailand, den FC Chelsea und den FC Barcelona, Sparta Prag und FC Porto. Das war ein Hammer.“ Die Spielzeiten später auch. Manches Mal wird Europas Königsklasse nur hauchdünn verpasst, doch im UEFA-Cup spielen die Blau-Weißen ständig. Sie sind in Europa angekommen.

Für Röber aber zählt nicht allein diese Bilanz. „Für mich ist auch wichtig, dass wir viele Spieler entwickelt haben, die anfangs ihre Not hatten, in der Zweiten Liga zu bestehen, und die später Nationalspieler geworden sind.“ Michael Hartmann ist solch ein Beispiel, auch wenn der linke Verteidiger erst ins DFB-Team berufen wurde, als Röber schon nicht mehr sein Trainer war, und – mit aller Vorsicht – ein wenig auch Michael Preetz. Als der spätere Kapitän und jetzige Manager 1996 kam, war er knapp 29 Jahre alt, hatte aber gerade einmal 61 Bundesligaspiele in seiner Vita. Als er sieben Jahre später seine Karriere beendete, hatte er seine Einsatzzeit – die meiste davon unter Röber – um 196 Erstligaspiele aufpoliert, war 1999 Bundesliga-Torschützenkönig geworden, hatte Erich Beer als Herthas Nummer 1 unter den Bundesliga-Torjägern abgelöst und war siebenmaliger Nationalspieler. Dazu bedarf es in erster Linie natürlich eigener Klasse, die der Angreifer im reifen Alter durchaus nachwies, aber auch der Rückenstärkung durch den Coach.

Zu Nationalspielern gereift

Wie rasant die Entwicklung in den Jahren von 1997 bis 2002 lief, verdeutlicht ein spezieller Blick auf die blau-weißen Spieler, die für Deutschlands A-Elf aufgelaufen sind. Am Anfang der Ära Röber verwies Hertha BSC auf 17 Nationalspieler mit zusammen 53 Berufungen, an ihrem Ende im Februar 2002 waren mit Marko Rehmer, Sebastian Deisler, Dariusz Wosz, Michael Preetz und Stefan Beinlich fünf weitere Nationalspieler hinzugekommen, die Anzahl der „blau-weißen Länderspiele“ stieg auf 112 und damit auf mehr als das Doppelte. Da stehen schon mal drei Herthaner in der DFB-Startelf (Rehmer, Wosz und Preetz im April 2000 in Kaiserslautern beim 1:1 gegen die Schweiz), mehrmals drei Blau-Weiße beim Abpfiff eines A-Länderspiels gemeinsam auf dem Rasen oder Rehmer 2002 im WM-Aufgebot des Vizeweltmeisters. An einen erinnert sich Röber besonders gern, an Sebastian Deisler. „Mit diesem Jungen hat das Arbeiten besonders viel Spaß gemacht, an ihm hatten wir viel Freude“, sagt der Trainer. Ganz behutsam wurde Deisler aufgebaut. Und wie die weitere Entwicklung gerade bei ihm gezeigt hat, war das womöglich der einzig gangbare Weg.

Gespickt mit Nationalspielern – Schlussmann Gabor Kiraly ist inzwischen Ungarns Rekordmann zwischen den Pfosten, sein Landsmann Pal Dardai als Schwerstarbeiter zwischen den Strafräumen, Ex-Welttorschütze Ali Daei aus dem Iran, Islands Abwehrrecke Jolly Sverrisson, der Norweger Kjetil Rekdal als Kapitän, der kroatische Abwehrriese Josip Simunic, US-Boy Anthony Sanneh, Belgiens Mittelfeld-Renner Bart Goor sowie Alex Alves und Marcelinho, die beiden ersten Brasilianer, die im Olympiastadion ein Heimspiel hatten – mischte Hertha BSC nicht nur in der Bundesliga mit, sondern auch in Europa. Es ist eine Ära, an die sich tatsächlich noch viele erinnern, die aber gefühlt bereits eine halbe Ewigkeit zurückliegt. Vielleicht aber schafft es der inzwischen mehrmals wieder eingenickte Riese, beim nächsten Aufwachen nicht nur vereinzelt und von der Sonne geblendet zu blinzeln, sondern hellwach eine neue Ära zu starten.

Von Robert Klein

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