Mein Fußball-Woche

21.04.2016

Der Mythos vom Warmduschen

Runder Tisch gegen Homophobie im Fußball

Im Kern gehe er vor allem um die Verrohung der Sprache, die zurückgedrängt werden müsse. So begann Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes, seine Ausführungen. Liesegang und die beiden Projektleiter Thorsten Siebert und Christian Rudolph vom Lesben- und Schwulenverband sowie der Initiative "Soccer Sound" hatten zu einem "Runden Tisch" in die Geschäftsstelle des Verbandes gebeten. Die Veranstaltungsreihe "Rote Karte für Homophobie" fand nunmehr zum dritten Mal in einer Koorperation statt.

Rudolph weiß noch, wie viele Stühle beim ersten Treffen vor drei Jahren leer blieben. "Leider haben einige Vereinsvertreter auch diesmal kurzfristig absagen müssen, jedoch zeigt der heutige Zuspruch, dass die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung und Sensibilisierung für das Thema immer stärker erkannt werden."

Etwa 20 Vereins- und Pressevertreter verfolgten zunächst aufmerksam die Vorstellung der Aktion aus dem Jahr 2015. Dabei habe die erste Stadionführung beim 1. FC Union im vergangenen Jahr für ihn die größte Nachhaltigkeit erzielt, meinte Siebert. "Die Folge war, dass weitere vier Schulklassen so eine besondere Führung bei mir buchten. Das ist schon ein kleiner Erfolg", berichtete er stolz. Der vergangene 17. Mai brachte dann sogar einen richtigen Publicityhöhepunkt mit dem Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie.

Auf die Frage eines Teilnehmers, ob denn ein Erfolg, eine Korrektur nun schon messbar sei, antwortete Liesegang diplomatisch: "Die Themen werden platziert, mehr nicht. Wenn ich aber an die Vergangenheit und nicht an Zahlen denke, kommt mir immer ein Versuch vor 20 Jahren in den Sinn. Da wurde die Gründung des SV Seitenwechsel noch verboten. Die Bornierten von damals sind heute nicht mehr im Verband. Ich bin aber noch da und werde weiter versuchen, Einstellungen zu ändern! Das Thema soll auch ohne die Vorzeige-Homosexuellen des deutschen Fußballs, Thomas Hitzelsperger, köcheln."

Seit der Vorgabe durch die FIFA von 2008, jegliche, auch verbale Diskriminierung zu ahnden, gebe es aber zusehends Schwierigkeiten, die Ehrenamtlichen bei Verhandlungen auf ein Niveau zu bringen, das dem von ausgebildeten Juristen gleichkomme. Von der neuen Saison an werde es daher ein neues Modul geben. Dadurch werden bei Vorfällen dann Spielberichte und Aussagen über Missetaten bei Verhandlungen anders - und hoffenttlich noch genauer - bewertet werden können.

Die Gretchenfrage stellte schließlich Paul Schulz vom Magazin "Männer": "Wo sind denn nun die Schwulen? Man sieht die Leute, von denen wir hier als Fußballer reden, nie!" Ein anderer Besucher gab dabei zu bedenken, dass bereits interviewte Amateursportler meist mit einer derartigen Resonanz nicht gerechnet hätten und daher kaum noch erneut vor das Mikrofon zu bekommen seien. Einen etwas weiteren Anfahrtsweg hatte bei der Zusammenkunft Jan Duensing vom Bildungsprojekt "Feiner Fußball", daher auch sein Blick von außen: "Hier in Berlin ist das eine Insel der Glückseligkeit bei der Behandlung des Themas. Davon kann man in Ostsachsen nur träumen." Egal wo: Der Mythos vom Warmduschen müsse aber der Vergangenheit angehören.

Für die Zukunft haben die Projektleiter große Erwartungen an eine geplante Aktion am Internationalen Tag gegen Homophobie und Diskriminierung, der am Dienstag, dem 17. Mai, ansteht. Ferner denke man über eine Teilnahme am Christopher Street Day (CSD) am 23. Juli nach um hier in Berlin als Fußgruppe die Vielfalt der Fans der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Hierzu werden noch Teilnehmer gesucht. Zum Jahresende sind dann weitere Netzwerktreffen und Workshops bei der Football Pride Week 2016 vom 6. bis 9. Oktober vorgesehen.


Frank Toebs

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