30.01.2013

Der älteste Profiklub der Welt

Notts County kann trotz seiner großen Tradition nur wenige große Erfolge vorweisen

Der 8. September 2011 war ein ganz besonderer Tag. Endlich konnte der italienische Rekordmeister Juventus Turin sein neues Stadion einweihen. Als Gast für das Eröffnungsspiel hatte die „Alte Dame“ allerdings weder den FC Barcelona noch Manchester United, Milan, Inter oder sonst einen Top-Club eingeladen. Die Ehre, die Stadioneinweihung bestreiten zu dürfen, kam dem englischen Drittligisten Notts County zu. Manch einer wird sich jetzt fragen, weshalb sich „Juve“ nun ausgerechnet diesen Gegner aussuchte. Juventus Turin versus Notts County – das klingt im ersten Moment nicht wirklich attraktiv und sicherlich wäre es für die Norditaliener keinerlei Problem gewesen, einen Großen des internationalen Fußballs nach Turin zu holen. Stellt sich also die Frage, was es mit dieser Einladung wirklich auf sich hatte..

Trikots für Juventus

Um die Antwort zu bekommen, muss man weit zurück gehen – bis in die Anfangszeit des Fußballs. Juventus Turin wurde 1897 gegründet. In den Anfangsjahren spielte der Klub in rosafarbenen Trikots. Da die Jerseys offensichtlich nicht von bester Qualität waren und schnell verblassten, baten die Norditaliener, so sagt es die Legende, einen Engländer um Hilfe, der zu dieser Zeit für Juventus spielte. Dieser half gern und bestellte Trikots bei einem Freund, der glühender Notts County-Anhänger gewesen sein soll und die schwarz-weiß gestreiften Shirts seines Lieblingsklubs nach Italien schickte. In Turin war man zufrieden. Symbolisierte das neue schwarz-weiße Outfit nach Ansicht der zukünftigen Träger doch Biss und Kraft.

Bleibt noch anzumerken, dass das Eröffnungsspiel an jenem 8. September 2011 remis endete. Luca Toni erzielte das erste Tor im neuen „Juve-Ballhaus“, Lee Hughes ließ den Ausgleich folgen. Darüber hinaus sprach Notts County den Italienern eine Einladung nach Nottingham aus. 2012 sollte das 150-jährige Vereinsjubiläum von Notts County würdig gefeiert werden. „Leider“, so County-Pressesprecher Jamie Dixon, „ließ der Terminkalender der Italiener einen Gegenbesuch zu diesem Zeitpunkt nicht zu“. Doch, fügt Dixon an, man wolle an diesem Thema dranbleiben.

Auf 300 Meter Entfernung

Schließlich ist Notts County mit seinen nunmehr 151 Jahren nicht irgendein Verein, sondern der älteste Profiklub der Welt. Und Nottingham, die 300.000 Einwohner-Stadt in den East Midlands, hat fußballerisch einiges zu bieten. Als Fan hat man die Wahl: Rot-Weiß oder Schwarz-Weiß. Ersteres heißt Nottingham Forest. Der Klub hat seine Heimstatt im City Ground, am Südufer des Flusses Trent gelegen. Forest hatte seine ganz große Zeit Ende der 70er, als die Rot-Weißen unter Coach „Big Mouth“ Brian Clough zweimal in Folge den Europacup der Landesmeister nach Nottingham holten. Schwarz-Weiß heißt Notts County oder schlichtweg große Tradition und Kult. Die Magpies (Elstern – wegen der schwarz-weiß gestreiften Trikots, wie Newcastle United) sind in der Meadow Lane beheimatet. Das Stadion liegt am Nordufer des Trent und ist gerade einmal 300 m Fußweg vom City Ground entfernt.

Nun ist bekannt, dass im Fußball lokale Rivalitäten tiefe Gräben reißen können. In der Stadt am Trent geht es jedoch beschaulicher zu. Die Beziehung der Fans beider Lager ist normal und von gegenseitigem Respekt geprägt. Selbst zu Zeiten, als Fan-Unruhen das Land erschütterten, berichtet Jamie Dixon, war das Verhalten der beiden Fangruppen tadellos und ungetrübt. Auch die Chef-Etagen der beiden Vereine haben einen exzellenten Draht zueinander. So verwundert es nicht, dass an jenem Tag, an dem Notts County an der Meadow Lane seinen Hundertfünfzigsten feierte, auch Forest-Offizielle eingeladen waren und kräftig auf den Lokalrivalen anstießen.

Gründungsmitglied der Liga

Notts County gehört zu jenen Vereinen, die vor rund 150 Jahren begannen, die notwendige Basisarbeit zu leisten, damit sich der Fußball so entwickeln konnte, wie wir ihn heute kennen. County wurde 1862 gegründet. Erst ein Jahr später wurde die Football Association (FA) ins Leben gerufen. 1888 gehörte Notts County zu den zwölf Gründungsmitgliedern der Football League. Die anderen waren Accrington, Aston Villa, Blackburn Rovers, Bolton Wanderers, Burnley, Derby County, Everton, Preston North End, Stoke, West Bromwich Albion und Wolverhampton Wanderers.

Der größte Erfolg, den Notts County vorweisen kann, ist der Gewinn des FA Cup im Jahr 1894. Darüber hinaus holte der Klub drei Titel in der damaligen Second Division. Seine bis heute letzte Saison in der höchsten englischen Liga verbrachte County 1991/92. Insgesamt waren es nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch vier (davon drei in Folge von 1981 bis 1984). Der letzte größere Erfolg war die Meisterschaft in der viertklassigen League Two am Ende der Saison 2009/10 und der damit verbundene Aufstieg in die League One.

Knapp 6000 Zuschauer im Schnitt

Notts County ist ein professionell organisierter Klub. Die Spieler sind durch die Bank Profis. Darüber hinaus sorgen 30 Festangestellte im administrativen Bereich tagaus tagein dafür, dass alles in den richtigen Bahnen läuft. An Spieltagen assistieren ihnen rund 300 Teilzeitkräfte. Die Sponsoren, die den Verein unterstützen, kommen hauptsächlich aus Nottingham und Umgebung. In der Regel sind das langfristig gewachsene Verbindungen. Doch es gibt auch Unternehmen, die landesweit tätig sind und Sponsorenverträge mit Notts County unterhalten. Interessant ist, dass einige regionale Sponsoren sowohl County als auch Forest unterstützen. Dabei, so Pressesprecher Dixon, gehe es nach der alten Regel, wer gerade besser dastehe, habe auch die besseren Karten.

Im Schnitt kann sich Notts County derzeit über knapp 6000 Zuschauer (Stadionkapazität rund 20.000) freuen. „Im letzten Oktober“, berichtet Dixon, „fanden zum Spiel gegen die Tranmere Rovers sogar 7260 Leute den Weg in die Meadow Lane“. Saisonrekord! Selbst in der League One ist County nicht die große Nummer. „Als die Premier League gegründet wurde“, sagt Jamie Dixon, „hat Notts County den Anschluss an den First Class-Fußball verloren“. Plötzlich hatten einige Klubs eine Menge Geld. Das, so Dixon, hätte zu einer großen Kluft zwischen den Vereinen geführt.

Ambitionierte Ziele

Derzeit verfolgt man einen Acht-Jahresplan, an dessen Ende die Rückkehr in die Premier League stehen soll. „Wir wissen, dass dies nicht einfach ist“, gibt Jamie Dixon zu. Deshalb habe man auch einen solch langen Zeitraum gewählt. Die Zielstellung der „Magpies“ heißt, sich Jahr für Jahr zu verbessern und nach oben durchzuarbeiten. Für die laufende Spielzeit bedeutet das, sich einen Platz unter den ersten Sechs der Tabelle zu sichern. Damit wäre der positive Trend der letzten Jahre, sich immer ein wenig zu verbessern, gewahrt. Darüber hinaus hätte man noch die Chance, sich über die Play-Offs für die zweitklassige Championship zu qualifizieren. Aktuell liegt County auf Platz zwölf allerdings (bei einem Spiel weniger) acht Punkte hinter Rang sechs.

Ein „Wembley Wizard“

Auch wenn es Notts County, was Titel angeht, im englischen Fußball nie bis auf den Olymp geschafft hat, so haben doch immer wieder Spieler das schwarz-weiße Trikot getragen, die zu den besten ihrer jeweiligen Fußball-Epoche zählten. Countys Rekordspieler ist Albert Iremonger. Der Torhüter brachte es von 1904 bis 1926 auf insgesamt 564 Ligaspiele für die „Magpies“. Eine ganz andere Quote konnte Hugh Kilpatrick – genannt „Hughie“ – Gallacher vorweisen. Der schottische Stürmer spielte in der Saison 1936/37 bei Notts County. In 45 Spielen erzielte Gallacher beachtliche 32 Treffer. Der Schotte gehörte zu den sogenannten „Wembley Wizards“, jenem schottischen Nationalteam, das den Engländern am 31. März 1928 mit einem klaren 5:1-Sieg böse das Fell über die Ohren zog – und das ausgerechnet auch noch im Wembley Stadion, der guten Stube des englischen Fußballs.
An jenem Tag trug ein gewisser Dixie Dean das englische Trikot. Dean, gleichfalls ein sehr gefürchteter Goalgetter, der seine beste Zeit in Diensten des FC Everton verbrachte, ging später ebenfalls für Notts County auf Torejagd.

Wenn von den legendären englischen Torjägern die Rede ist, darf einer nicht fehlen: Thomas „Tommy“ Lawton. Von 1947 bis 1951 bestritt Lawton 151 Spiele für Notts County und konnte in dieser Zeitspanne 90 Tore für die „Magpies“ erzielen. Weitere bekannte County-Spieler waren Jeff Astle, WM-Teilnehmer 1970 mit England, Kasper Schmeichel, Sohn des ehemaligen dänischen Nationaltorhüters Peter Schmeichel, und Martin O'Neill, seines Zeichens ehemaliger irischer Nationalspieler sowie u.a. Trainer bei Aston Villa, Celtic Glasgow und dem FC Sunderland.

Restchance bleibt

In der laufenden Saison 2012/13 hat Notts County aus 27 Spielen 40 Punkte geholt. Eine kleine Chance auf einen Play-Off-Platz besteht also noch. Es wäre dem ältesten Profi-Klub der Welt zu wünschen, dass er seinem Ziel, endlich mal wieder erstklassig zu spielen, schon am Ende dieser Spielzeit einen großen Schritt näher kommt.

Von Winfried Weber

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