07.02.2015

Das abgetauchte gelbe Unterseeboot

Winter-Fluchten (II): Der FC Cádiz ist zurzeit zwar nur drittklassig, aber einer der schillerndsten Klubs in Spanien – und Teil einer faszinierenden Stadt

Blick vom Torre Tavira auf die Altstadt: Der Torre war einst als höchster Punkt der Stadt der offizielle Wachturm von Cádiz. Don Antonio Tavira war der erste Turmwächter und erwartete durch sein Fernrohr die aus Amerika kommenden Handeslschiffe. Foto: Bläsig

Der Kosename des Vereins passt bestens zur Lage der Stadt am Atlantik. „The Yellow Submarine“, das gelbe Unterseeboot, wird der Cádiz Club de Fútbol (deutsch FC Cádiz) liebevoll genannt. Abgetaucht, fast gesunken und dann plötzlich wieder aufgetaucht, um am Ende der Saison doch noch die Klasse zu halten: Durch diese wiederkehrende Eigenschaft handelte sich der FC Cádiz in den späten 80er und frühen 90er Jahren seinen Spitznamen ein.

Fünfzehnter und Viertletzter waren sie 1986, Achtzehnter und Letzter 1987, Achtzehnter und Drittletzter 1991 und 1992 – immer haben sie es irgendwie in dieser Zeit geschafft, ihren Platz in Spaniens Primera Division zu behaupten (s. rechts). Was sich von den anderen Phasen in fast 105 Jahren Vereinshistorie nicht unbedingt sagen lässt. Die Geschichte des FC Cádiz spielte sich eher selten in der Topliga des Landes ab.

Gibt es dann überhaupt einen triftigen Grund, über diesen Klub so viele Worte zu verlieren? Es gibt nicht nur einen. Denn der FC Cádiz und seine Stadt sind etwas ganz Besonderes, um nicht zu sagen etwas Großartiges. Cádiz, eine der ältesten Städte Westeuropas mit einer in die Antike zurückreichenden Vergangenheit, hat zwar nur gut 120.000 Einwohner, aber ungemein viel zu bieten: Kultur, Geschichte, eine wunderschöne Altstadt, einen neun Kilometer langen, feinsandigen Stadtstrand, den weltberühmten Karneval (Carnaval de Cádiz) sowie Sonne, Meer – und Fußballkultur. Eine ideale Kombination für einen Kurztrip (oder auch längeren Aufenthalt) zu jeder Jahreszeit. Bei Tagestemperaturen im Winter von 12 bis 18 Grad aber gerade jetzt und beim Karneval im Februar ein wohltuendes Kontrastprogramm zum frostigen Mitteleuropa.

Vielleicht ist es in den Wintermonaten nicht immer warm genug, um barfuß am Wasser die knapp fünf Kilometer von der Altstadt zum Estadio Ramón de Carranza zu laufen, wo der FC Cádiz inmitten der hohen Wohnhäuser der Neustadt seine Heimspiele austrägt. Aber wo sonst gibt es solch einen Weg zum Fußball, immer am Strand entlang, den Atlantik im Blick und die Meeresbrise in der Nase? Am Paseo Marítimo links abbiegen zur Plaza de Madrid. Ganz einfach. Und wer nicht zweimal die ganze Strecke laufen will, kann selbstverständlich auch Bus oder Bahn nehmen. Sich ein Spiel in Cádiz anzusehen, lohnt selbst in Spaniens 3. Liga, auch wenn die meisten Gegner keine großen Namen haben. Gefühlt ist der Verein ohnehin erstklassig. 11.000 Dauerkarten hat er für die laufende Saison abgesetzt. Cádiz ist eine fußballverrückte Stadt. Die Fans, die „Cadistas“, stehen leidenschaftlich, mitunter geradezu fanatisch hinter ihrer Mannschaft, gehören aber dennoch zu den beliebtesten Anhängern im ganzen Land: Weil sie friedlich, gastfreundlich und dafür bekannt sind, den Gegnern mit Respekt zu begegnen. Die Hardcore-Fans sind bereits seit 1982 in den „Brigadas Amarillas“, den Gelben Brigaden, organisiert. Die antifaschistisch ausgerichteten Ultras, Mitglied der „Football Supporters Europe“ (FSE), und den Verein verbindet eine enge Freundschaft mit dem Madrider Kiez- und Arbeiterklub Rayo Vallecano und dessen Ultras, den „Bukaneros“. Beide Klubs stiegen 1977 gemeinsam zum ersten Mal in die Primera Division auf.

Insgesamt zwölf Jahre hat der FC Cádiz bislang dort verbracht. In den letzten 20 Jahren ging's aber fast nur bergab. Nach dem verheerenden Doppel-Abstieg 1993 und 1994 tauchte das Yellow Submarine dreimal (für mittlerweile zusammen 14 Spielzeiten) in die drittklassige Segunda B ab. Bis jetzt ist es noch nicht wieder aufgetaucht: Zurzeit belegen die Blau-Gelben Platz zwei in der Gruppe 4. Den Aufstieg in die 2. Liga, der letztmals 2009 gelang, gibt es nur über die Play-offs – ein steiniger Weg.

Die imposante Kathedrale von Cádiz: Das Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert und ihr Vorplatz ziehen Touristen aus aller Welt an, Einer der beiden Türme kann bestiegen werden. Foto: Gutschmidt

Das größte Fußball-Spektakel von Cádiz steigt Jahr für Jahr Mitte August abseits des Liga-Betriebs. Seit der Stadioneröffnung 1955 wird in einem Saisonvorbereitungsturnier die Trofeo (Trophäe) Ramón de Carranza ausgespielt. Abschließend steigt eine große Grillparty am Playa de la Victoria. Das Volksfest mit weit über 100.000 Teilnehmern scheint inzwischen fast wichtiger zu sein als das Endspiel der Trofeo Carranza. In deren Siegerliste stehen u.a. Real Madrid, der FC Barcelona, Benfica Lissabon sowie die brasilianischen Spitzenklubs FC Sao Paulo, Atlético Mineiro, Vasco da Gama, Flamengo Rio de Janeiro, Palmeiras und Corinthians. Zu den Finalisten zählten u.a. Inter Mailand, River Plate aus Buenos Aires und Penarol Montevideo. Der FC Cádiz gewann bislang achtmal die Trophäe, zuletzt 2011.

Die prominenten Teilnehmer aus Übersee passen zu der auf einer Landzunge gelegenen Hafenstadt. Cádiz war einst der Hauptumschlagplatz für den Handel Spaniens mit seinen Kolonien und Hafen der spanischen Silberflotte. Sie begleitete vom 16. bis zum 18. Jahrhundert die Handelsschiffe auf dem Weg in die Neue Welt, vor allem nach Mittel- und Südamerika. Auch Kolumbus war im Golf von Cádiz 1493 zu seiner zweiten Entdeckungsreise in See gestochen.

Ein bedeutender Ort der Geschichte war Cádiz auch während des Spanischen Unabhängigkeitskrieges (1808– 1814). In der belagerten Stadt, die als einzige in Spanien nicht von den französischen Truppen eingenommen werden konnte, wurde 1812 die erste (liberale) Verfassung des Landes verabschiedet. Das Verfassungsdenkmal und das Museo (Museum) de las Cortes de Cádiz erinnern daran. Hauptattraktionen der Altstadt aber sind die mächtige Kathedrale und der Torre Tavira mit seiner Cámara Oscura. Beide Gebäude stehen für den Wohlstand der Stadt im 18. Jahrhundert. Wer in Cádiz unterwegs ist, atmet überall Geschichte.

Auf sie sind die Gaditanos, wie die Einwohner der Stadt genannt werden, genauso stolz wie auf ihren Fußballklub. Seine bis dato letzte Saison in Spaniens 1. Liga verbrachte das Gelbe Unterseeboot 2005/06. Es war ein ganz spezieller und frenetisch gefeierter Aufstieg, gelang er doch am 18. Juni 2005 am letzten Spieltag ausgerechnet mit einem 2:0-Sieg beim ungeliebten Nachbarn Xerez CD in Jerez de la Frontera. Es wird mal wieder Zeit für ein ähnliches Freudenfest …

Infos & Service

Klima: Die gut 120.000 Einwohner zählende Hafenstadt in der Autonomen Region Andalusien lohnt einen Besuch zu jeder Jahreszeit. Preiswert und wenig überlaufen ist die Stadt in den kühleren und feuchteren Wintermonaten. Doch selbst im Januar und Februar sind Temperaturen um 15 Grad die Regel. Im Sommer kann es mitunter brütend heiß (bis zu 40 Grad bei Ostwind) werden.

Anreise: Der nächstgelegene Flughafen ist der im zirka 50 Kilometer entfernten Jerez de la Frontera mit ganzjährigen Verbindungen z.B. mit Air Berlin über Palma de Mallorca nach Tegel. Von Ende Februar bis Anfang November auch Direktverbindungen nach Deutschland u.a. mit Condor, Germanwings, TUIfly und Ryanair. Die wahrscheinlich preisgünstigste Variante von Berlin aus ist ein Flug mit Easyjet (ab Schönefeld) oder Iberia Express (ab Tegel) nach Madrid und dann weiter mit der Bahn (vier bis viereinhalb Stunden, ohne Umsteigen) oder einem Anschlussflug mit Iberia nach Jerez.

Bei rechtzeitiger Buchung und mit etwas Glück sind Hin- und Rückflug von Berlin nach Madrid schon für deutlich unter 100 Euro zu bekommen. Zugtickets (ab zirka 70 Euro von Madrid nach Cádiz und zurück) können online bei der spanischen Eisenbahn (Renfe) unter www.renfe.com gebucht werden.

Unterkunft: Cádiz bietet unzählige Hotels und Hostels in allen Kategorien. Unser Tipp: Hotel Patagonia Sur, Cobos 11, 11005 Cádiz. Absolut zentral in der Altstadt in unmittelbarer Nähe zur Kathedrale gelegen; 10–15 Minuten Fußweg zum Strand; schöne Zimmer; freundliches Personal; günstige Winterangebote, z.B. Doppelzimmer (ohne Frühstück) über www.booking.com ab 62 Euro.

Erfolge & Namen Cádiz CF

Gründungsdatum: 10. September 1910 – als Cádiz Foot-Ball Club (später bis 24. Juni 1936 Mirandilla FC, danach bis 19. Oktober 1944 Cádiz Fútbol Club, seitdem Cádiz Club de Fútbol).

Stadion: Estadio Ramón de Carranza, eingeweiht am 3. September 1955 gegen den FC Barcelona (0:4). 25.033 Plätze. Davor spielte der Verein seit dem 27. August 1933 im Campo de Deportes Mirandilla.

Aufstiege in die Primera Divison (5): 1977, 1981, 1983, 1985, 2005.

Abstiege aus der Primera Division (5): 1978, 1982, 1984, 1993, 2006.

Spielzeiten in der Primera Division (12): 1977/78 (1), 1981/82 (1), 1983/84 (1), 1985/86–1992/93 (8), 2005/06 (1). 1987 gelang der Klassenerhalt in einer Dreier-Abstiegsrunde, 1991 in der Relegation gegen CD Málaga (0:1 auswärts; 1:0, 5:4 n.E.) und 1992 in der Relegation gegen UE Figueras (2:0; 1:1).

Beste Platzierung in der Primera Division: 12. 1987/88.

Spielzeiten in der Segunda: 37 (erstmals 1935).

Spanischer Pokalhalbfinalist: 1989/90 (0:1 und 0:3 gegen Real Madrid).

Meiste Einsätze für Cádiz CF: Raúl López (375 – 360 Liga, 15 Pokal).

Meiste Tore für Cádiz CF: Francisco „Paco“ Baena Jiménez (87 – 78 Liga, sechs spanischer Pokal, drei andalusischer Pokal).

Meiste Saisontore für Cádiz CF in der Primera Division: Jorge „Mágico“ González (14 in 1983/84).

Berühmte Spieler: Paco Baena, 234 Liga-Einsätze für Cádiz (davon 23 in der Primera und 191 in der Segunda) von 1969 bis 1975 sowie von 1977 bis 1979, in Cádiz geboren; Hugo Vaca, argentinischer Innenverteidiger, 86 Liga-Spiele für Cádiz (29 in der Primera, 57 in der Segunda) von 1978 bis 1983, an zwei Erstliga-Aufstiegen beteiligt; Mágico González, Nationalspieler aus El Salvador (40 Länderspiele, 40 Tore), 193 Liga-Einsätze für Cádiz (150 in der Primera, 43 in der Segunda) von 1982 bis 1985 sowie von 1986 bis Oktober 1990; Juan „Juanito“ Gutiérrez Moreno, WM-Teilnehmer 2006, EM-Teilnehmer 2004 und 2008; „Koke“ Contreras, 36 Zweitliga-Einsätze für Cádiz 2007/08, WM-Teilnehmer 2002, Torhüter u.a. von Real Madrid; Diego Tristán, 29 Zweitliga-Einsätze für Cádiz 2009/10, WM-Teilnehmer 2002, Torschützenkönig in Spanien 2001/02 für Deportivo La Coruna.

Berühmte Trainer: Enrique Mateos, ehemaliger spanischer National- spieler von Real Madrid, Aufstiegstrainer in Cádiz 1977; Dragoljub Milosevic, Serbe, Aufstiegstrainer 1981 und 1983; Víctor Espárrago, Nationalspieler und WM-Teilnehmer Uruguays 1970, nach 1987/88 und 2004–2006 (Erstliga-Aufstieg 2005) noch einmal 2010 Trainer in Cádiz; Ramón Blanco, schaffte 1991 und 1992 mit Cádiz den Klassenerhalt in der Primera Division.

Website Verein: www.cadizcf.com

Von Horst Bläsig

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