17.01.2014

Das abgesagte Meisterschaftsfinale

25 Vereine aus dem heutigen Groß-Berlin waren am 28. Januar 1900 dabei, als in Leipzig der Deutsche Fußball-Bund gegründet wurde. In einer neuen Serie stellt die Fußball-Woche diese Klubs der ersten Stunde aus Charlottenburg, Berlin, Friedenau, Niederschönhausen und Rixdorf vor und erzählt, was aus ihnen geworden ist. In er Serie sind bisher erschienen: die Vorläufer vom SV Blau Weiss, von der SV Nord Wedding und vom SV Stern Britz. Jetzt folgt Teil 4.

Die Wiege des am 2. Juli 1892 gegründeten BTuFC (Berliner Thor- und Fußballclub) Britannia 1892 ist das Tempelhofer Feld (heute Tempelhofer Freiheit). Der heute ungewöhnlich anmutende Vereinsname zeugte von der Begeisterung für die aus Großbritannien importierten Sportarten Fußball und Cricket. Letztere wurde damals in Deutschland noch Thorball genannt. Schon ein Jahr nach der Gründung durch eine kleine Gruppe Schüler des Friedrich-Wilhelm und des Askanischen Gymnasiums schloss sich im Mai 1893 der Verein „Brandenburg“ mit seinen ganzen neun Mitgliedern den „Briten“ an. Der Spielort in Tempelhof war in den frühen Jahren des Fußballs in Berlin eher eine Sammeladresse als eine auf einen Verein zurückzuführende Adresse. In jenen frühen Jahren wurden an einem normalen Sonntag bis zu 50 Spiele verschiedenster Vereine auf dem Tempelhofer Feld ausgetragen. Die meisten Mitglieder von Britannia wohnten zudem in unmittelbarer, fußläufiger Entfernung zum Spielort.

Britannia entwickelte sich prächtig und konnte 1898, 1903 und 1904 erste Berliner Meisterschaften erringen. Während der Club 1903, inzwischen in den Sportpark Friedenau umgezogen, bereits im ersten Spiel der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ausschied (1:3 gegen den VfB Leipzig) sollte es die Mannschaft ein Jahr später über die Stationen Karlsruher FV (6:1) und Germania Hamburg (3:1) bis ins Finale schaffen. Am Vormittag des 22. Mai 1904 sagte der DFB jedoch das für den Nachmittag in Kassel geplante Endspiel gegen den VfB Leipzig ab und annullierte die gesamte Meisterschaftsendrunde. Der Karlsruher FV hatte erfolgreich Einspruch eingelegt, weil der DFB die Spiele nicht wie eigentlich vorgeschrieben an neutralem Orte angesetzt hatte und durch das Heimspiel der Berliner im Viertelfinale eine klare Benachteiligung geltend machte. Es wäre die einzige Finalteilnahme für die Fußballer der „Briten“ in der Geschichte gewesen.

Auf Druck der Behörden legte der Verein nach Ausbruch des ersten Weltkriegs am 10. Dezember 1914, „vielleicht törichterweise“ wie es in der Chronik zum 75-jährigen Jubiläum heißt, seinen Namen ab und benannte sich in „Berliner Sport-Verein 1892“ um. Die antibritische Stimmung im Land hatte es nötig gemacht. Die Idee den Namen nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufleben zu lassen wurde nie umgesetzt. Ebenfalls im Jahr 1914 schloss sich der BFC Fortuna 1894, der aus den Vereinen Semonia Berlin und BFC Hercynia hervorging und 1900 ebenfalls ein Gründungsmitglied des DFB war, dem BSV 92 an. Bis auf eine Teilnahme am Landespokalfinale (1:4 gegen den Weißenseer FC) konnte Fortuna in den 20 Jahren seiner Existenz nicht durch sportliche bedeutende Erfolge auf sich aufmerksam machen.

In den Jahren 1936, 1938 und 1943 wurden die „Störche“, wie der Verein aufgrund seiner roten Stutzen inzwischen im Volksmund genannt wurde, Meister der Gauliga Berlin-Brandenburg. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft konnte man 36 und 38 mit klangvollen Vereinen wie Schalke 04, aber auch eher unbekannten Größen wie Hindenburg Allenstein, nicht mithalten und erreichte in den Gruppenspielen keinen einzigen Sieg. 1943 lief es besser und der Verein stieß zumindest bis in das Achtelfinale vor, wo man den anderen „Stöchen“, Holstein Kiel, mit 0:2 unterlag. Wie alle Vereine durfte der BSV 92 nach dem Ende des Krieges 1945 zunächst nicht unter dem alten Namen am Spielbetrieb teilnehmen. Deshalb holte den Titel der ersten Berliner Meisterschaft nach dem Krieg unter dem Namen SG Wilmersdorf. Nach der Rückbenennung zum alten Namen 1948 holte der BSV in den Jahren 1949 und 1954 die bislang letzten Berliner Meistertitel. Die „Störche“ waren in dieser Zeit bis 1956 stets unter den besten Mannschaften der Stadt zu finden und beim Publikum entsprechend populär. In der Endrunde um die „Deutsche“ hatte man es mit den ganz großen Clubs des Deutschen Fußballs zu tun und unterlag Borussia Dortmund (1949, 0:5) bzw. Hannover 96 und dem VfB Stuttgart (1954, 1:2 bzw 0:3).

1951 wurde auf dem Gelände des alten BSV-Platzes die noch heute gültige Spielstätte, das Stadion Wilmersdorf, eröffnet. Seit 1984 wird hier auf den nördlichen Tribünenhängen vom Bezirk die „Wilmersdorfer Rheingauperle“, dem einzigen in einem Stadion angebauten Wein, angebaut. Der Spielbetrieb wird durch diese Zweckentfremdung der Tribünen jedoch nicht beeinträchtigt, denn allzu großes Zuschauerinteresse besteht an den „Störchen“ derzeit nicht mehr. Die erste Männermannschaft der Fußballer belegt derzeit in der Bezirksliga den letzten Platz

Von Denis Roters

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