10.01.2015

„Das haben wir alles ohne Geld geschafft“

Die SG Michendorf spielt seit drei Jahren in der Landesliga – Der Verein hofft auf einen Ausbau der Sportanlage – Nachwuchssorgen unbekannt

Häufig schon wurde an dieser Stelle in der Umland-Serie der Fußball-Woche von beeindruckenden Sportanlagen geschwärmt, wie es sie noch und nöcher im Speckgürtel Berlins zu bewundern gibt. Von tollen Plätzen mit pittoresken Gebäuden an idyllischen Orten.

Solch ein malerisches Ambiente kann die SG Michendorf nicht bieten. Dabei liegt Michendorf, eine Gemeinde mit 10.000 Einwohnern neun Kilometer südlich von Potsdam, in einem ausgedehnten Waldgebiet. Hier ist es keineswegs hässlich. Fußläufig vom Bahnhof erreichbar befindet sich die Sportanlage Hellerfichten. Ein kleiner Pfad durch einen Wald führt zum Gelände. Es versprüht durchaus Charme, das schon. Doch so richtig einladend wirkt die Anlage auf den ersten Blick nicht. Am Eingang dient ein quadratischer Container als Kassenhäuschen. Die grauweiße Farbe blättert von der Außenwand ab, überdies ist sie mit gelber Sprühfarbe verschmiert. Zwei Spielfelder befinden sich hier, ein Natur- und ein Kunstrasenplatz. Zwischen beiden Plätzen liegt das Vereinsgebäude, das nicht als architektonisches Kunstwerk zu gelten hat. Der weißgraue längliche Trakt erfüllt seine Funktion, mehr aber auch nicht. Vier Kabinen sowie das Vereinsheim befinden sich unter diesem Dach. Alle Fenster sind vergittert, es fällt nur wenig Licht hinein, alles ist spartanisch eingerichtet.

Das äußerliche Erscheinungsbild der Sportanlage Hellerfichten vermag nicht unbedingt zu beeindrucken. Dafür aber gibt es manch andere Aspekte, auf die andere Klubs neidisch sein können. So spielt die erste Mannschaft der SG Michendorf immerhin in der Landesliga. „Da sind wir sehr stolz drauf“, sagt Volkmar Woite, seit mehr als 14 Jahren 1. Vorsitzender des Vereins. Zu seinem Amt als Vereinschef sei Woite gekommen, „wie die Jungfrau zum Kinde“, witzelt der 53-Jährige. Dabei hat Woite durchaus enge Verbindungen zu dem Klub. Sein Vater Kurt gehörte 1948 zu den Mitgründern, er selbst spielte als Jugendlicher für den Verein. So wie sein Sohn Stefan heute. Im Jahr 2000 wollte der alte Vorstand nicht weitermachen, also habe er sich überreden lassen, erzählt Woite.

Seine Zusage bereute er nie. Zwar habe er schon die „dollsten Dinger erlebt mit Unterstellungen und Anfeindungen. Doch würde es mir nicht mehr gefallen, würde ich hinschmeißen“, sagt Woite. „Und ich denke, wir im Vorstand haben in den letzten Jahren nicht alles falsch gemacht.“ In der Tat hievte sich die SG Michendorf seit der Jahrtausendwende sportlich auf eine höhere Stufe. Zeitweise waren die Michendorfer lediglich in der Kreisliga vertreten, nun ist es die Landesliga. „Man sollte nicht vergessen, dass wir nur ein Dorf sind. Unsere Nachbarorte, Wilhelmshorst und so weiter, die spielen unterste Liga. Städte wie Beelitz oder Teltow befinden sich ein oder zwei Klassen unter uns“, sagt Woite. „Und ich kann dabei nur betonen: Das haben wir alles ohne Geld geschafft.“

Kein Geld – gutes Klima

Dass der Klub seinen Spielern keine Gehälter zahlt, darauf sind sie in Michendorf stolz. Es gehört zum Credo des Vereins. „Dadurch fühlen sich alle gleichbehandelt, so entsteht viel eher eine familiäre Atmosphäre“, meint Dietmar Kroop, der 2. Vorsitzende. Die Spieler kämen einzig und allein, weil es ihnen Spaß mache.

Die meisten stammen aus der Großgemeinde Michendorf, mittlerweile kommen einige Akteure auch aus den umliegenden Ortschaften wie Caputh oder Potsdam. „Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir Landesliga spielen“, sagt Woite. „Als wir noch in der Kreisliga waren, war es schwer, jemanden aus Potsdam zu überreden, zu uns zu kommen.“ Die siebthöchste Spielklasse ist aber auch das Ende der Fahnenstange. Mehr geht nicht in Michendorf, darüber sind sich alle einig.

Alle Altersklassen besetzt

Doch die Perspektive Landesliga zieht ganz schön. Mittlerweile gibt es rund 300 aktive Mitglieder, insgesamt 16 Mannschaften gehen für die SG Michendorf auf Punktejagd. In der Juniorenabteilung sind alle Altersklassen besetzt. Regelmäßig schaffen Spieler aus der A-Jugend nahtlos den Übergang zu den 1. Herren. Das angrenzende Neubaugebiet liefert ständig neuen Nachwuchs. „Wo sollten die ganzen Jugendlichen auch sonst hin?“, fragt Kroop. Die SG Michendorf habe einen besonderen Stellenwert im Ort.

Die große Bandbreite an Teams führt aber auch zu einem Problem: Es ist schlicht und ergreifend zu wenig Platz vorhanden. Für den täglichen regen Trainingsbetrieb reichen die beiden Spielfelder kaum aus, der Rasenplatz kann ohnehin nur bis zum Spätherbst genutzt werden. „Dann haben wir nur vier Kabinen, das funktioniert gerade so mit Zähneknirschen und viel gutem Willen“, sagt Woite.

Auch das Vereinsheim, ein dunkler, spärlich eingerichteter Raum, genügt der hohen Anzahl an Fußballern kaum. Doch es besteht Hoffnung, dass sich dieser defizitäre Zustand bald ändert. „Wir sind in guten Gesprächen mit der Gemeinde, gemeinsam mit unserem Nachbarverein SV Wilhelmshorst, der auch keinen eigenen Platz hat“, sagt Woite. Das Ziel: Die Sportanlage soll ausgebaut werden inklusive eines neuen Sozialgebäudes. „Das wird sich aber wohl noch etwas hinziehen“, befürchtet Kroop. Doch für den Fall, dass von der Gemeinde grünes Licht kommt, würden die Michendorfer alles komplett wegreißen und neu aufbauen. Und vielleicht kann die SG Michendorf bald neben Landesliga-Fußball auch mit einem malerischen Ambiente beeindrucken.

Trainer Horst Strebe lobt die Arbeitsbedingungen und wäscht die Trikots

Wir reden unserem Trainer nicht rein“, sagt Michendorfs 2. Vorsitzender Dietmar Kroop. „Der kriegt auch keinen Druck, wenn er viermal in Folge nicht gewinnt.“ So sitzt Horst Strebe, der seit einem Jahr Coach in Michendorf ist, fest im Sattel, obwohl er mit seiner Mannschaft auf dem drittletzten Platz der Landesliga-Tabelle überwintert – gerade mal einen Rang vor der Abstiegszone. Der 49-Jährige sprach mit der FuWo über sein Engagement bei der SG Michendorf.

FuWo: Herr Strebe, Ihre Mannschaft steht gerade mal einen Platz über dem Strich. Was war los in der Hinrunde?

Horst Strebe: „Das Saisonziel war von Anfang an zwar der Klassenerhalt, dennoch hatte ich gehofft, dass wir da unten nicht reinrutschen. Die anderen Mannschaften fangen an zu punkten. Langsam wird es eng, wir müssen allmählich den Arsch an die Wand kriegen.“

Woran liegt es denn, dass es momentan nicht so gut läuft?

Strebe: „Etliche Leistungsträger sind verletzungsbedingt ausgefallen. Wir spielen zu 90 Prozent mit 18-, 19-, 20-Jährigen, die aus der eigenen Jugend gekommen sind und die natürlich erstmal Landesliga-Luft schnuppern müssen – und da geht es schon anders zur Sache. Dennoch gibt es jetzt keine Ausreden mehr, das ist klar.“

Nach zwei Jahren in der Landesliga Süd spielt die SG Michendorf nun in der Nord-Staffel. Ist die stärker?

Strebe: „Ich denke schon. Ja, die Nord-Staffel ist stärker. Punkt. Doch wir müssen trotzdem da unten rauskommen.“

Ist es schwierig, hier zu arbeiten, wenn überhaupt kein Geld fließt?

Strebe: „Ach, die Arbeitsbedingungen hier sind gut, das habe ich bei anderen Vereinen schon ganz anders gesehen. Man muss sich halt damit arrangieren, dass wir ein Dorf sind und man einige Dinge auch selbst erledigen muss.“

Zum Beispiel?

Strebe: „Zum Beispiel, dass ich die Trikots zum Waschen mit nach Hause nehmen muss. Doch da habe ich überhaupt keine Probleme mit.“

Können Sie sich vorstellen, noch länger in Michendorf zu arbeiten?

Strebe: „Auf jeden Fall! Es gefällt mir gut hier, ich bin rundum zufrieden. Alle im Verein haben immer ein offenes Ohr für mich. Entscheidend ist jetzt aber erst einmal, dass wir in der Rückrunde da unten wieder rauskommen.“

SG Michendorf

Adresse: Am Wolkenberg 16, 14552 Michendorf
Homepage: sg-michendorf.de
Gegründet: 1948, damals bereits als SG Michendorf
Mitglieder: ca. 300, die SG Michendorf ist ein reiner Fußballverein
Mannschaften: 16 (3 Männer-, eine Ü 40, eine Ü 50, 11 Jugendmannschaften).
Spielklasse der 1. Mannschaft: Landesliga Nord
Größte Erfolge: Aufstieg in die Landesliga 2012

Von Andreas Krühler

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