22.01.2017

„Den VfL Bochum sollte man nie abschreiben“

Auch wenn der VfL Bochum seit einigen Jahren nur noch zweitklassig spielt, gilt der Verein aus dem Revier noch immer als Talenteschmiede. Nur ein Beispiel unter vielen ist Paul Freier (37), der Anfang der 2000er als wieselflinker Außenbahnspieler beim VfL zum Nationalspieler reifte. Es folgten vier, von zahlreichen Verletzungen geprägte Jahre in Leverkusen, bevor der 1979 im oberschlesischen Beuthen in Polen geborene Mittelfeldspieler nach Bochum zurückkehrte, wo Freier seine Karriere 2014 nach 249 Bundesligaspielen (29 Tore, 45 Vorlagen) und 129 Zweitligaspielen (zwölf Tore, zehn Vorlagen) beendete und anschließend erste Erfahrungen als Jugendtrainer sammelte. Momentan trainiert der vierfache Familienvater die U 19 des westfälischen FC Iserlohn 46/49 (6. Liga), sein Herz gehört aber nach wie vor dem VfL, der am kommenden Freitag zum Auftakt der Rückrunde in der 2. Liga beim 1. FC Union antritt (18.30 Uhr, Alte Försterei).

Fußball-Woche: Herr Freier, es ist erstaunlich, dass Sie 1,80 Meter groß sein sollen, auf dem Fernsehschirm wirkten Sie immer wie einer dieser kleinen Flügelflitzer ...


Paul Freier: „Das haben mir viele gesagt, ich hoffe bloß, dass ich tatsächlich 1,80 Meter groß bin (lacht). Aber es stimmt schon, schnell über die Außenbahn zu kommen, das war mein Markenzeichen.“

Sie hatten als Juniorenspieler ein Angebot von Borussia Dortmund, stattdessen sind Sie zum VfL Bochum. Wäre Ihre Karriere in Dortmund womöglich anders verlaufen?

Freier: „In erster Linie bin ich dankbar, dass ich 15 Jahre lang im Profibereich sein durfte. Ich bin nicht der Typ, der groß überlegt, was er womöglich verpasst haben könnte. Das einzige, dem ich ein wenig nachtrauere, ist, dass ich mich beim letzten Freundschaftsspiel vor der Europameisterschaft 2004 verletzt habe. So ein großes Turnier hätte ich ganz gerne mitgemacht.“

Erst elf Jahre als Profi in Bochum, danach waren Sie dort Nachwuchstrainer. Hatten Sie keine Lust mehr oder warum sind Sie letzten Sommer zum FC Iserlohn?

Freier: „In Iserlohn habe ich als Trainer einfach mehr Zeit für die Familie, außerdem habe ich hier die Möglichkeit, als Cheftrainer zu arbeiten und mehr Ruhe für meine Trainerausbildung. Ich mache demnächst meine A-Lizenz und will hier weiter Erfahrungen sammeln, kann mir aber vorstellen, später wieder im Leistungsbereich zu arbeiten.“

Wie eng ist die Verbindung zum VfL Bochum?

Freier: „Der Kontakt ist noch sehr gut, ich telefoniere regelmäßig mit verschiedenen Leuten vom VfL. Ist doch klar, wenn man da so lange gespielt hat. Ich habe beim VfL im Fanshop gearbeitet, habe bei den Amateuren gespielt, war bei den Profis und bin nach meiner Zeit in Leverkusen zurück nach Bochum. Solche Erinnerungen schmeißt man nicht einfach weg, Bochum ist mein Herzensverein.“

Seit dem verpassten Wiederaufstieg 2011 müht sich der Klub auf dem Weg zurück ins Oberhaus vergeblich. Haben Sie eine Erklärung?

Freier: „Das Budget wird von Jahr zu Jahr kleiner, es gibt weniger Sponsoren. Der VfL muss auf die eine Saison warten, in der alles zusammenpasst. Ich glaube, dass in Bochum sehr gute Arbeit gemacht wird, mit etwas Glück hätte man schon im letzten Jahr um den Aufstieg mitgespielt. Wenn weiter kontinuierlich und akribisch gearbeitet wird, ergibt sich irgendwann auch eine Möglichkeit.“

Ist der Aufstiegszug für diese Saison abgefahren?

Freier: „Auch zehn Punkte sind aufzuholen, eins ist aber klar: Dazu benötigen sie einen Super-Start in die Rückrunde. Wenn die ganzen Langzeitverletzten zurück sind, kann das nochmal einen Schub geben. Den VfL Bochum sollte man jedenfalls nie abschreiben.“

Was ist am Freitag beim 1. FC Union drin?

Freier: „Gegen Union ist es nie einfach, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Die Fans sind unglaublich begeisterungsfähig, es herrscht immer eine sehr gute Stimmung, das macht Union aus. Es wird sicher ein kampfbetontes Spiel und ich bin überzeugt, Bochum wird gut vorbereitet sein.“

Trauen Sie Union den Aufstieg zu?

Freier: „Es gibt jedes Jahr ein Überraschungsteam, in der 2. Liga kann einfach jeder jeden schlagen. Wichtig ist, dass kontinuierlich gearbeitet, von Spiel zu Spiel gedacht und konstant gepunktet wird. Ist das der Fall, kann Union es schaffen.“ 

Ihnen soll auch mal ein Angebot von Hertha BSC vorgelegen haben, das Sie aber zugunsten von Bochum abgelehnt haben. Keine Lust auf Berlin?

Freier: „Das nicht, mir war nur immer wichtig, dass die Familie einen festen Standort hat, wo sie sich wohlfühlt. Deshalb bin ich damals auch nach Leverkusen gewechselt, weil ich so weiterhin in Bochum wohnen konnte. Nach Berlin sind es 500 Kilometer und man weiß nie, wie es dann läuft. Bei meinen Entscheidungen hat die Familie immer eine wichtige Rolle gespielt.“

Interview: Alex Heinen

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