07.02.2014

Dank Fusion an die Spitze

Als Schiedsrichter Willi Guyenz am 22. Juni 1930 abpfiff, ging den meisten Herthanern wohl nur ein Wort durch den Kopf: endlich! Vier Mal in Folge hatten die Berliner im Finale um die nationale Fußballkrone gestanden, doch immer mussten sie die heißbegehrte Victoria ihrem Gegner überlassen. Erst im fünften Anlauf gelang den Blau-Weißen die langersehnte Erlösung. Hertha BSC – Deutscher Meister.

Vorausgegangen war ein hochdramatischer 5:4 (3:3)-Sieg über Holstein Kiel im Düsseldorfer Rheinstadion. Vor 40.000 Zuschauern, darunter mehrere tausend Berliner, lag die „Alte Dame“ schon nach acht Minuten 0:2 zurück. Doch Hertha-Legende Johannes „Hanne“ Sobek brachte sein Team mit einem Doppelschlag wieder ins Spiel, ehe die Hauptstädter in der zweiten Halbzeit sogar mit 4:3 in Front gingen. Die Kieler aber gaben sich nicht auf. Nach einem umstrittenen Platzverweis gelang den Norddeutschen in Unterzahl der Ausgleich. Brütende Hitze, dazu ein Publikum, das sich nun lautstark hinter den dezimierten Underdog stellte – die Schlussphase geriet für die Berliner zu einer großen Nervenprobe. Doch diesmal behielten die Herthaner das bessere Ende für sich. Drei Minuten vor Schluss erzielte Hans Ruch den Siegtreffer.

Für Hertha BSC war der Titelgewinn der vorläufige Höhepunkt einer nicht gerade reibungslosen Vereinsgeschichte. Der Gründungsmythos geht auf das Jahr 1892 und die Brüder Fritz und Max Lindner sowie Otto und Willi Lorenz zurück, die den Verein unter dem Namen BFC Hertha 92 gründeten. Ob der Gründungsort in Wedding, Mitte oder Prenzlauer Berg lag, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Genau überliefert ist dafür die Namensgebung: Fritz Lindner war kurz zuvor auf dem Havel-Dampfer „Hertha“ gefahren, dessen Schornsteinbemalung auch für die Vereinsfarben Pate stand. Ihre ersten Spiele trugen die Herthaner auf dem „Exer“ (Exerzierplatz an der Schönhauser Allee) aus. Tore und Spielfeldmarkierungen mussten – wie in den Kindertagen des Berliner Fußballs üblich – selbst mitgebracht werden, als Umkleide diente eine benachbarte Gaststätte.

Ihr erstes richtiges Zuhause fanden die Blau-Weißen jedoch am Gesundbrunnen. Ab 1904 trug Hertha seine Spiele auf dem Schebera-Platz (heute: Norden-Nordwest-Platz) aus und gewann zwei Jahre später unter dem Dach des Verbands Deutscher Ballspielvereine (VDB) seine erste Berliner Meisterschaft. Für noch mehr Aufsehen sorgte allerdings ein 3:1 im Freundschaftsspiel gegen den FC Southend United aus England – schließlich galt ein Sieg gegen eine Mannschaft aus dem „Mutterland des Fußballs“ anno 1910 als absolute Sensation. Zwischen 1915 bis 1918 sicherten sich die Herthaner drei weitere Berliner Meisterschaften, ehe sich der Verein 1918/19 vorübergehend ins Abseits manövrierte. Wegen unerlaubter Handgeldzahlungen wurde die Mannschaft disqualifiziert, durfte in der Folgesaison jedoch wieder am Spielbetrieb teilnehmen.

In den 20er Jahren sollte das Thema Geld ein ständiger Begleiter bleiben. Aufgrund wirtschaftlicher Probleme fusionierte Hertha 1923 mit dem finanzkräftigen Berliner Sport-Club – die Geburtsstunde des Vereinsnamens Hertha BSC. Gemeinsam baute man das „Stadion am Gesundbrunnen“, besser bekannt als „Plumpe“. Für den Klub der Auftakt „goldener Jahre“, die im Gewinn der deutschen Meisterschaft 1930 gipfelten. Trotz der sportlichen Erfolge war Herthas Verhältnis zum BSC jedoch fast durchgehend angespannt. Unmittelbar nach dem Titelgewinn erfolgte die Trennung. Gegen eine Abfindung in Höhe von 73.000 Reichsmark durften die Blau-Weißen die „Plumpe“ und den inzwischen bekannt gewordenen Namenszusatz „BSC“ behalten.

Sportlich sollten die Herthaner die Trennung problemlos verkraften. 1931 erreichten sie erneut das Endspiel um die Victoria. In Köln gewannen die Berliner – angeführt vom überragenden Hanne Sobek – nach zwischenzeitlichem 1:2-Rückstand mit 3:2 gegen 1860 München. Für Hertha BSC sollte es bis heute die letzte Deutsche Meisterschaft bleiben.

Von Jörn Lange

.

Kommentieren

Vermarktung: