Mein Fußball-Woche

04.07.2013

Der beste Schweden-Export seit Abba

Trotz Wendt und Schnellinger kann sich Tennis Borussia in den Siebzigerjahren nicht in der Bundesliga etablieren

Die Idee entstand keineswegs aus einer Bierlaune heraus. Dass ein Bundesliga-Neuling erst einmal daran denkt, seine Abwehr zu verstärken, macht ja durchaus Sinn. Und wenn der neue Mann dann noch jede Menge internationaler Erfahrung mitbringt, dann kann auch das hilfreich sein. Tennis Borussia hat damals, vor der Saison 1974/75, solche Aspekte sehr wohl bedacht. Und drehte dann am ganz großen Rad. Mit finanzieller Hilfe von Schlagerproduzent und Sponsor Jack White glückte dem Verein ein Sensationstransfer: Karl-Heinz Schnellinger kam, geholt vom AC Mailand für geschätzt 100.000 D-Mark Ablöse.

Schnellinger war zwar zum Zeitpunkt des Wechsels bereits 35 Jahre alt, brachte aber neben der altersbedingten Reife auch fußball-weltmännisches Flair in den verträumt-bürgerlichen Eichkamp. Vier WM-Teilnahmen und 47 Länderspiele hatte der Abwehrmann in den Beinen, er war mit Deutschland Vizeweltmeister geworden, hatte mit dem AC Mailand alle Europapokale und sogar den Weltpokal gewonnen. Richtig geholfen hat TeBe der Transfercoup indes nicht. Mit 89 Gegentoren und nur 16 Pluspunkten verabschiedeten sich die Lila-Weißen nach nur einer Saison sang- und klanglos gleich wieder aus der Bundesliga. Als Tabellensiebzehnter. Nur der Wuppertaler SV war noch schlechter.

Abstieg mit 16 Punkten

Von Mailand nach Eichkamp: Das war für Karl-Heinz Schnellinger ein Schritt ins Ungewisse. Nie zuvor hatte er in der Bundesliga gespielt. Als einer der ersten Profis in Deutschland war er damals vom 1. FC Köln nach Italien gewechselt, noch vor Gründung der deutschen Eliteliga. Bei renommierten Klubs wie dem AS Rom und dem AC Mailand leistete er exzellente Abwehrarbeit. Seine rühmlichste Tat für den deutschen Fußball vollbrachte er im Nationaltrikot bei der WM 1970 in Mexiko: Bei der legendären 3:4-Niederlage nach Verlängerung gegen Italien erzielte Schnellinger Sekunden vor Schluss der regulären Spielzeit das 1:1.

Schnellinger schien genau der Richtige, um Tennis Borussia nach dem Aufstieg ein wenig mehr Glanz zu verleihen, spielte der Klub doch in Berlin im Schatten von Hertha BSC nur eine unbedeutende Nebenrolle. Der Schein trog. Statt von der Strahlkraft des Italien-Heimkehrers zu profitieren, gingen bei TeBe ganz schnell die Warnblinkleuchten an. Schnellinger kam, sah – und verlor beinahe jedes Spiel. Schon am 24. August 1974, dem Saisonauftakt, endete gleich das allererste Bundesligaspiel seiner Karriere in einem Fiasko. TeBe spielte beim Mitaufsteiger Eintracht Braunschweig und wurde mit 0:5 gedemütigt. Ganze fünf Punkte sammelten die Borussen danach in einer für sie desolaten Hinrunde ein.

Karriereende in der Rückrunde

19 Bundesligaspiele bestritt Schnellinger für TeBe insgesamt, sein letztes am 28. Februar 1975 auswärts beim Hamburger SV. 4:0 siegte der HSV. Schnellinger wurde von Trainer Georg Gawliczek zur Halbzeit ausgewechselt, Karlheinz Subklewe löste ihn ab. Fans begannen bereits, seinen Namen zu verballhornen, indem sie verächtlich von „Karl-Heinz Langsamer“ sprachen. Sensiblere Gemüter fragten eher mitleidig: Warum hat sich dieser tadellose Fußballer diesen Wechsel zu TeBe bloß angetan?

Unter diversen Verletzungen ebenso leidend wie unter der Kritik der Öffentlichkeit an seinen Leistungen resignierte Schnellinger schließlich. Er beendete seine Karriere schon während der Rückrunde. Das Bedauern darüber hielt sich in der TeBe-Mannschaft in Grenzen. Der damalige Torjäger Norbert Stolzenburg erklärte später im ZDF-Sportstudio: „Der Mann ist sicher Weltklasse, aber er passte nun mal bei uns nicht rein.“

Sofortige Wiederaufstieg

Ob mit oder ohne Schnellinger: TeBe trudelte unaufhaltsam dem Abstieg entgegen. Doch es dauerte nur eine Saison, da meldeten sich die „Veilchen“ schon wieder zurück im Oberhaus. Mit einem neuen Star, der aber erst einer werden musste. Sein Name: Benny Wendt. Ein Stürmer. Und was für einer! Bei seiner vorherigen Station, dem 1. FC Köln, war der Mann, zu dem so herrlich das Klischee vom großen blonden Schweden passt, nie so recht zum Zuge gekommen.

Meist drückte er die Ersatzbank. Die TeBe-Fans hatten Benny Wendt aber spätestens am dritten Spieltag der Saison 1976/77 fest in ihr Herz geschlossen. Da schoss der schwedische Wirbelwind nämlich beim 4:2-Heimsieg über Fortuna Düsseldorf alle vier Tore für die Borussen, eines schöner als das andere. Freudvoller als unter den nur 10.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion an jenem 28. August 1976 kann es auf keinem Mittsommernachtsfest in Schweden zugehen.

Die Taktik des neuen TeBe-Trainers Rudi Gutendorf war freilich auch auf Wendt zugeschneidert wie der Maßanzug bei einem Bräutigam. Die Borussen schlugen bei ihren Kontern einfach lange Bälle schnurstracks nach vorne, wo Wendt dann als Ein-Mann-Sturm kraft seiner Schnelligkeit den gegnerischen Abwehrspielern regelmäßig davoneilte und kraft seiner Kaltschnäuzigkeit auch noch Zählbares schaffte. Bei 30 Einsätzen für die Tennis Borussen glückten Wendt 20 Tore. Gerade die ältere Generation bei TeBe hält diesen Stürmer noch immer für den besten Schweden-Export seit Abba.

3:1 gegen Bayern München

Doch auch ein Benny Wendt allein macht halt nicht glücklich. Selbst spektakuläre Siege über Bayern München (3:1), den 1. FC Köln (3:2) und sogar – besonders prestigeträchtig – über Hertha BSC (2:0) halfen nicht weiter. Erneut stieg TeBe ab, wie beim ersten Mal mit Schnellinger wiederum als Siebzehnter. Die 16 Pluspunkte aus der ersten Saison konnten die Borussen zwar auf 22 Punkte steigern, aber das reichte genauso wenig wie die 47 geschossenen Tore.

Es wären sicher noch ein paar mehr Treffer gefallen, hätte Wendt nicht so oft mit Blessuren vorzeitig vom Feld humpeln müssen. Der damalige TeBe-Trainer Rudi Gutendorf witterte hinter den Verletzungen sogar System. Er sagte: „Manchmal entsteht der Eindruck, die Gegner haben es nur darauf abgesehen, Benny Wendt auf die Knochen zu hauen, um unser Leistungsvermögen um fünfzig Prozent zu verringern.“ Trotz eines Karl-Heinz Schnellinger, trotz eines Benny Wendt: Die Versuche von Tennis Borussia, sich wenigstens als zweite Kraft in Berlin dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren, sind gründlich fehlgeschlagen. Den lilaweißen Fans bleiben nur die wehmütigen Erinnerungen an frühere Heroen. An gute und manchmal weniger gute.

Von Karsten Doneck

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