07.02.2015

Der ganze Ort ist vernarrt in Frankonia

In Wernsdorf greift die 1. Männermannschaft gerade nach den Sternen – Auch der Nachwuchs befindet sich auf der Überholspur

Gruppenfoto mit Trainer und Ehrenpräsident: Die 1. Männermannschaft, umrahmt von Wolfgang Juhrsch (links) und Erhard Pietruschka, bereitet sich akribisch auf die Rückrunde in der Landesklasse vor. Foto: JouLux

Diesen Tag werden sie so bald nicht vergessen. Es ist Freitag, ein langes Wochenende ist es sowieso, weil der 31. Oktober, der Reformationstag, im Brandenburgischen ein Feiertag ist. Daran aber, dass Martin Luther seinerzeit seine Thesen ans Kirchenportal in Wittenberg genagelt hat, denkt eher niemand an diesem Herbstabend 2014 in Wernsdorf. Sie haben einen ganz anderen Grund, froh und glücklich zu sein. Auch deshalb, weil gerade Eintracht Königs Wusterhausen zum Punktspiel kommt, die Elf aus der „Hauptstadt“, wie sie hier sagen. Noch mehr aber, weil sie auf diesen Moment mehrere Jahre hingearbeitet haben.

Mit diesem Derby, zu dem 300 Zuschauer kommen und so jeder fünfte Wernsdorfer (von 1540 Einwohnern) dabei ist, weiht der Landesklasse-Neuling Frankonia sein Flutlicht ein. Es ist nahezu eine Litanei, die der 1. Vorsitzende Michael Beyes über das Werden und Wachsen der vier Masten zu erzählen hat. Was er damals, 2011, bei den ersten Gedanken über das eigentlich verrückte Projekt, jedoch noch nicht ahnt: Am Ende ist es eine Erfolgsgeschichte. Da spielt noch nicht einmal eine Rolle, dass es ursprünglich sechs Masten werden sollten, sie die aber nicht stellen durften, weil nicht der komplette Grund und Boden tatsächlich Vereinsgelände ist. Kurz nach der politischen Wende kaufte jemand aus Süddeutschland etliche Hektar Wald und Flur in der Gegend. Mit der Folge, dass „eine Eckfahne“ nicht Frankonia gehört und sie deshalb auf zwei Flutlichtmasten verzichten mussten.

Irgendwie verrückt müssen sie dennoch sein, das alles in Angriff zu nehmen. Das bestätigt Beyes ohne mit der Wimper zu zucken: „Wären wir hier nicht ein Haufen positiv Bekloppter, die monatlich 50 bis 200 Euro in den Verein stecken, manchmal ohne dass die eigene Frau es weiß, hätten wir nicht überleben, geschweige denn das alles stemmen können.“

Ganz normal ist das wirklich nicht, was die Wernsdorfer da alles anpacken. Da haben sie gerade eine Mammut-Aufgabe hinter sich gebracht, sie haben das Vereinsheim samt Kabinentrakt und sanitären Einrichtungen von Grund auf erneuert und keinen Stein auf dem anderen gelassen. „Sogar auf Feinheiten haben wir geachtet und alles behindertengerecht gebaut“, sagt Beyes. Und: „600.000 Euro hat uns das alles gekostet. Ein Großteil kam aus Fördermitteln, den Rest, satte 150.000 Euro, haben wir in Eigenleistung erbracht.“ Natürlich sind sie darauf stolz und hätten allen Grund, sich ein wenig zurückzulehnen und sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Stolz wie Bolle sind sie, klar, aber zurücklehnen? Nicht die Spur.

Der Mann, der die Geschicke des Vereins seit 3. März 1999 leitet, damals die Zügel von Erhard Pietruschka übernahm, der seit 53 Jahren dazugehört und Jahrzehnte den Chef gab, reißt wie sein Vorgänger alle mit. „Kaum hatten wir das mit dem Vereinsheim auf der Reihe, ging uns schon die nächste Fantasie durch den Kopf, die mit dem Flutlicht.“ Wieder spricht Beyes von Anträgen auf Fördergeld und davon, dass plötzlich drei Vereine des Kreises Flutlicht haben wollten, jährlich aber nur einer den Zuschlag erhalten kann und deshalb das Los entscheiden musste. Aber auch davon, dass nicht Frankonia mit Fortuna im Bunde war, der Glückliche letztlich das Projekt aber schmiss, die Gelder zurückzahlen musste und sie für das betreffende Jahr verfallen waren.

Die Wernsdorfer ließen jedoch nicht locker nach dem Motto: Was lange währt, wird endlich gut. So kam Beyes beim Sportlerball 2014, zu dem traditionell alle Einwohner eingeladen sind, die Idee, den Gästen zu sagen, was sie denn so planen, dass sie schon was auf der hohen Kante hätten, „aber wo uns trotzdem noch der Schuh drückt“. Noch am selben Abend bekam er von einer Firma aus Fürstenwalde per Handschlag die Zusage über 10.000 Euro (die auch kamen), fast alle anderen beteiligten sich mit Kleinspenden. So läpperten sich nochmals 5000 Euro zusammen – der Plan war aufgegangen!

Fast irrwitzig ist, dass sie nicht nur in Steine investierten und in Lux, sondern dass auch die Beine der Spieler Schritt hielten. Dazu kommt im Herbst 2013 unverhofftes Glück: Wolfgang Juhrsch (67), einst Mittelfeldspieler beim 1. FC Union (dabei 65 Einsätze in der Oberliga) und später mancherorts ein erfolgreicher Trainer, übernimmt die 1. Männermannschaft kurz vor der Winterpause. In die Rückrunde geht Frankonia als Tabellendritter mit sechs Zählern Rückstand auf den Spitzenreiter – und startet mit Karacho durch! Nach sechs Zu-Null-Siegen setzt es zwar in Mellensee das erste Gegentor, aber auch dieses Spiel wird gewonnen. Am Saisonende steigen die Wernsdorfer souverän in die Landesklasse auf und feiern vor allem – obwohl vom Kapitän bis zum letzten Ersatzspieler und sämtlichen guten Geistern rund um die Mannschaft und den Verein alle ihren Anteil am Erfolg haben – ihren Trainer. Der sagt über den Husarenritt: „Uns hatte keiner auf dem Radar. Wir sind zwar überraschend, dennoch aber verdient aufgestiegen.“

Eine Spielklasse höher kitzelt Juhrsch noch mehr aus den Spielern heraus. Für ihre Verhältnisse greifen sie sogar nach den Sternen. „Die Mannschaft hat Potenzial“, versichert der Trainer. Ein wenig haben sie im vorigen Herbst, da waren sie Tabellendritter, vom Durchmarsch in die Landesliga geträumt. Das ist, „weil wir zuletzt ein bisschen geschwächelt haben“, so Juhrsch, in dieser Saison nicht mehr realistisch. Doch das Ende der Fahnenstange ist für den Coach noch nicht erreicht: „Eine Spielklasse höher, die Landesliga, ist für diese Mannschaft keine Utopie.“

Das auch, weil die Basis stimmt. Denn nach Jahren des Nicht-wissen-wohin schert auch der Nachwuchs auf die Überholspur aus. Einer hat dabei seit langer Zeit den Hut auf, ohne den sie mit ihren Kindern und Jugendlichen und auch den Mädchen längst nicht da wären, wo sie sind: Konrad Stadelmeyer, der Jugendleiter. „Unser Nachwuchs war richtig mau, wir hatten eine Zeit lang null Jugend“, erinnert sich Beyes, „da kam 2003 Konny. Er macht das so was von grandios, dass ohne ihn inzwischen nichts geht!“ So kommt es, dass sie alle vernarrt sind in ihren Verein. Ach ja, und den 31. Oktober 2014 werden sie auch deshalb nicht vergessen, weil es auch sportlich ein Tag war wie Samt und Seide: Bei ihrer Flutlichtpremiere haben sie Königs Wusterhausen 3:2 geputzt.

Erhard Pietruschka bereitet zum 100-jährigen Vereinsjubiläum eine Chronik vor

Weiß alles über seinen Verein: Ehrenpräsident Erhard Pietruschka. Foto: JouLux

Seit mehr als 50 Jahren mischt Erhard Pietruschka (76) im Verein mit. Er war Spieler, Betreuer, Trainer, Jugendleiter, Geschäftsführer und Vorsitzender und ist jetzt Ehrenpräsident. Kaum jemand weiß besser Bescheid über Höhen und Tiefen, Triumphe und Niederlagen. Das alles schreibt er akribisch auf und will die Chronik zum 100. Vereinsjubiläum im Jahr 2019 überreichen. Auch deshalb sprach die FuWo mit dem Urgestein.

FuWo: Woher haben Sie denn all die Unterlagen, Herr Pietruschka, dass Sie so eine Chronik stemmen können?

Erhard Pietruschka: „Aus der eigenen Sammlung. Seit 1962 bin ich im Verein und habe alles aufgehoben, was mir in die Hände kam, Bilder, Spielberichte, Zeitungsausschnitte, Protokolle von Vorstandssitzungen, wirklich alles.“

Wie ist es, in jahrzehntelangen Erinnerungen zu kramen?

Pietruschka: „Es ist einerseits schön, andererseits wehmütig. Da gibt es natürlich Aufstiege und auch Abstiege, Siege und Niederlagen, aber hinter allem stehen ja Menschen, Freunde, die mich begleitet haben. Und es gibt Schicksale.“

Erzählen Sie.

Pietruschka: „Immer wieder muss ich dabei an Herbert Böhmer denken, auch er ist jemand der ersten Stunde. Er war Spieler, Funktionär und ist längst Ehrenmitglied. Inzwischen ist er 86, sitzt im Rollstuhl, kommt aber nicht nur zu Heimspielen, sondern geht auch mit auf Auswärtsfahrten. Und jetzt, da seine Frau nicht mehr lebt, ist der Verein erst recht sein Zuhause geworden. Das bewegt einen durchaus.“

Schönes finden Sie sicherlich aber auch jede Menge.

Pietruschka: „Zum Beispiel das: Peter Salbach, viele Jahre unser Torhüter, beendete 2007 knapp 39-jährig seine Laufbahn. In seinem letzten Spiel, zu Hause gegen Schenkendorf, hat er einen Elfmeter gehalten und nach gut einer Stunde seinen Platz freigemacht für seinen Sohn Robert. Dann die vorletzte Minute. Wieder Elfmeter gegen uns und wieder gehalten. Nur eben von Robert. Wir haben 4:3 gewonnen. Aber dass Vater und Sohn in einem Spiel je einen Elfmeter halten, ist wohl einmalig und gibt es nur bei uns.“

Was nehmen Sie in Angriff, wenn 2019 die Chronik übergeben ist?

Pietruschka: „Dann bin ich 80 und es wird Zeit, dass ich kürzertrete. Dann überlasse ich wirklich den Jüngeren das Feld.“

SV Frankonia Wernsdorf 1919
Adresse: Niederlehmer Chaussee 1, 15713 Königs Wusterhausen/OT Wernsdorf Sportanlage:
Sportplatz Wernsdorf, Niederlehmer Chaussee 1
Homepage: www.frankonia- wernsdorf.de
Gegründet: 27. August 1919 als SV Frankonia. Spätere Namen waren Interessengemeinschaft Sport Gosen/Neu-Zittau/Wernsdorf, SV Crossinsee Wernsdorf, Chemie Grünau- Schmöckwitz III, Einheit Wernsdorf, Medizin Nord- ost, Chemie Köpenick, SG Frankonia Wernsdorf und Chemie Grünau. Seit 30. September 1990 wieder SV Frankonia. Bis 1953 spielte Wernsdorf in der Bezirksklasse Frankfurt, danach in Berlin (2002 Abstieg in die D-Klasse), 2002 Wechsel in den Fußballkreis Dahmeland
Mitglieder: 180
Mannschaften: 12 (2 Herren, 1 Senioren, 9 Nachwuchs/teils als Spielgemeinschaft)
Spielklasse der 1. Mannschaft: Landesklasse Ost
Größte Erfolge: 2003 Aufstieg in die 1. Kreisklasse, 2005 Aufstieg in die Kreisliga, 2014 Aufstieg in die Landesklasse

Von Robert Klein

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