14.04.2018

Der frühe Tod eines Idols

In dieser Woche vor 10 Jahren

Der Verlust für die Familie kann nicht größer sein, die Tragik im Allgemeinen nicht zu überbieten, zumal der Tod so früh kommt, viel zu früh. Gerade einmal 19 Tage nach seinem 43. Geburtstag stürzt sich Steffen Krauß, einstiges Mittelfeld-Ass der BSG Wismut Aue und zweimaliger Nationalspieler der DDR, in der Nacht vom 8. zum 9. April 2008 aus einem Fenster aus dem 6. Stock eines Krankenhauses in den Tod.

Krauß ist nicht irgendein Spieler aus dem Erzgebirge, sondern in den 80er Jahren ein regelrechtes Idol. Er ist in die Fußstapfen der ehemaligen Meisterspieler getreten, die zudem in den 50er Jahren das Gesicht der frühen DDR-Auswahlmannschaften prägen. In einem Atemzug wird er genannt mit Karl und Siegfried Wolf, Binges Müller und Klaus Thiele, Willy Tröger und Manfred Kaiser. 


Ein klein wenig Glück hat Krauß aber trotzdem, denn über viele Jahre ist es nicht möglich, als Spieler einer Betriebssportgemeinschaft in ein Nationalteam, ganz gleich welcher Altersklasse, berufen zu werden. Das ist in der DDR lediglich Aktiven aus einem Fußballklub vorbehalten. Plötzlich aber wird die starre Fessel, ein klein wenig Perestroika gibt es auch im Sport, gelockert. Davon profitiert auch Krauß, der nie eine Kinder- und Jugendsportschule besucht hat, sondern im Handwerksbetrieb seines Vaters Johannes einen für Fußballer höchst ungewöhnlichen Beruf erlernt: Er wird Schmied.

Die Ausbildung in diesem so ganz und gar männlichen Handwerk ist dem Kämpfer und Wühler geradezu auf den Leib geschneidert. Der nur 1,75 m große Junge ist wohl talentiert, aber nicht so, als dass er den spielerisch besseren Kameraden das Wasser abgraben könnte. Jedoch bringt er etwas ein, das ihn trotzdem außergewöhnlich macht: Er spielt mit ganz viel Herz. Er weiß, um im Bild seines eigentlichen Berufes zu bleiben, das Eisen so lange zu schmieden, so lange es heiß ist.

Als Achtjähriger schließt er sich 1973 der BSG Wismut an, dem Vorzeigeverein seiner Heimatregion. Anfangs sieht es nach einer großen Karriere gar nicht aus, doch plötzlich kämpft Krauß sich in die Juniorenauswahl, bestreitet bei den 18-Jährigen drei Länderspiele, gehört der Nachwuchsauswahl „Unter 21“ an und steht somit zwangsläufig auch auf dem Zettel von Bernd Stange. Der Nationaltrainer beruft den Draufgänger aus dem Erzgebirge, da die WM-Qualifikation für eine WM-Endrunde, diesmal für die 1986 in Mexiko, mal wieder erfolglos geblieben ist, für einen Neuanfang. Am 17. April 1985 debütiert Steffen Krauß als gerade 20-Jähriger in der A-Elf. Beim 1:0 gegen Norwegen darf er über die gesamte Spielzeit ran. So schnell die Herrlichkeit allerdings gekommen ist, noch schneller fast ist sie schon wieder zu Ende. Nur drei Wochen später, beim 1:4 in Kopenhagen gegen Dänemark, kommt nach 45 Minuten das Aus für Krauß. Der Junge aus dem beschaulichen Aue wird von den Weltstars Morten Olsen, Michael Laudrup, Sören Lerby, Allan Simon­sen und Preben Elkjaer-Larsen gewogen und für zu leicht befunden. Sein zweites Länderspiel ist zugleich sein letztes.

Dafür gibt er nunmehr für Wismut alles, was in seinen Kräften steht – und das ist eine ganze Menge. In sechs Europapokalpartien ist er dabei und Mitglied der DDR-Olympiamannschaft ist er auch, die Qualifikation für das olympische Turnier 1988 aber geht schief. Auch in Aue läuft es längst nicht mehr sonderlich gut. Selbst Krauß kann 1990 den ersten Abstieg überhaupt der Kumpel aus dem Lößnitztal nicht verhindern. Nach 168 Erstligaspielen und 13 Toren ist für ihn Schluss, zumal er eine nicht näher diagnostizierte psychische Krankheit erleidet. Er muss Medikamente über Medikamente einnehmen und kann sich keiner leistungssportlichen Belastung mehr unterziehen. Halbwegs wieder gesund, versucht er ein Comeback beim Bezirksligisten Lößnitz, hängt aber seine Schuhe schließlich ganz an den Nagel.

Zum Suizid kommt es, nachdem Krauß einen Monat zuvor in seiner Schmiede Opfer einer Gasexplosion wird und mit Verbrennungen zweiten Grades ins Krankenhaus eingeliefert werden muss, wo er, wohl auch als Folge seiner einstigen psychischen Erkrankung, in den Tod springt. 

Von Robert Klein

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